Auf jeden Fall bequemes Sitzen – definitiv

Zwei junge Frauen haben vor einem Café auf der Limmerstraße an einem Tisch in der Sonne gesessen und wechseln jetzt herüber unter die Markise mit den Worten:
„Hier ist es angenehmer!“
„Auf jeden Fall, definitiv!“

Schon die erste Bemerkung ist keine wirklich neue Information, denn dass die Sonne sticht, hat ja die meisten bereits unter die Markisen in den Schatten flüchten lassen. Aber der Antwortsatz: „Auf jeden Fall, definitiv!“ ist in seiner doppelten Zustimmung völlig überflüssig, wenn es in dieser Kommunikationssituation um den reinen Austausch von Information ginge. Schon indem die eine Frau der anderen bereitwillig an einen Tisch im Schatten gefolgt ist, hat sie die Übereinstimmung signalisiert. Der gesamte Vorgang müsste also nicht sprachlich bekräftigt werden.

Angenommen, die beiden Frauen hätten sich gerade angeregt über das mysteriöse Higgs-Teilchen unterhalten, als die eine den Vorschlag machte, den Platz zu wechseln. Dann hätten die beiden ihre Unterhaltung vermutlich fortgesetzt, ohne sich sprachlich über die neue Situation auszulassen. Wahrscheinlich war schon vorher nicht besonders wichtig gewesen, worüber die beiden sprachen. Es ging vielmehr darum, überhaupt miteinander zu reden. Es ging um die gegenseitige Wahrnehmung und das daraus resultierende Gemeinschaftsgefühl. Der in informationstheoretischer Hinsicht überflüssige Satz „Auf jeden Fall, definitiv!“ kommt so übertrieben liebedienerisch daher, als würden sprachlich die Kissen zurechtgerückt. „Auf jeden Fall!“ hätte als Kissen schon gereicht. Das nachgeschobene Kissen „Definitiv!“ lässt mich Stift und Notizbuch hervorholen und den Dialog aufschreiben.

„Auf jeden Fall“ ist eine derzeit beliebte floskelhafte Wendung. Ihr Wahrheitsgehalt darf nicht überprüft werden; sonst entpuppt sie sich als Quatsch. Es lassen sich andere Fälle denken, in denen es nicht angenehmer im Schatten ist als in der Sonne, bei Sturmwind oder Eiseskälte etwa. Schiebt die Sprecherin deshalb „definitiv“ nach, was soviel wie „endgültig“ heißt? Türmt sie auf sprachlichen Unsinn weiteren Unsinn, um ihn glaubwürdiger zu machen?

Menschliche Kommunikation
ist mehr als der pure Austausch von Information. Darum sind derlei Fragen eigentlich nicht erlaubt. Es ist, als würde ich die Kissen, auf denen die beiden Frauen sitzen, aufschlitzen, die Füllung auf ihre Tauglichkeit überprüfen und etwa befinden: „Diese Kissen waren auf jeden Fall geeignet für ein bequemes Kaffeekränzchen. Bevor ich sie kaputt gemacht habe. Definitiv!“

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