Feng Shui oder Immerzu nächtliches Gepolter

Über mir wohnt eine Krähe. Ich habe sie bei mir so getauft, obwohl ich weiß, dass man Frauen keine Tiernamen geben sollte, es sei denn, man würde von einer dazu aufgefordert. Nein, solch eine Krähe ist meine Obernachbarin keinesfalls. Nur trägt sie ausschließlich schwarze Kleidung. Jetzt im Winter hüllt sie sich in einen langen schwarzen Kapuzenmantel, dessen Schöße die Beine bei ihren schnellen Schritten umflattern. Da ist der Eindruck des Rabenartigen nahe liegend, besonders wenn sie die schwarze Kapuze aufgesetzt hat, weil doch der Winter zurückgekehrt ist mit Schnee. Das einzige Helle an ihr ist das bleiche, verhärmte Gesicht mit einem bitteren Mund darin, dessen Lippen wiederum mattschwarz lackiert sind. Ihre Stirnlocke ist eisgrau, so dass man denken könnte, sie wäre eine alte Frau. Aber das ist Frau Krähe nicht.

Tagsüber höre ich sie selten. Sie ist nachtaktiv. Gegen 12 Uhr nachts beginnt sie über mir lang und anhaltend zu poltern. Eine Freundin, die den Lärm anlässlich eines Besuchs erlebte, warb um Verständnis. Sie sagte, wenn Frauen nachts nicht schlafen könnten, würden sie die Wohnung umräumen, um sie nach den Prinzipien des Feng Shui zu harmonisieren.

Inzwischen zweifele ich an der Erklärung, denn Nacht für Nacht geht das Poltern weiter. Müsste nicht nach drei Nächten des Umräumens eine ausreichende Feng-Shui-Harmonisierung erreicht sein? Nein, sagt die Freundin, so lange Frau Krähe nicht schlafen könne, sei ja der optimale Zustand ihrer Wohnung noch nicht gefunden. Vielleicht ist das unmöglich angesichts der spitzigen Möbel, die in unseren Breiten üblich sind. Bleibt an den Ecken der Kommoden und Schränke das Qi immerzu hängen, egal wie man die Möbel in den Raum stellt? Vielleicht pfeifen die Luftgeister unentwegt durch ihr Schlafzimmer, weshalb sie nicht zur Ruhe kommt.

Eine Weile stellte ich mir vor, dass Frau Krähe ihre Kommoden und Schränke umstürzen und über sie herfallen würde, um sie nach Feng Shui zurechtzubiegen, zu hobeln und zu schleifen. Aber ganz offenbar ist sie nicht erfolgreich und ihr nächtliches Toben geht weiter. Die Kommoden und Schränke müssen schwarze Löcher sein, die jeden Lichtschein verschlucken. Ihr tiefschwarzer Inhalt, Strümpfe, Wäsche, Blusen, Kleider und Mäntel, das alles fällt beim Umräumen heraus, ergießt sich als schwarze Flut über den Boden und türmt sich auf zu Haufen. Und auf den schwarzen Kleiderbergen hockt mit aufgelöstem grauen Haar, angetan mit einem schwarzen Nachthemd, eine am Feng Shui verzweifelnde Frau Krähe.

Einmal trieb sie es derart wild, dass ich aus dem Bett aufstand, mich anzog und hinauf ging zu ihrer Wohnung. Doch als hätte sie mich gehört, war plötzlich Ruhe. Stille, schwarze Grabesstille schien unter der Tür hindurch ins Treppenhaus zu ziehen, so dass es mir kalt über den Rücken lief und ich flüchten musste. Gestern begann das Poltern sogar schon gegen 22 Uhr. Es war heftiger denn je. Ich beschloss hinauf zu gehen, zu klingeln und zu sagen: „Bitte entschuldigen Sie, Frau Krähe, was bloß stellen Sie in Ihrer Wohnung an? Sagen Sie es mir, damit meine wilden Spekulationen aufhören!“ Doch ich dachte, dass ich ohne Aufhebens hinauf schleichen müsste, um sie auf frischer Tat zu ertappen. Also zog ich nur den Bademantel über den Schlafanzug, ging leise ins Treppenhaus, zog die Wohnungstür sacht ins Schloss und schlich auf Strümpfen die Treppe hinauf. Als ich gerade auf dem Treppenabsatz stand, ging irgendwo oben die Tür und jemand kam eilends die Treppen hinunter. Da rannte ich so schnell ich konnte vor den Schritten her und konnte mich gerade noch hinter meine Wohnungstür flüchten. Ich wagte nicht, durch den Türspion zu lugen, um zu sehen, wer da gekommen war, sondern versteckte mich im Bett.

Oben ging das Poltern unverdrossen weiter. Als ich heute morgen aufwachte, fühlte ich mich wie gerädert, als hätte ich die ganze Nacht Möbel geschoben. Ich sehne den Tag herbei, an dem Frau Krähe beginnt, ihren Kopf umzuräumen, damit sie endlich wieder schlafen kann und ich ebenfalls meine Nachtruhe finde.

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