Nachdenken im Intercity-Express

Im ICE hatte jemand die Süddeutsche Zeitung zurückgelassen. Irgendwann zog ich die zerfledderte Zeitung aus dem Netz, sortierte sie ein wenig und begann zu lesen. Für einen Augenblick flog mich ein vertrautes Gefühl an, denn vor dem Aufkommen des Internets habe ich die Süddeutsche Zeitung täglich gelesen.

Das vertraute Gefühl speiste sich aber nicht aus den Inhalten, nicht aus dem Schreibstil, sondern aus der Tatsache, dass einem in der Zeitung die Welt ausgebreitet und erklärt wird. Das ist einfach wie Bahnfahren. Wie der Zugreisende sich keine Gedanken über die Fahrtstrecke machen muss, die Stationen seiner Reise nicht zu bestimmen und nicht auf den Weg zu achten hat, braucht auch der Zeitungsleser nur den gedanklichen Spuren zu folgen, die der Journalist zu Zeilen angeordnet hat gleich den Gleisen der Bahn. Als Bahnreisender hat man nur den Blick nach links und rechts aus dem Fenster, weiß also nicht genau, wohin die Reise geht – ebenso wie der Leser eines Zeitungsartikels. Es erhöht beispielsweise den Lesegenuss, wenn ein Text eine erstaunliche Wendung nimmt, so als würde ein Zug über eine Weiche rumpeln und ein für den Bahnreisenden überraschendes Gleis befahren.

Genau das habe ich immer beim Lesen des Streiflichts empfunden, der täglichen Glosse auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Obwohl das Streiflicht von verschiedenen Autoren geschrieben wird, folgt es einem einheitlichen Prinzip: Dem Leser enthüllt sich anfangs nicht, um welches Thema es eigentlich geht. Dann steuert der Text mit elegantem Schwung auf ein nachträglich erklärtes Ziel zu, woraus sich im Idealfall die vorher noch unerklärliche Einleitung als besonders gelungener Einstieg enthüllt. Ach, das ist schön, wie auf einem verwunschenen Nebengleis auf eine Hauptstrecke zu gelangen.

Aber darin zeigt sich auch der Nachteil der Zeitung. Sie kanalisiert die Informationen auf Hauptstrecken, auf den Mainstream des Denkens. Zweifellos sind Zeitungen wie die FAZ oder die SZ die Intercityzüge des Vorgedachten. Es ist bequem da in ihrem Bauch. Wer dagegen selbstständig denken will, geht anfangs nur zu Fuß, verliert gar manchmal die Orientierung. Selbstständiges Denken will geübt sein, und die Fähigkeit wächst mit dem Tun. Sie wächst vor allem mit der schreibenden Aneignung von Welt. Wer selbst schreibt, legt seine eigenen Gleise. Sie können in Gegenden führen, die vom Intercity-Express nie berührt werden. Darum stopfe ich die Süddeutsche wieder in das Netz an der Rückseite des Vordersitzes, krame Stift und Notizbuch hervor und schreibe das hier auf.

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10 Antworten auf Nachdenken im Intercity-Express

  1. Hallo lieber Jules…

    ich kann Dir da nur absolut rechtgeben. In den letzten Jahren bin ich vom Verteidiger der Zeitungen zu einem ganz anderen und ziemlich gleichgueltigen Leser derselben geworden. Dein Vergleich mit einem an Schienen gebundenen Zug trifft es da sehr gut…

    Haette ich frueher gesagt: ”Leute, hört auf mit dem Gejammer, Zeitungen seien regierungs- und systemtreu”, kann ich heutzutage freihin konstatieren: sind sie ja auch…

    Ich kritisiere auch zunehmend, wie in meinem Eintrag zur Europa-Krise, das immer staerker anwachsende Erklaerbärverhalten der Printmedien, sowie erst gestern wieder die von Dir ins Feld gebrachte SZ im Wirtschaftsteil tönte:
    ”Die Krisenpolitik wird immer komplizierter? Wer blickt denn da noch durch? Die SZ stellt die 20 Fragen und gibt Antworten zur Krise des Euro….”

