Frau Nettesheim mahnt den Frühjahrsputz an

Frau Nettesheim
Keine Lust zu schreiben, Trithemius?

Trithemius
Kaum. Hab zuviel anderes zu tun.

Frau Nettesheim
Zuerst feiern sie die von Ihnen so genannten „Gepflegten Netze“, und dann pflegen Sie das Teppichhaus nicht mehr? Gerade jetzt wäre ein Frühjahrsputz angesagt. Können Sie wenigstens mal erklären, was ein gepflegtes Netz ist?

Trithemius
Ganz gewiss nicht einfach das, was man gemeinhin „social media“ nennt. Da tummeln sich viele Leute, die das Internet eingeschränkt nutzen. Sie fahren einen Porsche nur im ersten Gang. Zum Beispiel hat die Zeitschrift Titanic bei Twitter 54.282 Follower und folgt selbst niemandem, nutzt also das Internet als Einkanalmedium. Titanic sendet, aber empfängt nichts, ganz in der Tradition des Printmediums. An einem Austausch mit den Lesern sind sie nicht interessiert. Nicht umsonst veröffentlichen sie keine Leserbriefe, sondern andersrum „Briefe an die Leser“.

Frau Nettesheim
Für dieses Format haben Sie doch auch eine ganze Weile geschrieben.

Trithemius
Bevor ich das Bloggen entdeckte und mir nach und nach die zentrale Schwäche der etablierten Medien aufging. Denken in der Buchkultur wird von oben herab mitgeteilt. Massenmedien bestimmen, was gerade öffentlich diskutiert wird und geben die Weise vor, wie man darüber zu denken oder am Beispiel Titanic zu witzeln hat. Daraus hat sich ein grotesker Dünkel ergeben, von dem sich besonders Printjournalisten kaum befreien können. Da ist es kein Wunder, dass Blogs die schärfste Kritik von Printjournalisten bekommen. Es kränkt sie, dass Blogger sich der geistigen Kontrolle entziehen.

Frau Nettesheim
Das ist doch verständlich, Trithemius. Angesichts der durchweg sinkenden Auflagen bei den Zeitungen haben viele Journalisten Angst um ihren Arbeitsplatz.

Trithemius
Ja, aber wir können darauf keine Rücksicht nehmen. Wir wollen keinen Verlautbarungsjournalismus mehr. Er nimmt den Menschen die geistige Freiheit und ist zu oft mit dem Versuch verbunden zu manipulieren. In der Buchkultur ist man wie ein Kalb hinter einem Karren angebunden, der durch eingefahrene Karrenspuren des Denkens rumpelt.

Frau Nettesheim
Ein Buch oder eine Zeitung zu lesen, kann auch eine Bereicherung sein.

Trithemius
Schon Schopenhauer hat gesagt, man solle nicht zuviel lesen, weil man doch nur fremde Gedanken denkt.

Frau Nettesheim
Sie und Ihr Schopenhauer! Was ist der Unterschied zum Lesen in Blogs?

Trithemius
Die gleichrangige wechselseitige Kommunikation per Kommentar. Autor und Leser sind auf Augenhöhe und tauschen sich zum Thema aus, vertiefen es und lassen sich anregen.

Frau Nettesheim
Klingt idealisierend.

Trithemius
Wieso? Dass es nicht so oft zu einem intensiven Austausch kommt, ist kein Gegenargument. Die Möglichkeiten dieser freien Kommunikation sind vorhanden. Wenn sie nicht intensiv genutzt werden, dann liegt es daran, dass wir uns noch an die gedankliche und künstlerische Freiheit gewöhnen müssen.

Schließlich sind wir alle von der Buchkultur geprägt. In unserer Gesellschaft ist erfolgreich, wer denkt, wie man zu denken hat. Das lernen die meisten in der Schule. Der heimliche Lehrplan der Schule ist gedankliche Unterwerfung. Die Universitäten sind nicht anders. In den Unternehmen ist nur erfolgreich, wer seine eigenen Gedanken für sich behält. Und in seiner Freizeit wird man von den Massenmedien am Nasenring rumgefahren.

