Vom Schreiben, Beschreiben und Fortschreiben der Bücher

Als der informelle Maler Emil Schumacher gestorben war und ich einem Freund davon berichtete, holte er sogleich das dicke Harenberger Personenlexikon aus dem Bücherregal, schlug es bei Schumacher auf, las vor, was dort geschrieben stand, schraubte seinen Füller auf und schrieb in den teuren Wälzer hinein.
„Was tun Sie da, Sir?“, fragte ich.
„Na, wenn ich schon dabei bin, kann ich doch gleich das Todesdatum eintragen“, sagte er.

Das mag man heute nicht mehr spektakulär finden, wo doch Wikipedia beinah schneller als die Zeit aktualisiert wird. Ich warte auf den Augenblick, dass der Tod eines berühmten Menschen dort verzeichnet ist, bevor der den Löffel abgegeben hat, und zwar nicht irrtümlich, sondern in einer Überholung der fassbaren Realität durch das Digitale. Unmöglich erscheint mir das nicht. Gestern hörte ich beim Osterspaziergang durch Hannovers Großen Garten vom Quantencomputer, dass er nicht nur die digitale Welt völlig umkrempeln werde, sondern auch teilweise in einer anderen Dimension stehen müsse. Man stelle sich vor, einer liest seinen Wikipedia-Eintrag, plötzlich verändert sich der Text, und das letzte, was der arme Mensch in dieser Welt zu sehen kriegt, ist sein aufscheinendes Todesdatum.

Halt, nicht so schnell, das ist gar nicht unsere Thema. Die Rede ist vom Fortschreiben eines gedruckten Buches, obwohl es doch immer so einen geschlossenen, fertigen Eindruck macht.

„Die Herren Verfasser erhalten Freiexemplare auf gewöhnlichem Papier und zwei auf gutem Schreibpapier mit breitem Rande“, steht im Vertragsentwurf zwischen Jacob und Wilhelm Grimm und der Weidmann’schen Buchhandlung, dem Verlag, über das zu erstellende Deutsche Wörterbuch. Der breite Rand auf gutem Schreibpapier sollte die Nachträge der beiden Lexikographen für eine ferne zweite Auflage aufnehmen. Im Jahr 1861, 23 Jahre nach dem Beginn der Arbeit am Deutschen Wörterbuch und 100 Jahre (!) vor seiner Fertigstellung schrieb Jacob Grimm an seinen späteren Nachfolger Weigand:

„Wenn Sie überhaupt mein quartexemplar des abdrucks ansehen sollten, wie alles von nachträgen wimmelt! Ihrer natur nach können bücher dieser art nie fertig werden – bei zweiter auflage, die ich nicht erleben kann, noch viel minder, als die erste vollführen. Gleichwohl widerstehe ich nicht dem trieb und der lust, zusätze beizuschreiben.“

Es rührt seltsam an, Jacob Grimm bei seiner Arbeit zu sehen, von der er weiß, dass er sie nie vollenden können wird, und trotzdem ist da diese Lust, weiter einzudringen in die Geschichte der Wörter und deren literarische Verwendung und weiterzubauen an dem Monument eines umfassenden Wörterbuchs der deutschen Sprache. Offenbar liegt hier ein Denken vor, das tief in die Vergangenheit und weit in die Zukunft reicht. Dieses Denken über die Grenzen der eigenen Existenz hinaus ist uns mit der Fixierung auf die zeitnahen Prozesse der Gegenwart abhanden gekommen. Das Beschreiben der Ränder eines eigenen Buches für eine spätere Auflage ist völlig unnötig, wenn man in digitaler Technik verfasst und publiziert. Aber diesen Luxus erkaufen wir wohl mit einem sehr beschränkten, ahistorischen und perspektivlosen Denken.

Bleiben wir noch einen Moment in der Buchkultur. Den Ausdruck „stummes Lesen“ sollte man nicht zu wörtlich nehmen, nicht in dem Sinne, dass der Autor spricht und sein Leser ehrfurchtsvoll zu schweigen habe. Diese passive Form des Lesens konnte man auch vor der Erfindung des Bloggens durch eine aktive ergänzen. Edgar Allan Poe schreibt:

„Beim Kauf meiner Bücher bin ich stets auf einen recht breiten Rand bedacht. Dies geschieht freilich nicht aus einer besonderen Vorliebe für das Detail, wie hübsch ein breiter Rand auch immer wirken mag, sondern vielmehr um der Bequemlichkeit willen, alle Gedanken, welche mir bei der Lectüre durch den Kopf gehen – mögen sie nun zustimmend, ablehnend oder allgemein kritisch sein -, sogleich mit dem Stift neben das Gedruckte zu setzen. Ist das, was ich zu notieren habe, zuviel für den schmalen Raum, den ein solcher Rand bietet, so schreib’ ich das Weitre auf einen Streifen Papiers und lege denselben zwischen die betreffenden Seiten, wobei ich nicht versäume, ihn mit ein wenig Tragantkleber zu fixieren.

Kurz nachdem das Foucoultsche Pendel erschienen war, konnte man im TV den Autor Umberto Eco sehen, umgeben von den teuersten und prächtigsten Werken der dubiosen Wissenschaften und Geheimgesellschaften des Barock, und auch Eco hatte keine Skrupel, einfach in die Bücher hineinzuschreiben, wobei der eitle Pfau natürlich einen sündteuren Füllfederhalter mit vergoldeter Feder benutzte.

Dem Bibliophilen sträuben sich die Haare, und so ist eine Entscheidung für eigene Marginalien in Büchern immer eine gegen die unbefleckte Erscheinung des Buches. Eingelegte Zettel oder das Durchschießen der Seiten mit leeren Blättern, sind ein Kompromiss. In der Frühzeit der Literatur wird der Leser sogar aufgefordert, er möge „Papier darzwischen schiessen lassen, da man denn gar leichte, entweder aus andern Büchern, oder aus Erfahrung, mehr Exempel unter iedwedem Titul herzu tragen kan.“ Papier „darzwischen schiessen zu lassen“, das war leicht möglich, als Bücher noch ungebunden gehandelt wurden, so dass der Käufer das Buch vom Buchbinder nach eigenen Vorstellungen einbinden lassen konnte, wenn er wollte, auch mit „darzwischen“ geschossenen Leerseiten.

Einmal glossierte die Stuttgarter Zeitung die Praxis einiger Verlage, in ihren Büchern weiße Seiten „Für Notizen“ zu lassen. „Gibt es denn wirklich soviel zu notieren? (…) Ist das nur ein Anfang und steht am Ende das völlig weiß-jungfräuliche Buch?“, fragte sich und den Leser der Autor Harald Martenstein. Tatsächlich ist das aneignende Lesen, wie Poe und Eco demonstrieren, nie gefördert worden. Wer hätte denn diese Auseinandersetzung mit einem Text in seiner Schulzeit ausreichend trainiert, und zwar an Büchern, die ihm selbst wichtig waren, nicht dem Lehrer? Das Buch war und ist doch in der Hauptsache ein Medium der einseitigen Kommunikation. Und Buch- wie Zeitungsschreiber hatten nie großes Interesse an Wechselseitigkeit, wie sie allen Schreibern im Internet aufgezwungen wird. Gerade die Zeitungsschreiber tun sich darin schwer, die Vorherrschaft über die Köpfe verloren zu haben, aber müssen inzwischen erkennen, dass es mehr „zu notieren“ gibt, als Martenstein einst wahrhaben wollte. Das indirekt geforderte ausschließlich stumme Lesen ist gewiss dummes Lesen. Damit hat es zum Glück ein End.

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