Schreiben abseits der Millionen – trotzdem unbezahlbar

Dieser Text wurde am 17. April 2012 nachmittags geschrieben. Nicht auf irgendeinen Beschreibstoff, sondern am Bildschirm, wo mir beim Schreiben ein digital erzeugtes weißes Blatt von etwa dem Format DIN-A4 simuliert wird, und wenn ich auf der Tastatur einen Buchstaben anschlage, erscheinen auf diesem simulierten Blatt die entsprechenden Buchstaben in der Drucktype Times New Roman 12 Pica groß. Fast alle Vorgänge des Schreibens sind automatisiert, und in der Automatisierung steckt Expertenwissen, beispielsweise des Schriftgestalters der Times New Roman, Stanley Morison. Er hat sie 1931-32 im Auftrag der Londoner Times gestaltet, mit der Vorgabe, die Schrift solle „einfach, mannhaft und englisch“ wirken. Zu lesen ist dieser Text nach seiner Veröffentlichung im Teppichhaus jedoch in der Drucktype Verdana. Sie kam 1997 heraus und wurde von Matthew Carter für Microsoft geschaffen. Die Verdana wurde also nicht wie die Times für den Druck, sondern für die optimale Darstellung auf dem Bildschirm entwickelt.

Ich tippe einen Text grundsätzlich nicht in Verdana. Bei der Veröffentlichung wird er durch die Blogsoftware von Times New Roman in Verdana umgewandelt. Das ist ein Transformationsprozess; der Text wird mir als Autor dadurch entfremdet, was mir eine leichtere Beurteilung und Korrektur erlaubt. Auch das ist Expertenwissen. Weitere Experten sind ungezählte Typographen und Programmierer, durch deren Arbeit die Automatisierung des Schreibens überhaupt erst möglich wurde.

Dem Schreiber sowie
den Lesern dieses Textes stehen Heerscharen von Experten bei, wobei längst nicht alle genannt sind. Wir bedienen uns also einer Technik, von der wir überwiegend keine Ahnung haben, benutzen dazu noch Programme, die erst ermöglichen, dass wir im Internet publizieren und lesen können. Das alles gehört uns nicht. Bleibt nur ein kleiner Rest des selbst gemachten: Der Inhalt dieses Textes. Ihm liegt geistige Arbeit zugrunde. Der Text aber gewinnt seinen Sinn erst durch den verständigen Leser. Das halbiert meinen Anteil am Text. Da sowohl geistige Arbeit wie das Ergebnis dieser Arbeit immateriell sind, zudem nur mit geliehenen Kräften möglich wird, kann man mit einem solchen Text auch nicht handeln, sondern bietet ihn kostenfrei an.

Eine handgeschriebene Fassung dieses Textes dagegen würde etwas kosten, denn sie bestünde aus Material. Man könnte sie anfassen, beliebig lagern, einen Fisch darin einschlagen, ein Anstreicherhütchen daraus falten und vieles mehr. Der Wert steckt demnach nicht unbedingt im Inhalt des Textes, sondern ist Bestandteil seiner materiellen Form. Material altert, und manchmal steigert das Altern eines Textes den Wert.

Vor über 1300 Jahren wurde das älteste Buch Europas, der St. Cuthbert Gospel, mit der Hand auf Pergament geschrieben. Das Buch gehörte vermutlich dem Heiligen Cuthbert, weil man es im Jahr 698 mit ihm begraben hat. Entdeckt wurde das Buch 1104 in der Kathedrale von Durham, als man den Heiligen Cuthbert wegen eines Wikingerangriffs aus der Gruft holen und umbetten musste. Das noch heute gut erhaltene Buch ist eine Abschrift des Johannes-Evangeliums, geschrieben in Unzials, der Vorform der Carolingischen Minuskel, von der unsere Kleinbuchstaben abstammen. Der St. Cuthberg Gospel hat 92 Seiten und ist nur 9,2 x 13,8 Zentimeter groß, etwas kleiner als eine Karteikarte DIN-A6 (10,5 x 14,8). Man kann das Buch bequem in eine Hand nehmen.

Schon nach seinem Entstehen war es wertvoll. Wer damals ein derartiges Buch ausleihen wollte, musste „gewaltige Pfänder“ hinterlegen, schreibt der Paläograph Wattenbach, ganze Schafherden oder Ländereien. Heute wurde das älteste Buch Europas für 11 Millionen Euro an die British Library verkauft. Zuvor war es im Besitz des Jesuitenordens gewesen und hatte sich als Dauerleihgabe schon in der Nationalbibliothek befunden. Offenbar braucht der Jesuitenorden Geld.

Welche Erkenntnis lässt sich aus der zugegeben lückenhaften Gegenüberstellung dieses digital erzeugten Textes hier und dem St. Cuthberg Gospel gewinnen? Ganz offenbar ist man als Internetautor etwas ganz anderes als ein Autor oder Schreiber der Buchkultur. Indem wir uns vom wertvollen Material verabschiedet haben, sind wir eine neue Erscheinungsform der Schreiber.