Frau Nettesheim
Nicht so im Teppichhaus?

Trithemius
Natürlich nicht, Frau Nettesheim. Wenn ich Unsinn erzähle, wird mir das bald einer schreiben, und ich denke darüber nach, ob ich etwas revidieren muss. Zur Not habe ich immer noch Sie.

Frau Nettesheim
Mich? Mich haben Sie mehr als einmal als Kunstfigur bezeichnet, was ziemlich ungalant war.

Trithemius
Wieso? Das ist doch eine Ehre. Mich hat noch niemand als Kunstwerk bezeichnet.

Frau Nettesheim
Er mal wieder.

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16 Antworten auf Frau Nettesheim mahnt den Frühjahrsputz an

  1. Gestern inder Vorlesung zur Schulpädagogik haben wir in einem kurzen Abriss alles Wichtige über Kant und Humboldt und ihre Ansichten zur Schulbildung gelernt. Leider habe ich alles sofort wieder vergessen und wenig bis gar nichts mitgeschrieben, weil ein Mädchen vor mir auf ihrem Laptop ein wahnsinnig fesselndes Spiel spielte, bei dem man mit bunten Bällen andere bereits vorhandene Bälle anschießen musste. Wenn dann drei Bälle der gleichen Farbe aufeinander trafen, verpufften diese und es ging weiter. Naja, zwei Dinge Dinge wollte ich damit sagen: Schule oder Universität unterwerfen nicht gedanklich, das ist immer noch der/diejenige selbst, der/die sich dort unterwirft. Aber in einem muss ich Humboldt – und ich denke in diese Richtung zieltest du auch – Recht geben: Schule und der dort vermittelte Stoff sollte ein Refugium außerhalb lebensweltlicher Praxis darstellen. Dies ist meine einzige bescheidene Notiz gewesen und ich befürchte, ich habe ieder nur nachgeplappert, was die Plapperpuppe ganz vorne aus Humboldts Fragmenten ( ich habe vergessen welches, aber es war ein 10-seitiges, aus dem unser Professor diese Schlussfolgerung extrahierte ) herausinterpretierte.

    • trithemius

      Natürlich gibt es Möglichkeiten, sich der gedanklichen Gängelung durch Schule und Universität zu entziehen, was besonders von Haus aus kreative Menschen tun, und wenn es nur im Spielen geschieht.
      (Das Spiel (Bubble Shoot) habe ich auch auf dem Smartphone und spiele es ziemlich oft.)

      Man unterwirft sich nicht freiwillig, sondern wird schon im Kindergarten darauf konditioniert, “schulreif” gemacht. Die Grundschule schafft es innerhalb von vier Jahren, den Kindern die natürliche Neugier abzugewöhnen und ihnen beizubringen, nur noch für die schulische Karriere zu arbeiten. Als Lehrer habe ich oft erlebt und bedauert, dass gerade die Schüler mit einem eigenen Kopf in der Schule scheitern. Dagegen gingen manche mit einer 1 aus dem mündlichen Abitur, die keinen einzigen eigenen Gedanken geäußert hatten, sondern nur perfekt nachgebetet, was der Lehrer hören wollte.

      Du hast doch auch erlebt, dass im Seminar letzte Woche die Mädchen ein Referat übernommen haben, nicht weil sie an der Sache interessiert waren, sondern ihnen eine Verdopplung der Leistungspunkte versprochen wurde.

      Der Begriff “Heimlicher Lehrplan” stammt nicht von mir.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Heimlicher_Lehrplan

  2. Jakob Nielsen (Professor an der Kopenhagener Universität) hat 1997 in einer Studie über das Online-Lesen die Frage “Wie lesen Computernutzer im Internet?” die Antwort “Sie lesen gar nicht” gefunden:
    http://www.useit.com/alertbox/percent-text-read.html
    Spätere Studien haben dann noch gezeigt, dass selbst akademisch geprägte Internetuser Texte im Internet nur “suchen und Überfliegen”. Lediglich 27% pflegen dem “gründlichen Lesen”, während der Rest entweder querlesen oder mit mangelnder Konzentration lesen (s.a. Veröffentlichung im “Journal of Documentation” von Ziming Liu “Reading behavior in the Digital Environment” im Jahre 2005).
    Die Verweildauer auf der eigenen Blogseite spricht hierbei Bestätigung dieses neuen Leseverhaltens zugeschnitten auf das Internet.

