Die Gesellschaft vom Dachboden muss leider zerfallen

Ich sitze vor der Biobäckerei in der Limmerstraße, trinke einen Milchkaffee und lese einen Roman. Man hat versäumt, die Markise herauszufahren, weshalb es mir in der prallen Sonne fast zu warm ist. Zum Glück ist das Papier des Buches nicht mehr weiß, sondern stark vergilbt, so dass ich nicht von den Buchseiten geblendet werde. Plötzlich fällt ein Schatten aufs Buch, dann auf mich, und wie ich hoch sehe, steht Herr Leisetöne groß vor mir und hat sich herabgebeugt, um zu sehen, in welchem Buch ich lese. Es ist das Buch, das er mir vor ein paar Nächten geliehen hat, Die Gesellschaft vom Dachboden von Ernst Kreuder.

„Ich lese gern darin“, sage ich, obwohl ich mich auf der Limmerstraße schlecht konzentrieren kann, weil ständig Leute vorbeikommen, so dass ich manchmal eine Seite zweimal lese, ohne es wirklich zu merken. Leider geht das Buch schon aus dem Leim.“
Ich zeige Herrn Leisetöne, wo das Buch auseinanderzubrechen droht, und er sagt: „Wenn du das Buch kaputt liest, musst du mir ein neues besorgen.“
„Es ist ja über 50 Jahre alt“, wende ich ein, „und nach 50 Jahren zerfällt so ein Buch, mindestens aber so ein Rowohlt Rotations Roman (rororo) aus der Nachkriegszeit.“

Um das Jahr 1950 begann der Rowohlt Verlag mit der Produktion preiswerter Taschenbücher im Rotationsdruck. Das ist Druck von der Rolle, wie man ihn aus dem Zeitungsdruck kennt. Rollenpapiere enthalten einen hohen Holzfaseranteil. Dieses Papier ist billig in der Herstellung und zerreißt nicht so schnell, wenn die Papierbahn mit hoher Geschwindigkeit durch die Rotationsmaschine jagt und auf irrwitzigen Wegen um Rollen herum zwischen diverse Druck und Gegendruckzylinder geführt wird. Anders als höherwertige Papiere aus Zellstoff oder Lumpen enthält Holzstoffpapier einen hohen Anteil an Lignin, eine organische Verbindung, die verantwortlich ist für die Stabilität von Bäumen. Dieses Lignin bewirkt im Papier das Vergilben, was bei einem Tagesprodukt wie der Zeitung nicht auffällt, bei Rowohlts Rotations Romanen schon. Rotationspapier aus der Nachkriegszeit enthält besonders viel Lignin.

Die Gesellschaft vom Dachboden
aus dem Jahr 1953 wird bald zerfallen. Das Buch ist nicht nur stark vergilbt, sondern zudem schlecht gelumbeckt. Der schmale Leinenstreifen am Buchrücken weist links und rechts Risse auf. Lumbecken ist ein Verfahren der Kalt-Klebebindung, das um 1942 vom Buchhändler Emil Lumbeck erfunden wurde. Alle rororo-Bücher aus den Anfängen haben diese Bindung mit einem Leinenstreifen und gehen schnell aus dem Leim. Das alles muss ich Herrn Leisetöne nicht erzählen, denn er ist ja ein passionierter Büchersammler und kennt sich aus. Er nickt nur verständnisvoll, verabschiedet sich und setzt mich und sein zerfallendes Buch wieder der prallen Sonne aus. Später bitte ich darum, die Markise herauszufahren, weil Herr Leisetöne so rücksichtslos den Schatten mitgenommen hat. Aber ich weiß nicht wie das Buch aussieht, wenn ich mit ihm fertig bin, zumal ich alle Seiten zweimal lesen muss, weil dauernd jemand vorbeikommt.

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2 Antworten auf Die Gesellschaft vom Dachboden muss leider zerfallen

  1. Was für ein schönes Wort: gelumbeckt. Für solche Worte bin ich immer zu haben, mehr davon! Verballhornt gibt es ja schon, wie wäre es mit gelitfaßt zum Beispiel?

    • trithemius

      Das Wort “litfassen” hat sich nicht eingebürgert, vermutlich weil die Litfaßsäule nur von dazu autorisierten Personen beklebt werden darf.
      Darum muss ja die zerfallene Gesellschaft vom Dachboden Männer mit Stelzen als Sandwichmänner ausschicken, um die verstrreuten Mitglieder wieder zu finden.

      Ich habe übrigens schon mit eigener Hand gelumbeckt. Will sagen: Lumbecken und verballhornen kann jeder.

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