Bassa Teremtetem, Wolf Schneider, alter Haudegen!

In der Dankesrede zur Verleihung des Ehrenpreises für Ihr Lebenswerk des medium magazins, “Journalist des Jahres 2012 – Ehrenpreis für das Lebenswerk”, kündigten Sie einen klaren und schlichten Satz an, der eine „ewige Wahrheit“ enthalte. Dann purzelte laut meedia folgendes Satzungetüm von Ihren Lippen:

“Wer noch weniger Sexismus an den Tag legte als Rainer Brüderle, und wenn der Zustand der Dauer-Erotisierung so schlimm wäre, wie die stern-Redakteurin ihn beklagte, dann wäre die Menschheit ausgestorben vor 3 Millionen Jahren.”

Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, der Sie doch ein gefeierter Stillehrer sind: Der „klare und schlichte Satz“ ist weder klar noch schlicht. Er ist sprachlich verunglückt und inhaltlich ziemlich wirr. Beginnen wir mit der Form: Das Prädikat „legte“ scheint im Konjunktiv zu stehen. Aus Gründen der Klarheit wäre hier Infinitiv + würde angebracht, weil der Konjunktiv legte ja formengleich ist mit dem Präteritum von legen im Indikativ. Demnach:

„Wer noch weniger Sexismus an den Tag legen würde als Rainer Brüderle, und wenn der Zustand der Dauererotisierung so schlimm wäre, …“

Auf wessen Zustand bezieht sich eigentlich das Genitivattribut „Dauererotisierung“, auf einen allgemeinen gesellschaftlichen oder auf den Brüderles? Sternreporterin Laura Himmelreich behauptet jedenfalls, Brüderle befinde sich im Zustand der Dauererotisierung. Zum besseren Verständnis ersetzen wir das Bezugswort, den Artikel „der“, durch das besitzanzeigende Fürwort „sein“:

„Wer noch weniger Sexismus an den Tag legen würde als Rainer Brüderle, und wenn der Zustand seiner Dauererotisierung so schlimm wäre, wie die Sternredakteurin ihn beklagt hat, dann wäre die Menschheit ausgestorben vor drei Millionen Jahren.”

Jetzt zum Inhalt. Was ist gemeint? Zerlegen wir den Schachtelsatz in seine Aussagen:

– Brüderle legt wenig Sexismus an den Tag (noch weniger dürfte es nicht sein.)
– Sein Zustand der Dauererotisierung ist nicht so schlimm wie die Sternredakteurin behauptet.
– Weil Brüderles Zustand der Dauererotisierung nicht so schlimm ist, (sondern wohl eher milde), ist die Menschheit seit drei Millionen Jahre nicht ausgestorben.

Ist es nicht ein wenig übertrieben zu behaupten, Rainer Brüderle wäre zuständig gewesen für die Entwicklung der menschlichen Art? Und sie habe sich nur weiterentwickelt seit drei Millionen Jahren, weil Brüderles Zustand der Dauererotisierung nicht so schlimm war, womit dann auch gesagt wäre, dass Dauererotisierung nichts mit Fortpflanzungsfähigkeit oder Potenz zu tun hat, sondern sich eher störend in den Weg legt. Der Schluss Dauererotisierung = Impotenz, klingt immerhin plausibel.

Jetzt liest man, die TAZ-Chefredakteurin Ines Pohl habe bei Ihrem verrückten Satz gebuht. Sie muss ihn ganz anders verstanden haben, mehr so, wie man ihn oberflächlich betrachtet verstehen könnte und wie Sie, Wolf Schneider, ihn vermutlich auch gemeint haben. Ihre „ewige Wahrheit“ lautet, dass Dauererotisierung weder bei Brüderle noch beim Mann etwas Schlimmes sei, ja, die menschliche Art nur deshalb sich weiterentwickelt hätte, weil der Mann andauernd erotisiert ist und nur ans Schnackseln denkt. So gesehen ist Ihr „schlichter Satz“ ganz klar ein reichlich plumper Altherrenwitz, denn längst wird über Sexualität und den alltäglichen Sexismus wesentlich differenzierter nachgedacht und diskutiert, was wir uns als Kulturleistung hoch anrechnen, weil es uns vom Keule schwingenden Höhlenmenschen unterscheidet.

Ehrlich gesagt habe ich spontan etwas anderes gedacht und empfunden, als der Satz wie Wasser aus Ihrem Mund sprudelte: Sie taten mir leid, werter Wolf Schneider, und ich dachte: Er ist mit diesem Satz schwanger am Starnberger See spazieren gegangen, hat an ihm gefeilt und zisiliert, hat ihn immer wieder rezitiert, bis die Baumwipfel sich vor Überdruss geschüttelt haben. Da ist der undankbare Satz ganz eitel geworden und hat sich vor jeglichem kritischen Befragen taub gestellt, so dass er in seiner vermeintlichen Schönheit nichts mehr am Hut hatte mit irgendwelchem Sinn und Verstand. Und dieser eitle, undankbare Satz, den Sie wie eine Natter an Ihrer Brust genährt haben, der hat Ihnen dann die allgemeine Zustimmung zu Ihrem Lebenswerk versaut, ist beim Publikum überhaupt nicht angekommen, wie Sie selbst erstaunt vermerkt haben.

Na, egal. Man hat Sie, Herr Schneider, offenbar viel zu oft gelobt.

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