Zielloses Radfahren (2) Sonntagstour durch Kleindeutschland

Für einen Moment lässt mich die Weite über der breiten Querstraße aufatmen, doch dann wird mir wieder eng. Die Straße ist No-go-Area. Hier fährt man nur mit dem Auto hin. Kaum eine Lücke im Verkehr, aber ich biege auf einen gut ausgebauten Radweg. Es geht an der Stirnseite der weiträumigen Schrebergartenanlage „Schnurzepief“ vorbei. Ein großes Schild im dicken Heckenbusch beweist es denen im Auto und mir, ein Ortsschild für eine Kolonie, die sich ausgesperrt und ihre Unabhängigkeit erklärt hat. Hinter der Hecke gilt nicht das Grundgesetz, sondern die Schrebergartenordnung. Das ist Kleindeutschland in Deutschland, – also das echte Deutschland.

Nicht weit entfernt passiere ich eine weitere Kolonie, doch nicht mit dichten Hecken abgegrenzt, sondern durch einen stabilen Metallzaun, mit einer langen Rolle Natodraht gekrönt, dessen Myriaden scharfer Klingen im Sonnenlicht blitzen. Dahinter saubere Bauten mit Flachdächern, vergitterten Fenstern, das Gefängnis von Hannover. Der Zaun ist wohl schwierig zu überklettern, von innen wie von außen. Kein guter Ort. Schlechte Vibration wabert über die Straße. Neben dem Gefängnis ein großer Bau, in dem Autoteile verkauft werden. Dann folgen ein Gebrauchtwagenhandel, dessen Parkplatz, Brachgelände, worauf das Gras hoch wuchert und schon gelb verholzt ist. Daneben ist die Firma „Draht Gebr. Groll & Co.“ in einem kleinen Flachgebäude untergekommen. Hat es eine besondere Bewandtnis damit, dass die Drahtbrüder Groll & Co. die Nähe zur Justizvollzugsanstalt gesucht haben? Schon das Wort „Justizvollzugsanstalt“ sieht doch wie ein riesiger Verhau aus, dem nur noch die Krönung mit Natodraht fehlt. Den liefern selbstverständlich die Gebrüder Groll & Co. Traditionell von 1920 an. Sie sind also Hof-Lieferanten, Gefängnishoflieferanten.

„O nein“, widerspricht da der eine Bruder Groll, der das Büro unter sich hat, „wo denken Sie hin? Glauben Sie etwa, in einer Justizvollzugsanstalt ginge alles ganz und gar verbrecherisch zu und auch der Direktor und sein Bürovorsteher wären nicht besser als die einsitzenden Strolche? Natürlich müssen sich alle Beteiligten an Gesetze halten, ein Draht- oder Gitter-Auftrag muss natürlich öffentlich ausgeschrieben werden. Mal bekommen wir den Zuschlag, aber manchmal auch nicht. Im Drahtgeschäft herrscht scharfer Wettbewerb. Zu den alteingesessenen Betrieben sind neue Anbieter aus dem Osten gekommen. Wenn Sie mich fragen, die machen die Preise kaputt. Manchmal also bleibe ich auf einer zu teuer eingekauften Rolle Natodraht sitzen. Das ist nebenbei völlig ungefährlich für meinen Allerwertesten, hehe, denn weil der Draht so eng gerollt ist, sind Tausende Messerchen eng beieinander. Auf denen kann man sitzen wie ein Fakir. He he!“

Franz Draht Groll macht eine Pause, geht in eine Ecke seines Büros und spricht hinein:

„In letzter Zeit verdienen wir unser Geld hauptsächlich mit solventen Privatkunden. Sie brauchen stabile Zäune für ihre Anwesen, einmal rundum. Und Sie glauben nicht, wie viele Kellerkäfige ich in letzter Zeit geliefert habe. Manche wünschen Sonderanfertigungen nach bizarren Plänen. Für perverse Spielchen, wenn Sie mich fragen.“

Wir fragen nicht, lassen Franz Groll weiter in die Ecke sprechen und wenden uns ab. Man soll ja beim Radfahren nicht halten und absteigen. Schon deshalb hasse ich diesen gut ausgebauten Fahrradweg, weil er andauernd von ampelbewehrten Kreuzungen unterbrochen wird, und nur selten hat man das Glück, bei Grün rüberzusausen. Das freilich sind „Kicks voor nix“, Kicks umsonst, wenn der Vorderreifen elegant in die Absenkung des Fahrradwegs taucht, darin seinen Schwung findet für den sanft gerundeten Anstieg auf der Gegenseite. Nirgendwo, in keiner Stadt habe ich solch elegante Absenkungen gefunden wie in Hannover. Da müssen einige Radfahrer im Planungsamt der Stadt sitzen, die genau wissen, was der Radfahrer liebt.

Zielloses Radfahren wird fortgesetzt (3)

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4 Kommentare zu Zielloses Radfahren (2) Sonntagstour durch Kleindeutschland

  1. Manche brauchen NATO-Draht für öffentliche Gefängnisse. Andere wollen ihre privaten, wo sie selber hausen …

    • trithemius

      Ja, schon der eigene Kopf ist ein Gefängnis, aber keine Justizvollzugsanstalt.

      • Anstalt schon, hin und wieder auf komplett voll, wie in einem Zug voll mit vollen Bundeswehrsoldaten. Aber Justiz? L’État, c’est moi! Und schon ist die Gefängnismauer des eigenen Gefängnisses konstruiert im Namen der Freiheit … 😉

  2. Pingback: Der Frühling naht – kauft Draht …

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