    Robert Burton schrieb in seinem Buch “Die Anatomie der Schwermut” (1628!) über die Bücher: “Sie sind uns eine Last, unsere Augen schmerzen vom Lesen, unsere Finger vom Umblättern.”
    Vielleicht ist die Zeit des Bücherlesens lediglich eine Anomalie in der Geschichte der Menschheit gewesen, während die Entropie des präsentierten und nicht gründlich gelesenen Inhalts der eigentliche wahre Zustand für die Erfindung der Schrift ist. Fern ab einer finanziellen Buchhaltung, für die die Schrift anfangs konstruiert wurde.

    • trithemius

      Indem du hier so fundiert kommentierst, widerlegst du dich eigentlich selbst und Professor Nielsen gleich mit. Oder das flüchtige Lesen reicht aus. In zeitungskundlichen Seminaren (Zeitung in der Schule) eines pädagogischen Unternehmens, für das ich einmal gearbeitet habe, wird gelehrt, dass man eine Zeitung selektiv lesen soll. Auch wenn man studiert, muss man nicht alle Bücher komplett lesen, sondern man sucht sich durch überfliegendes Lesen das heraus, was man gebrauchen kann. Das ist nach meinem Gefühl im Internet nicht anders. Ich selbst lese in letzter Zeit viel gründlicher, weil ich mich langsam an das Lesen im Internet gewöhnt habe.

      Das Bücherlesen war gewiss notwendig, die Menschen aus geistiger Dumpfheit zu befreien und uns die Aufklärung zu bescheren. Aber jetzt scheint mir die Buchkultur im Abendrot zu versinken und gleichzeitig eine neue Freiheit des Denkens aufzusteigen. Das betrifft nicht nur unsere Mediengesellschaft, sondern reicht bis in die Politik, wie man an den Piraten und noch deutlicher an den Revolutionen in der arabischen Welt sehen kann.

      Vermutlich hast du aber Recht, dass der nicht gründlich gelesene Inhalt der eigentliche wahre Zustand für die Schrift ist. Wir dürfen nicht zu schriftgläubig sein. Nicht zu viel erwarten von einer Technik, die, wie du andeutest, von Buchhaltern erfunden wurde. Letztlich zählt nur, wie wir innerhalb der Schriftkultur handeln und behandelt werden.

      • Das, was du jetzt als Gegenbeweis angeführt hast, ist letztendlich nur die Bestätigung der Forschung und das, was für jeden selber erfahrbar ist. Ich hatte oben nicht geschrieben “jeder” oder “alle” und auch bei Prof. Nielsen ließt jeder vierte Leser seine Texte gründlich. Du hast sicherlich Tracker auf deiner Seite eingebaut. Wie groß ist die durchschnittliche Verweildauer? Unterteile mal in drei Klassen: Leute, die nur kurz auf deiner Seite verweile (Suchmaschinen, Leute ohne Interesse am Inhalt, Leute per “Zufalls”-Klick), Leute, die weniger als 2 1/2 Minuten (durchschnittliche Lesedauer des obigen Textes unter Berücksichtigung, dass anfangs das Auge den Textbeginn sucht und generell immer durch die anderen Texte und Bilder “abgelenkt” wird) und die Leute, die länger als 2 1/2 Minuten auf dieser Seite verbringen (wobei du sicherlich bei sehr langen Verweildauern größer 10 Minuten oder so nicht wirklich weißt, ob der Surfer nicht gerade in einem anderem Tab deine beiden obigen Links anschaut oder gerade etwas komplett anderes macht). Von denjenigen, die kommentieren, kannst du ausgehen, dass die sich mit deinem Text auseinander gesetzt haben (also taugt das Zitieren eines Kommentierenden nicht dazu, Prof. Nielsen zu widerlegen), aber da gibt es eine erhebliche mehr Menschen, die mal kurz eine Seite ansurfen, querlesen und drüber fliegen und dann weiter surfen. Unter diesen liest dann nach Prof. Nielsen jeder vierte gründlicher (ohne gleich zu kommentieren). Und genau diese Erfahrung kann ich mit meinem Tracker auf meinem Blog nachvollziehen. Wenn ich dann noch nach der Anzahl der Kommentare auf meinem Blog (also Relation Kommentare pro geschriebenen Artikel) gehe, dann habe ich den Eindruck, dass nur jeder fünfte gründlicher liest und bei hochgerechnet 100 Besucher nur jeder 40ste Besucher überhaupt einen Kommentar hinterlässt.

