Halbseitenblinde Quantenphysik

Seit meinem Klinikaufenthalt besitze ich eine CD, auf der mein komplettes Gehirn abgebildet ist. Die CD ist nicht voll. Da passen noch gut 40 Stunden Musik drauf. Bevor jetzt welche feixen, das hätten sie schon lange gewusst, das ist erstens eine Schätzung, mit der ich mich ein bisschen in Selbstironie übe und zweitens enthält die CD nur mit dem Magnet-Resonanz-Tomographen (MRT) abfotografierte Schnitte durch mein Gehirn, quasi ausschließlich Metadaten. Gedankliche Inhalte sind nicht gespeichert auf der CD. Schade eigentlich. Man könnte sonst sein Bewusstsein auslagern. Beispielsweise könnte es Bewusstseinsbibliotheken geben, wo man sich den Inhalt eines Gehirns ausleihen und in den eigenen Kopf hochladen könnte. Ein Freund sagte jüngst, bei ihm wären in der Hauptsache Bilder nackter Frauen gespeichert. Er ist freilich noch ein junger Mann. Es handelt sich also nicht um einen Fall der berüchtigten Greisengeilheit. Aber sein Gehirninhalt wäre sicher unter manchen Männern der Renner. Dauernd ausgeliehen und über die Fernleihe aus dem Vatikan, aus Paderborn oder von den Fidschi-Inseln auf Monate vorbestellt.

Letztens unterhielt ich mich mit einem Neuropsychologen und befragte ihn nach der Funktion der MRT-Röhre, speziell, warum es darin hämmert und dröhnt. Das Hämmern seien die kreisenden Magnete, und was dröhnt, sei die Kühlung. Er gab rasch auf, mir die Funktion der Magnetaufzeichnung zu erklären, sondern redete sich raus, das reiche schon in die Quantenphysik. „Quantenphysik“, das ist ja ein Wort, das man gelegentlich in Gespräche einfließen lassen sollte,wenn man was nicht erklären kann und man sollte dabei nicht vergessen, bedeutungsvoll die Augen zu verdrehen. Es ist eine Sorte pseudowissenschaftliches Namedropping, was aber mein Neuropsychologe nicht nötig hat. Die Unterhaltungen mit ihm sind anregend.

Derzeit ist ein Stück von mir nicht in dieser unserer gemeinsamen Welt, sondern ragt in eine uns völlig fremde Dimension. All die Fachleute hier nennen das Phänomen „Neglect“. In der extremen Ausprägung könnte man es auch Halbseitenblindheit nennen. Betroffene nehmen eine Seite ihres Körpers und der physikalischen Welt nicht wahr. Ich habe meinen Neglect gespürt, weil ich mit der linken Seite immer stieß, also linksseitig nicht um die Ecken kam. Inzwischen kommt diese meine linke Körperhälfte langsam wieder zu mir zurück. Ich habe den Neuropsychologen gefragt, was denn mit den Leuten ist, deren Neglect ihren ganzen Körper erfasst. „Das wissen wir nicht!“, sagte er, „wir haben ja den Zugang zu ihnen verloren. Eye! Die finden sich vielleicht auf einem Jupitermond, haben aber ihre Sinne nicht bei sich und merken nichts. Was ich schreibe, ist ziemlich spekulativ. Und wenn mir einer widersprechen will, sage ich: Davon verstehst du nix, es reicht schon in die, was sage ich, das IST quasi Quantenphysik.

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