    Dieser Erklärbär-Ton nervt irgendwie komplett…

    Die Welt wird etwas uebersichtlicher durch Zeitungen, das vielleicht…aber diese Uebersichtlichkeit schlaegt irgendwie mehr und mehr zum Nachteil aus. Die Aussparungen sind zu gewaltig, falsch wirkenden Themen wird eine überbordende Relevanz zugemessen.

    Mir faellt insgesamt auf, und ich bin viel viel zu muede grad, das angemessen auf den Punkt zu bringen: ich habe ein gebrochenes oder, bleiben wir papieren: zerrissenes Verhaeltnis zur Zeitung…

    Selbstaendiges Denken! Oh ja…

    Beste Grüße sendet Dir Paul

    • trithemius

      Lieber Paul,

      manchmal schaue ich bedauernd zurück auf die Zeiten, in denen mir Zeitungen wichtig waren. Ich habe sie gelesen, Artikel ausgeschnitten und ins Tagebuch geklebt, habe mich von Zeitungstexten anregen lassen, und all das geschah im Bewusstsein, dass man den Journalisten trauen kann. Inzwischen hat sich die Zeitungslandschaft so sehr gewandelt, dass vor allem mein Vertrauen gänzlich geschwunden ist. Ich bedauere das wirklich, denn eine Demokratie braucht unabhängige Kontrollorgane wie Rundfunk und Printmedien. Gewiss kann das Internet, können Blogger einiges leisten, aber eine personell gut ausgestattete Redaktion hat eben ganz andere Kapazitäten als Einzelkämpfer wie du und ich etwa.
      Manchmal tut der zunehmende Verlautbarungsjournalismus richtig weh, und hat man einmal erkannt, woran eine Zeitung oder eine Nachrichtensendung im Rundfunk schwächelt, dann enthüllt sich so nach und nach das ganze Desaster.
      Die SZ beispielweise meldete in besagter Ausgabe, Helmut Schmidt sei mit dem Eric-M.-Warburg-Preis der Atlantik-Brücke ausgezeichnet worden, und Angela Merkel habe die Laudatio gehalten. Man fand nicht nötig die Leser aufzuklären, was die Atlantikbrücke für ein Verein ist, welche dubiosen Leute sie in ihren Reihen hat und dass es sich hierbei um eine Organisation handelt, der es um die Festigung der Macht bestimmter Eliten geht, die sich über den Parteien stehend wähnen, über der Politik und den demokratisch gewählten Repräsentanten.
      Mir geht es wie dir. Solche Verlautbarungen machen mich manchmal entsetzlich müd. Dein Eintrag zur Europa-Krise hingegen hat mir gut getan. http://raumgewinner.blog.de/2012/06/16/vergeht-ach-europa-ruhm-eine-aufgeforderte-meinungsausstellung-unterstellten-zerfall-alten-welt-13884370/

      Beste Grüße
      Jules

  2. “…Wer selbst schreibt, legt seine eigenen Gleise…” und auch demjenigen muss vertraut werden können, wenn es denn Leser geben soll, die sich auf das Gleis begeben sollen. Der Vergleich des Textes und dem Gleis finde ich sehr gut, denn gerade in der Ambivalenz der Perspektiven wird deutlich, wie unvollkommen die menschliche Kommunikation doch ist, insbesondere der schriftliche Teil.
    Um im Bild zu bleiben: selbst das kleinste Nebengleis bewegt sich immer mit einer anderen Strecke und kreuzt diese vielleicht, indem es sich ihr erst annähert und sich dann wieder entfernt. Nur in dem kurzen Moment der Gleichschaltung – Synchronisierung – der entweder durch Lesen oder durch Schreiben entstehen kann, ist die Kommunikation an sich gesichert, alles andere drumherum sind Einbahnstraßen ins Nirgendwo.

    • trithemius

      Zunächst muss ein Autor natürlich sich selbst vertrauen. Schreibt er nicht nur für sich, sondern für Leser, muss er sich über die eigenen Motive im klaren sein. Ich glaube, mein Vertrauen zu einem Autor sinkt, wenn ich weiß, dass er für Geld schreibt. Dann weiß ich nicht, wer ihn bezahlt, wessen Interessen er berücksichtigt und ob er käuflich ist. Denn es gilt ja, was du an Sprachkritik im 2. Absatz äußerst. Die jeweilige sprachliche Interpretation der Welt ist nur eine von vielen möglichen. Diese Interpretation kann manipuliert werden. Doch im Gegensatz zum flüchtigen gesprochenen Wort, ist das geschriebene Wort immerzu überprüfbar und der Kritik zugänglich. Man kann nachdenken, was der Autor vorgedacht hat. Es geht nicht um Gleichschaltung, finde ich, sondern um ein Weiterdenken, das sich aus der Wahrnehmung und Reflexion verschiedener Perspektiven ergibt.