        • trithemius

          Immerhin sieben Leute haben den Text oben seit gestern gründlich gelesen, wenn ich die reine Verweildauer nehme:

          0:09:16
          0:40:23
          1:38:27
          0:04:52
          0:15:03
          0:19:46
          0:12:58,

          wobei 2 und 3 dieselbe IP haben, vermutlich deine. Bei medientheoretischen Texten in der Cafeteria liegen die Werte deutlich höher und ich habe auch mehr Kommentare dort, wie das Bsp: http://abcypsilon777.blog.de/2009/05/20/ohnmacht-federkiels-macht-tasten-6142736/ zeigt. Der Text hat 71 Kommentare, obwohl er sehr lang ist. Meine persönliche Erfahrung stimmt offenbar nicht mit Professor Nielsens Ergebnissen überein. Meine Aussagen zum Rezeptionsverhalten gelten nur für Gepflegte Netze, also für solche, in denen die Kommentare zeitnah beantwortet werden und ein Ton herrscht, bei dem sich die Leser ernst genommen fühlen.

          Mein Text “Einiges über Handschrift” in der Cafeteria hat inzwischen 49.558 Leser. Sie kommen fast alle über Wikipedia, wo er verlinkt ist, oder über die gezielte Suche bei Google. Entsprechend lang ist die Verweildauer, im Schnitt 10 Minuten.

          Trotzdem, wie oben schon gesagt, ist die Flüchtigkeit der Leser kein Gegenargument, weil wir alle erst lernen müssen, das Internet kompetent zu nutzen. Der Google Benchmarkingbericht von 2011 weist übrigens weltweit gegenüber 2009 geringere Seitenaufrufe aus, dafür ist die Absprungrate gesunken.
          Man liest also schon gezielter.
          Seiten/Besuch 4,9 (2009) 4,5 (2011) -0,4 %
          Absprungrate 48,2 % 47,0 % -1,2 %

          Seis drum. Ich will hier keinen Glaubenskrieg entfachen mit Daten, die man je nach Fragestellung wunschgemäß bekommt und beliebig interpretieren kann. Das gilt natürlich auch für Nielsens Daten.

          • Wieso “vermutlich deine”? Das kannst du doch eindeutig nachvollziehen.

            Glauben heißt nicht Wissen. Wegen Nicht-Wissen werden die meisten Kriege angezettelt. Aber Wissen hat nichts mit Glauben gemein. Glauben ist immer nur der unscharfe Randbereich der Realität, der Kit der Bruchstellen im Wissen der Menschen zwischen Wissen und Nicht-Wissen. Dieser Bereich des Lesen und die Auswirkungen des Internets auf das Leseverhalten der Menschen hat zu Erkenntnissen geführt, welche zudem Einblick auf die Bedeutung der Bücher auf Denkprozesse führten. Das ist kein Hexenwerk sondern unterfütteres Wissen. Prof. Nielsen habe ich deswegen angeführt, weil dessen Erkenntnisse beispielhaft sind UND im Internet verfügbar sind. Andere Erkenntnisse findest du nicht im Internet sondern nur für teuer Geld auf dem Buchmarkt (nicht Blogs oder Ebook oder so). Das diese Erkenntnisse nicht vox dei ist versteht sich von selbst, denn wer diese Erkenntnisse nicht im Kontext mit den anderen Erkenntnissen sieht (und das ist die phantastische Potenz beim Lesen im Gehirn des Lesenden), der trägt nichts zu weiteren Erkenntnissen bei sondern versucht sie im Gegenteil sogar zu hemmen.

