Dahingeschlenzter Bummel durch die Zeit

Ob denn wohl jemand Interesse hätte, einen einfach dahin geschlenzten Bummel durch die Zeit zu lesen? Wenn der Autor zu faul oder zu müde und von einem Zuviel an Informationen ein bisschen matschig im Kopf ist? Ob das einer lesen wollte? Ich habe jetzt bewusst einen solchen Text noch nicht gelesen. Wozu soll der gut sein, würde ich mich fragen. Ja, schriebe der Autor mit der Hand, dann wäre es was. Dann wüssten wir ja, er ist eigentlich schlapp. Und trotzdem nimmt er den Stift in die Hand und kritzelt Worte auf Papier. Das strengt doch viel mehr an, als würde er nur Tasten tippen.

„Drei Finger schreiben, doch der ganze Körper arbeitet.“

Das ist ein bekanntes Wort aus dem Mittelalter. Wenn du also wüsstest, ich hätte den Text hier mit dem ganzen Körper geschrieben. Würdest du dann jedes Wort sorgsamer lesen. Was meinst du? Doch das hier ist ja nur aus den Tasten geflutscht. Spürt man das? Wenn das Schreiben ungefähr ein Schrittchen hinter dem Denken angeflitzt kommt? Sind diese Texte anders, als die, welche man sich mühsam mit Bleistift und Beschreibstoff abgerungen hat? Ich will ein Beispiel geben, so dass der Leser bereit ist, sich nach dem Lesen andächtig zu verneigen.

Das gibt es nicht, dass du dich verneigst? Und vor mir erst recht nicht, weil ich nur ein Teppichhändler bin? Da kann ich dich beruhigen, du wirst dich nicht vor mir verneigen, sondern vor dem großen Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Dann verneigst du dich? Versprochen? Gut, dann werde ich zeigen, wie mit geschriebenen Worten auf Material sich ein Zauber entfaltet, dem du dich nicht entziehen kannst. Ich brauche nämlich gerade ein bisschen Zauber. Deshalb will ich hier mit Hilfe von Johann Wolfgang von Goethe vor Deinen und meinen Augen etwas zaubern. Machst du mit?

Du weißt noch, worum es geht? Um das Gewicht von Schrift. Wenn einer Material benutzt, haben Wort und Schrift mehr Gewicht als digitale, körperlose Schrift. Das will ich beweisen. Alles klar?

„Herr von Goethe, sind Sie auch bereit?“

Dass Herr von Goethe hier mitmacht, ist etwas Besonderes. Denn er wird heute 83 Jahre. Wir schreiben den 27. August 1831. Man wollte ihn groß feiern, doch den Trubel wollte er nicht. Da hat er gesagt, er will noch einmal auf den Berg Krickelhahn, im Thüringer Wald gelegen, und weil der Geologe Christian Mahr, der ihn begleiten sollte, nicht da ist, fahre ich einfach mit.

Wir nehmen zum Krickelhahn eine gutsituierte Kutsche. Man könnte sie fast prächtig nennen. Denn Herr von Goethe ist schon sehr berühmt. Den lässt man nicht mit einer alten Chaise reisen. Wir fahren hinauf, weil der alte Herr nicht mehr so weit laufen kann. Doch er sagt, als wir dann oben sind: „Das kleine Waldhaus muss hier in der Nähe sein. Ich kann zu Fuß dahin gehen, und die Chaise soll hier so lange warten, bis wir zurückkommen.“

Er schreitet rüstig voran durch die auf der Kuppe des Berges hoch stehenden Heidelbeersträucher. Ich kann ihm nur atemlos folgen. Dann sehen wir das Jagdhaus aus rohem Zimmerholz am Rande der Lichtung und gehen hinein. Eine steile Treppe führt hinauf in den ersten Stock, wo Goethe sich an ein Zimmer erinnert. Er sagt: „Glauben Sie ja nicht, dass ich die Treppe nicht steigen könnte; das geht mir noch sehr recht gut.“

Das ist auch so, trotz seiner 83 Jahre. Oben im Zimmer schaut er sich um und sagt: „Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben, und wenn das Datum darunter geschrieben steht, so haben Sie die Güte und schreiben es mir auf.“

Zum Glück habe ich einen Stift in der Tasche und auch Papier. Ich führe den alten Mann an das südliche Fenster der Stube, wo links mit Bleistift etwas an die Bretterwand geschrieben steht.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

D.7.September 1780

Herr von Goethe bewegt leise die Lippen und liest die wenigen Verse vor, die er „in früherer Zeit“ geschrieben hat. Da fließen Tränen über seine Wangen. Ganz langsam zieht er ein weißes Taschentuch hervor und trocknet die Tränen sich ab. Mit leiser Wehmut in der Stimme sagt er laut: „Ja, warte nur, balde ruhest du auch!“

Ich werfe noch einen Blick auf die Verse an der Wand. Der Dichter hat sie so schön gesprochen. Da stelle ich mir vor, wie er einst von seiner Endlichkeit geschrieben hat, als er jung war und übermütig, 51 Jahre zurück! Und nun im Jahre 1831, an seinem 83. Geburtstag, findet der alte Mann eine Botschaft vom jungen Johann Wolfgang vor wie einen Brief, den er sich durch die Zeit geschickt hat. Bald wird er ruhen. Goethe wendet sich um: „Nun wollen wir gehen!“

Am 22. März 1832, heute vor genau 180 Jahren, starb Johann Wolfgang von Goethe im Alter von 83 Jahren.

Verneigst du dich vor dem Zauber, der aus dem Bleistift kam und in der Jagdhütte am Holze blieb? Welche Sorte Magie liegt hier vor? Es ist der Zauber der Zeit. Es ist Zeit in jedem Wort, das du mit den Händen formst. Die Computerbuchstaben dagegen haben in sich keine Zeit; sie geht spurlos an ihnen vorbei. Sie altern nicht, darum waren sie auch niemals jung.

Was nicht Fleisch nicht Fisch ist, das ist nichts. Und genau daraus sind diese Buchstaben hier gemacht. Aus beinahe nichts. Das bisschen, woraus sie gemacht sind, ist eine kleine elektronische Illusion auf deinem Bildschirm. Doch wenn du trotz allem beim Lesen eines Tastaturtextes Zauber entdeckst, wo kommt der her? Er kommt aus dem Wort. Unsere Wörter und Worte haben Kindheit und Jugend, Erwachsensein und Alter. Von den meisten kennt man sogar die Biographie und kann sie in einem etymologischen Wörterbuch nachlesen.

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