Ein Text im Internet unterscheidet sich ganz wesentlich von einem gedruckten oder handgeschriebenen Text. Er ist verformbar, kann jederzeit geändert werden oder sogar ganz verschwinden. Das Verfassen dieser Texte ist keine Auseinandersetzung mit Material mehr. Es fehlen die Zeitdimension und ein handelbarer Wert. Das ist der Verlust, das Opfer, das wir der neuen Technologie bringen müssen. Aber dieser Verlust wird ausgeglichen durch die Leichtigkeit, mit der man schreiben, publizieren und korrigieren kann. Ein weiterer Gewinn steckt in der sozialen Interaktion. Man muss nicht in eine Gruft steigen, um einen alten Schinken zu lesen, dessen Autor längst tot ist und nicht mehr zu seinen Texten befragt werden kann, sondern ruft einfach eine Internetseite auf, liest und schreibt gegebenenfalls einen Kommentar, tritt im Idealfall mit dem Autor in eine Sorte schriftliches Gespräch. Der wiederum wird angeregt, seinen Text noch einmal kritisch zu überprüfen, vielleicht zu verteidigen oder sogar zu korrigieren. Auf diese Weise schulen sich Leser wie Schreiber. Schreiben im Internet ist ein sozialer Akt des freiwilligen Lernens, abseits von Schule und Universität. Zwischen Schreiber und Leser fließt soziale Energie.

Das ist das totale Gegenteil vom St. Cuthberg Gospel. Mein Text oder jeder andere Internettext und das 11 Millionen teure Buch bilden die Extreme ab, die derzeitigen Eckpunkte einer Jahrtausende alten Schriftkultur. Ursprünglich war auch unsere Schriftkultur elitär. Der Zugriff auf ein Buch war den meisten verwehrt. Noch Martin Luther hatte in Erfurt die Bibel „angekettet gefunden wie ein Hofhund.“ Die dummen Gläubigen dachten, die Bibel müsse angekettet sein, weil sie so gefährlich ist, sahen in ihr eine Sorte Zauberbuch. In Wahrheit ging es um Deutungshoheit der herrschenden Kirche und um Angst vor Diebstahl. Diese Deutungshoheit, die Macht über die Köpfe, beansprucht ein Schreiber im Internet nicht für alle, sondern nur für sich. Er teilt seine freien Gedanken und sein Wissen mit und nimmt freie Gedanken und fremdes Wissen aus dem Internet auf. In der Buchkultur bestimmen nur einige wenige, was öffentlich diskutiert wird, in der Internetkultur erobern sich die Menschen die Herrschaft über den eigenen Kopf zurück. Wir stecken mitten in einer geistigen und kulturellen Revolution. Unser Schreiben abseits des Geldes bedeutet: es ist unbezahlbar.

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10 Antworten auf Schreiben abseits der Millionen – trotzdem unbezahlbar

  1. Ich freue mich immer wieder, hier in ein schriftliches Gespräch eintreten zu können. Insbesondere der vorletzte Absatz gefällt mir ausgezeichnet.

    • trithemius

      Hab den vorletzten Absatz noch einmal gelesen und finde, er müsste eigentlich noch entfaltet werden. Freut mich aber, wenn er dir gefällt. Alle Absätze des Textes sind eigentlich zu kurz, wenn man die Komplexität des Themas bedenkt. Das zeigt einen Nachteil der Internetschreiberei, den ich oben vergessen habe aufzuführen: Man kann sich zwar ausbreiten wie man will mit einem Text, aber vergrault die Leser mit zuviel Text.

      • Ich glaube kaum, dass du deine Leser mit zu viel Text vergraulen würdest.

        • trithemius

          Danke für das innewohnende Kompliment. Ich lasse mich aber oft von zuviel Text abschrecken. Kurz zu schreiben ist daher immer mein Ziel. Es ist bei manchen Themen eine Gratwanderung zwischen sprachlicher Dichte und Redundanz.

  2. Jetzt verstehe ich, warum ich Fehler beim eigenen Korrekturlesen nicht immer finde. Ist logisch.

    • trithemius

      Man neigt dazu, die eigenen Fehler zu übersehen, weil man ja selbst weiß, wie es heißen soll. Da spielt uns das Gehirn einen Streich. Daher ist Entfremdung vom Text eine gute Methode.

  3. Brunopolik

    “… Unser Schreiben abseits des Geldes bedeutet: es ist unbezahlbar.”

    Eine geniale Feststellung, deren Tiefe erst noch auszuloten ist: wahrlich eine ‘geistige und kulturelle Revolution’.

    • trithemius

      Derzeit bin ich glücklich, diesen kulturellen Umschwung zu erleben. Das Aufkommen der Piratenpartei ist eines der äußeren Zeichen. Auch das Sinken der Auflagen im Printmedium und die Abkehr vom Fernsehen. Der Umschwung geht so rasch, ganz anders als der kulturelle Umbruch, der durch die Erfindung des Buchdrucks ausgelöst wurde. Und wir sind Teil davon. Schon allein das ist unbezahlbar.

  4. „Wir haben noch immer diesen Leitartikler-Gestus, der etwas mit Sender und Empfänger zu tun hat. Das wird als Herrenmoral empfunden. Durch das Internet stellen wir fest: Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die gerne schreiben. Auch gut schreiben. Da muß sich erst wieder ein neues Gleichgewicht bilden.“, wird Frank Schirrmacher in der heutigen “Zeit” zitiert. Ich vermute, dahinter steckt die leichte Sorge, eines Tages vielleicht völlig überflüssig zu sein.

    • trithemius

      Danke für das Zitat. Schirrmacher hat sich in letzter Zeit vom Saulus zum Paulus gewandelt, schon zu sehen an seinem Gespräch mit Fefe.
      http://trithemius.de/2011/10/24/frank-schirrmacher-umarmt-die-netzgemeinde/

      Es täte dem Printmedium gut, wenn mehr Journalisten ihre ablehnende Haltung gegenüber Blogger aufgeben und auf Synergieeffekte setzen würden. Aber zuviele haben zu Recht Angst um ihren Arbeitsplatz. Gute Zeitungen werden überleben, aber sie müssen sich auf weit geringere Auflagen gefasst machen und Konzepte entwickeln, wie sie den Einnahmeverlust aus der Werbung kompensieren.

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