            “Daten, die man je nach Fragestellung wunschgemäß bekommt und beliebig interpretieren kann” war schon seit Zeiten eine deduktive Methode. Diese wird diesem Thema aber in keinster Weise gerecht. Mit Deduktion haben schon früher viele gegen das Lesen von Büchern argumentiert, weil sie nicht nur die Induktion sondern vielmehr auch noch die Abduktion fürchteten. Denn die Abduktion gestützt durch die Induktion setzte bislang immer kreative Kräfte frei, welche die Erkenntnisprozesse erheblich weiter vorantrieben als in den Zeiten zuvor.

            Ich kannte mal einen Pastor, der sagte mir, dass er beeindruckt sei, wie intensiv die Menschen doch ständig ernsthaft beten würde. Ich hielt dagegen, dass das nicht stimmen würde, nur ein geringer Anteil der Menschen würde wirklich beten. Wirkliches Beten als das Beten würden eh nicht viele. Er wiedersprach mir, denn er argumentierte, er könne mir nicht folgen, denn alle in seiner Kirche würden wirklich inbrünstig beten. Ich habe die Argumentation so stehen lassen müssen, denn er bezog sich offensichtlich auf die Frequentierer seines Bethauses und nicht wie ich auf die anderen zusätzlichen Menschen, welche er wohl nicht in meiner Argumentation anerkannte. Der Pastor hatte freilich recht, nur bin ich mir absolut sicher, dass ich aber auch Recht hatte. Aber das war unerheblich, denn er führte immer in seiner Argumentation eine Deduktion durch während ich induzierte. Nebenbei, eine damalige Abduktion von uns beiden war, dass Beten an sich (egal in welcher Richtung auch immer) für Denkprozesse förderlich ist (womit klar wird, dass weder Induktion noch Deduktion an sich schlecht sind). Interessanterweise bestätigen das inzwischen auch Studien, welche feststellen, dass der Prozess des Betens das Gehirn unabhängig von dessen physischen Substanz flexibel hält, genauso wie es durch das Lesen von Büchern geschieht.
            Zum Google Benchmarkingbericht gilt nebenbei dann auch das gleiche wie zu deinem vorletzten Satz, wenn du es genau mit deiner Argumentation nimmst. Denn Google lebt gerade von der Konsequenz solcher Analysen (wobei “Benchmarking” heißt Vergleich zwischen Unternehmen; womit hat sich Google als faktischer Alleinherrscher über die Welt der Informationen verglichen?). Damit verdienen die äußerst gut, so dass die Urheberrechtsverletzungen bei Google Books aus der Portokasse bezahlen können. Interessanterweise reden Politiker bei dem Thema “Umsonstkultur” und “Urheberrechtsverletzungen” immer nur von uns Internet-Nutzern (also du und ich und so), aber bislang hörte ich keinen der rief, Google würde permanent Rechtsverletzungen betreiben und gutes Geld damit verdienen. Muss wohl daran liegen, dass Google mehr Einfluss auf die Realität haben kann, als vielleicht du oder ich …

        • trithemius

          Uff, ich fühle mich von der puren Textfülle deines Kommentars erschlagen, zumal du eine Reihe neuer Fässer aufmachst. Kannst du einmal in wenigen Sätzen sagen, was du eigentlich meinst bzw., was dir an meiner Hypothese missfällt?

