Einiges über Superlative, Baseballschläger und Fußleisten

Mir träumte, eine junge Frau werde von der Bildzeitung gefeiert, weil sie ihre Examensklausur auf die Fußleiste des Hörsaals geschrieben hatte. So sehr wurde sie von Bild in den Himmel gehoben, als wäre sie die Erfinderin und Bewahrerin der Handschrift zugleich. Das ärgerte mich und ich dachte, was fällt denen ein?

Erst letztens hatten sie eine Frau zur mutigsten Kioskverkäuferin von Hannover ausgerufen, weil sie einen Kleingangster, der sie überfallen wollte, mit einem Baseballschläger in die Flucht geschlagen hatte. Dieser Superlativ „Hannovers mutigste Kioskverkäuferin“ wäre doch nur dann gerechtfertigt, wenn in einer Versuchsreihe alle Kioskverkäuferinnen Hannovers gleichzeitig von vermummten Männern mit Messern überfallen würden und wenn alle Frauen Baseballschläger hinter der Theke hätten. Schließlich hätten die anderen Kioskverkäuferinnen nur dann die Gelegenheit, sich mutig hervorzutun und nur dann wäre das Prädikat „Hannovers mutigste Kioskverkäuferin“ berechtigter Weise zu vergeben.

Wenn aber ein solcher Gangster im Verlauf seines Überfalls einer Kioskverkäuferin sagen würde: „Scheiß die Wand an, Alte, du hast die schönsten Augen nördlich der Alpen!“, aus dem vollen Herzen heraus, ehrlich und aufrichtig, wäre das ebenso unzulässig und würde nicht hinreichen, die Kioskverkäuferin etwa so weit zu besänftigen, dass der Gangster sie in Ruhe ausrauben könnte. Sie würde dann keinen Spiegel suchen, um selbst nachzusehen, wie schön ihre Augen sind. Sie könnte völlig unbeeindruckt bleiben und ihm trotzdem eins mit dem Baseballschläger überziehen. Denn woher sollte sie wissen, welchen Wert der Superlativ „die schönsten Augen nördlich der Alpen“ hat. Sie wüsste ja nicht einmal, ob der Kerl überhaupt viele Augenpaare gesehen hat. Vielleicht hat er seine ganze elende Jugend lang in irgendeinem Keller gesessen. Denn wenn einer es nötig hat, mit einem Messer eine Kioskverkäuferin zu überfallen, kann es nicht weit her sein mit ihm und seinen Komplimenten.

Jedenfalls war ich mindesten sehr ungehalten darüber, dass die Studentin von der Bild derart gefeiert wurde. Der Handschriftexperte bin schließlich ich. Darum sagte ich ihr, darauf brauche sie sich nichts einzubilden. Auf die Fußleiste zu schreiben, wäre ja keine Kunst und ganz und gar nichts Besonderes. Schon allein, wie sie habe auf dem Boden kriechen und sich bäuchlings winden müssen, um die Fußleiste überhaupt beschreiben zu können, das hätte doch etwas ziemlich Würdeloses. Man könnte das keiner jungen Frau zur Nachahmung empfehlen, so sehr würde es unser sittliches Gefühl verletzen und gegen den wissenschaftlichen Geist verstoßen. Zumal sie weder mir noch irgendeinem erklären könnte, was damit eigentlich gewonnen ist, wenn man nicht in sein Schreibheft, sondern auf die Fußleiste schreibt. Ich als ihr Prüfer hätte jedenfalls keine Lust, mich zum Lesen und Korrigieren ihrer Examensklausur ebenfalls auf dem Bauch zu winden. Und die Fußleisten abzureißen, nur um sie bequem vor sich auf den Schreibtisch legen zu können, das würde die Stadt Hannover als Eigentümerin des Gebäudes gewiss nicht gutheißen. Am Ende sind die Wände noch mit Asbest belastet, der durch das Abreißen der Fußleisten erst recht aufgewirbelt würde.

„Wenn man das alles bedenkt“, sagte ich abschließend, „können Sie froh sein, dass Bild Sie gefeiert hat und Sie nicht etwa betitelt hat mit ‚Hannovers blödeste Studentin!‘ Das jedenfalls würde ich in Ihrem Fall sofort unterschreiben. Und wenn Sie hundertmal die schönsten Augen nördlich der Alpen haben.“

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