  3. Ich bekenne mich schuldig: Ich bin zeitungssüchtig. Immerhin beschränke ich mich auf eine Tages- und zwei Wochenzeitungen, die ich allerdings grundstäzlich in gedruckter Form lese. Über die eine Wochenzeitung ärgere ich mich häufiger, kündige das Abo aber totzdem nicht.
    Beim Ärgern bilde ich mir allerdings ein, gerade selbst zu denken zu beginnen;-)

    • trithemius

      Es hat zum Glück gar nichts mit Schuld zu tun, wenn man gerne Zeitung liest. Schließlich sind wir alle sozialisiert mit der Zeitung. Und wenn einem etwas aus der Zeitung sauer aufstößt, dann haben es die Journalisten zu verantworten. ;)

  4. Zeitunglesen ist vor allem ganz schön teuer geworden. Mittlerweile 2,20 für die SZ! Trotzdem ist es gerade das “Streiflicht” weshalb ich mir diese Zeitung immer wieder gönne. Natürlich äußert wer schreibt eine Meinung. Natürlich neigt man dazu, sich einer Meinung besonders dann anzuschließen, wenn sie gut, sozusagen “süffig” geschrieben ist. Das sollte einen halbwegs intelligenten Menschen nicht am eigenständigen Denken hindern. Andernfalls dürfte man nur Zeitungen lesen, mit deren Richtung man von vorn herein nicht übereinstimmt. Wer tut sich so was an?

    Selbst verfasst wird vieles, was auch nur in die erlesene Kerbe haut. Wie sonst würde man zu einer einzigen Tagesaktualität so viele Einträge finden, in denen wortwörtlich aus anderen Einträgen zitiert wird? Man liest. Man denkt: Aha, so ist das also. Und dann sollte man immer (!) fragen: Ist das wirklich so? Lesen ist grundsätzlich die Konfrontation mit der Meinung eines Anderen. Es kann durch das Schreiben nicht ersetzt werden. Ehrlich gesagt, ich könnte aufhören zu schreiben. Aufhören zu lesen, könnte ich nicjt.

    • trithemius

      Sie sprechen mit dem Hinweis auf den hohen Preis eine Abwärtsspirale an. Die Auflagen der Tageszeitungen sinken kontinuierlich, weil sich viele eine Zeitungsabo nicht mehr leisten können. Das verringert nicht nur die Einnahmen aus dem Verkauf, sondern auch die für die Anzeigen, weshalb die Zeitungen Personal einsparen müssen, was sich nachteilig auf die journalistische Qualität auswirkt, was wiederum Leute wie mich abschreckt, überhaupt noch eine Zeitung zu kaufen.

      Es ist gewiss eine berechtigte Kritik, wenn es heißt, viele Blogger seien Trittbrettfahrer des Printmediums, picken sich aus deren Angebot irgendwas heraus und erheben sich wie die Zaunkönige von den Schwingen des Adlers. Mit dem drögen Alltagsgeschäft wollen sie natürlich nichts zu tun haben. Darum können Blogs auch die Zeitung niemals ersetzen. Aber wer aus Zeitungen zitiert, muss sie auch gelesen haben. Es wird hier ein Dialog zwischen Lesern und Schreibern aufgenommen, der eben vor dem Internet überhaupt nicht stattfand, aber offenbar von den Journalisten auch nicht vermisst wurde. Ich bin froh, dass es diese Informationsvermittlung von oben herab ergänzt wird durch neue Formen der schriftlichen Kommunikation. Es geht damit immerhin eine Demokratisierung der technischen Schriftsprache einher.

  5. »Heringsliteratur« nannte Christian Dietrich Grabbe die Zeitungen, weil sie letztendlich zum Einwickeln von Fisch dienen.

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