          • Tschuldigung, ich wollte dir nicht zu Nahe treten oder ungeöffnete Fässer zu Büchsen der Pandorra zu machen. Meine Intention war auch nicht eine “Mißfallensäußerung” in bannig vielen Buchstaben zu verpacken. Das erste Post war meine innere Reaktion zu der Äußerung von Schopenhauer in deinem Text.
            Das Lesen ändert sich durch das Internet. Hierbei ändert sich die Strukturierung des Gehirns an sich. Das Zeitalter derjenigen Denkkultur so wie es durch die kontemplative Beschäftigung mit Büchern brachte – geht dem Ende zu. Ob dieses im Sinne von Schopenhauer positiv oder negativ zu werten sein muss, steht erst einmal auf einem anderen Blatt geschrieben. Denn einstweilen geht diese Änderung in den Denkmustern in jene Richtung der Hyperlinks, des Multitaskings und Multithreadings (diese Worte sind bewußt der Computersprache entlehnt, denn nicht umsonst wird unser Gehirn komplett fälschlicherweise mit einer Festplatte und unser Denken mit Prozessoren und deren Effizienz verglichen). Wenn bereits seit Alters her erkannt wurde (also schon seit vier, drei Jahrtausenden), dass die Kraft des Menschens in der Ruhe und Konzentriertheit liegt, ist das Internet genau dessen Herausforderung, es beim Lesen zu erreichen (wg. Klicki-Bunti der Bedienoberflächen). Dir und deinem Leserkreis kann bescheinigt werden (und hiermit nehme ich mich selber komplett außen vor), dass jene Konzentriertheit aus der Buchkultur auch beim Lesen deiner Artikel zukommt (ohne hierbei damit zu sagen, dass es der Buchkultur geschuldet sei). Fakt ist aber (nachvollziehbar auch im privaten Bereich und sozialen Umfeld), dass das Internet erheblich zur Zerstreuung und Ablenkung des Denkens und damit auch zu neueren aktuellen Problemen führt (Überschreitung und Ignorierung von im real-life-existierenden Grenzen, vorsätzlicher Manipulation, ADHS, Mobbing etc). Das sind Herausforderungen – um es mal positiv auszudrücken, statt immer nur in “Probleme”n zu diskutieren -, welche aus der Internet- und Computer-isierung der Gesellschaft entstanden sind und deren Aufgaben uns in Zukunft neue Denkmuster abverlangen werden, um sie für uns selber auf privater Ebene zu kontrollieren.

        • trithemius

          Zum Problem Mobbing in der Schule und mangelnde Aufmerksamkeit empfehle ich diesen Artikel, in dem der Autor (ein bisschen polemisch) ganz andere Ursachen als das Internet benennt:
          http://www.nachdenkseiten.de/?p=12985

          • Mobbing ist kein schulspezifisches Thema. Aber boulevard-technisches Thema taugt es höchst effektiv, um Meinungen medientechnisch (ich negiere hiermit nicht die Notwendigkeit an sich)zu beeiflussen. Mobbing und Emden sind inzwischen Worte mit gleichem bitteren Nebengeschmack. ADHS ist keine alleinge Ursache der mangelnden Aufmerksamkeit.

          • trithemius

            Nein, ADHS ist ein Sympton, unter dem viele Schüler leiden (Aufmerksamkeitsdefizit). Es geht darum, dass schulischer Leistungsdruck schon vor der Schule beginnt und viele Schüler den Stress, der auch von den Elltern ausgeht, nur mit Medikamenten aushalten (Ritalin). Daraus entstehen das Gefühl, nicht zu genügen, und Aggressionen, die sich entweder gegen sie selbst richten (Ritzen) oder gegen Mitschüler, die keine Markenklamotten tragen oder aus sonstigen Gründen als “Opfer” herhalten müssen.

            P.S.: Warum bist du eigentlich so schlecht gelaunt und verstehst mich absichtlich falsch?

