Schurz am Arsch

Gestern war Poschürzentag in Hannover. Wer morgens aus dem Haus gegangen war und eingedenk des Wetters der letzten Tage eine Jacke übergezogen hatte, dem war sie unter der Nachmittagssonne zu warm geworden. Modisch ganz Verwegene binden eine derart lästig gewordene Jacke als Poschürze um. Die Poschürze ist der Lendenschurz des Spießers. Mancher Spießerarsch verdient es durchaus, verhüllt zu werden. Allerdings ist dann die flappende Poschürze kaum schöner anzusehen als der Arsch darunter. So ein Fummel um die Beine scheint männliche Poschürzenträger an archaische Gewandungen zu erinnern, und sie stolzieren daher wie die alten Germanen, die höchstpersönlich an der Schlacht im Teutoburger Land teilgenommen haben.

Ein Poschürzenträger stemmt einen wirklich mächtigen Bauch voran. Da wirkt die Poschürze wie ein Gegengewicht. An seiner Hand baumelt eine magere Frau. Vermutlich isst er ihr alles weg. Dann kommt eine gemischte Gruppe schräger Vögel, allesamt in XXL-T-Shirts mit abenteuerlichen Aufdrucken auf den Bäuchen. Sie sind vermutlich gerade erst aus den Betten gekrochen, weshalb meine Poschürzen-Theorie bei ihnen nicht zutreffen kann. Wer nachmittags mit Poschürze losläuft, will einen Abend draußen verbringen und sich gegen eventuelle Abendkühle wappnen.

Nebenan im Stadion sollte gestern Abend der Boss auftreten, besser bekannt als Bruce Springsteen. Erstaunlich, was Springsteen für ein Volk anzieht oder anders gesagt, erstaunlich, was aus Springsteens jungen Fans geworden ist, die ja auch einmal ansehnliche, hoffnungsvolle Teenager gewesen sind, wie das Leben sie verhärmt, verhunzt, aufgedunsen, verbogen und verspießert hat. Es ist ja der einfache Mann, der zu einem Springsteenkonzert geht, denn auch der Boss kommt aus einfachen Verhältnissen, hat seine Herkunft nie verleugnet und besingt das Leben, die Träume und das Scheitern des kleinen Mannes.

Nebenbei: Vor der Metapher „kleiner Mann“ hat die Durchgenderung der Sprache halt gemacht. „Die kleine Frau von der Straße“ wollten selbst Feministinnen nicht lesen.

Das notierte ich am Nordufer des Maschsees. Ich saß auf einer Bank in der langen Reihe weißer Bänke entlang der Promenade, lutschte ein Eis und sah den Leuten beim Promenieren zu. Da fuhr ein schlankes älteres Paar mit teuren Partnerlook-Fahrrädern heran, ganz offenbar keine Springsteenfans, sondern der Funktions-Kleidung nach solche, die im Eigenheim wohnen mit Terrasse, Garten und Hortensien im Vorgarten. Ich konnte sie nicht gut beobachten, denn sie suchten sich einen Platz weiter weg. Nur dachte ich nach einer Weile, was machen die da für einen Hantier? Warum sitzen die noch nicht? Dann sah ich, dass der Mann eine helle Sitzunterlage aus der Satteltasche geholt hatte und sie versuchte glatt auszubreiten, woran seine Frau ihn zunächst hinderte, weil sie offenbar die Bank inspiziert und ein paar verbliebene Regentropfen gesichtet hatte, die zuvor mit einem ebenfalls aus der Satteltasche hervorgeholten Tuch weggewischt werden mussten. Vielleicht war es auch ein Fleck, eine dubiose Stelle auf dem Lack, auf die man die gute Sitzunterlage nicht legen mochte, schließlich sitzen schon mal Krethi und Plethi auf diesen Bänken. Die beiden waren jedenfalls eine Weile beschäftigt, bevor sie sich zurücklehnen konnten.

Erstaunlich wie geplant manche Leute durchs Leben gehen, was sie alles mit sich führen, damit sie es überall fast so bequem haben wie zu Hause. Aber in ihrer emsigen, kleinlichen Besorgtheit, sich von der Umwelt und der profanen Welt ihrer Mitmenschen abzuschotten, wirken sie höchst albern, ja, sogar abstoßend. Warum können sich solche Korinthenkacker nicht einfach eine Poschürze umbinden?

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16 Kommentare zu Schurz am Arsch

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