  3. alles hat seine vorundnachteile, lieber jules, zeitung, ebook, buch, blog…
    und alles zu seiner zeit ist etwas ganz wundervolles…
    geniessen wir also allesamt die tolle entscheidungsfreiheit:
    was davon wann und wo,
    manchmal sogar auf dem klo…
    lg vom lu

    • trithemius

      Selbstverständlich, lieber Ludwig. Gewinne bei neuen Techniken der Fernkommunikation werden immer mit Verlusten bei den älteren bezahlt. Das schnurlose Telefon beispielsweise hindert die Leute am Doodeln. http://trithemius.de/2011/07/29/doodeln-braucht-draht-vom-schwinden-einer-kulturtechnik/
      Und ein Buch zuzuklappen, ist ein haptisches Erlebnis und hört sich schöner an als den Rechner auszuschalten. Ich glaube aber, dass es um Grundsätzlicheres geht. Wie die Erfindung des Buchdrucks eine kulturelle und geistesgeschichtliche Revolution ausgelöst hat, löst auch das Internet eine solche Revolution aus und verändert unser Denken und Handeln. Man kann das negativ sehen wie viele Kritiker des Internets das tun, oder die Chancen begreifen, die in der Demokratisierung der schriftlichen Kommunikation liegen. Ich finde es jedenfalls sehr spannend, mittendrin zu sein. Eine Bewertung der Auswirkungen steht naturgemäß noch aus. Wir müssen abwarten, bis sich herauskristallisiert, was die Schriftkulturen vom Internet haben.

      Schöne Grüße,
      Jules

  4. “Neues Denken” braucht immer Zeit, um sich zu entwickeln, viele Blogger haben die Möglichkeiten, die das Bloggen bietet, noch gar nicht erkannt oder wollen es nicht nutzen. In der täglichen Nachrichten- und Informationssendung im 3. Programm des WDR “Aktuelle Stunde” wird in jeder Sendung auf einen Eintrag zu einem aktuellen Thema im sendungseigenen Blog hingewiesen, der von den Moderatoren geschrieben wurde. Tatsächlich ist das aber nur die gewohnte Einwegkommunikation der Journalisten mit anderen Mitteln: Die Verfasser kommentieren nicht nur nicht in den Blogs der Besucher, sie geben noch nicht mal Antworten auf Kommentare zu ihrem eigenen Eintrag. Stattdessen verkünden sie in der Sendung freudestrahlend, daß es nun einen neuen Trend gebe: Das “Second screen”-Phänomen. Immer mehr Zuschauer surfen im Internet, während der Fernsehapparat läuft, und man hat sich dazu entschlossen, das gut zu finden, weil der Zuschauer dann ja gleich mal schnell was im Sendungsblog hineinkommentieren kann.
    Auf die Idee, daß man die Schnarchsendung ohne zusätzliche Tätigkeiten kaum ertragen kann, kommen sie nicht. Und daß das schon passiert, seit es das Internet gibt, können sie sich auch nicht vorstellen. Neues Danken haben die also dringend nötig. Vielleicht sollte ich Ihnen mal eine Email schreiben, damit müßten sie doch eigentlich umgehen können …

    • trithemius

      Offenbar können auch TV-Journalisten sich nicht von der Einkanalmentalität “Ich Sender, du blödes Volk Empfänger” befreien, wie dein Beispiel zeigt. Blogs, in denen man keine Antwort auf einen Kommentar erhält, lese ich sehr ungern, meistens nicht. Erinnert mich immer an Frontalunterricht in der Schule. Vielleicht solltest du wirklich mal eine Beschwerde schreiben. Dass sich soviele Leute von den sogenannten Leitmedien abwenden, ist ein hausgemachtes Problem. Die Programmmacher haben leider den Wandel im Nutzerverhalten verschlafen. Warum sollten sie auch wach werden, so lange die Rundfunkgebühren zwangsweise eingetrieben werden. Ich preise jeden Tag, an dem ich den Fernseher nicht eingeschaltet habe angesichts des dünnen und oft manipulativen Programms. Wenn ich schon die blöden Börsenberichte bedenke und das unreflektierte Geschwafel von den “Märkten”, die beunruhigt sind und durch weitere Steuergelder beruhigt werden müssen, rollen sich mir die Fußnägel hoch.

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