Tote kaufen keine Bücher – Ethnologie des Alltags

Der Buchantiquar auf der Limmerstraße stellt täglich zwei Regale vor die Tür. Ich hasse das. Denn aus Neugier schaue ich mir immer die Buchtitel an. Hinter mir auf der anderen Straßenseite sagen die Leute vielleicht: „Ach, guck mal, der arme Mann, wie erbärmlich der mit dem Kopf wackeln muss!“ Ja, aber ich habe nicht etwa einen zwanghaften Tick, sondern die Buchverlage zwingen mich dazu. In ganz Deutschland müssen die Bücherei- und Buchladenbesucher immerzu ganz erbärmlich mit dem Kopf wackeln, was ja neudeutsch Headbangen heißt.

Zum Headbangen Bild klicken – Foto: Trithemius

Es ist eines der Alltagsrätsel: Warum können sich Verlage und ihre Typographen nie und niemals entscheiden, ob sie Autorennamen und Titel auf den Rücken von Taschenbüchern links- oder rechtsrum stürzen? Nicht mal innerhalb einer Buchreihe aus demselben Verlag ist das einheitlich geregelt – wie Sie oben, wenn Sie einmal Ihr geneigtes Haupt bitte nach rechts und nach links drehen würden – bei Büchern des btb Verlags wunderbar sehen können. Kann mir einer diese Marotte der Verlage schlüssig erklären? Headbangen kann Nackenschäden hervorrufen – und sogar Schlaganfall. Müssen die Verlage ihre eigenen Kunden mutwillig in Lebensgefahr bringen? Tote kaufen keine Bücher, meine lieben Damen und Herren.

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27 Antworten auf Tote kaufen keine Bücher – Ethnologie des Alltags

  1. Dat is ja noch gaa nix. Meine Buchhändlerin hier stapelt die Bücher einfach übereinander und hin und wieder werde ich gefragt…wo ich denn bitte die Yoga-Kurse abhalte. Bis sich dann mein Blutdruck wieder normalisiert hat, sind die Fragenden bereits von dannen gezogen ;-) )))))))))))))))

  2. trithemius

    Et geet immer noch schlimmer.

  3. So.
    Jetzt ist mir schwindelig vom Hin-und-Her-Wiegen meines Schädels.
    Super.

    Der Grund für das headbanging ist aber sicher recht simpel:
    Es gibt keine verbindliche Norm (halloooo, wir sind doch in TeutschLant!) , und außerdem sitzen alle 12-24 Monate ohnehin neue Orga-Kräfte auf den befristeten Verlags-Stellen, die keine Ahnung haben…

    a) von dem Job und
    b) von dem, wie der/die Vorgänger/in das hier immer gehandhabt hat.

    Und den Chef im Verlag kann man auch nicht fragen, weil er

    a) nie da ist und
    b) es selber nicht weiß und
    c) gerade darum kämpft, dass die Geldgeber aus der besagten unterbezahlten Befristungs-Stelle nächstes Halbjahr nicht noch eine Volontariatsstelle (zur Gänze unbezahlt) machen.
    Der Kosten wegen.

    <- Übertrieben?
    Von wegen, das grad war first-hand-information.

    Ach, und by the way:
    Ich habe Sie vermisst, Trittenheim :-)

    Schön, hier mal wieder vorbeigeflogen zu sein.

    • trithemius

      Das ist in der Tat schlüssig erklärt. Danke für die Informationen aus erster Hand. Aber btb beispielsweise gehört zu Random House, also Bertelsmann. Die werden doch genug Geld haben, Typographen statt Praktikanten zu beschäftigen, die hierfür ein einheitliches Konzept entwickeln. Man lässt ja auch nicht den Hausmeister an die Konzernspitze.

      Bei kleineren Verlagen kann ich mir das eher vorstellen. Aber wäre das soviel Arbeit? Ich mache es kostenlos:

      Besser ist es auf jeden Fall, die Zeilen nach links zu stürzen, denn wir lesen von links nach rechts, so schließt sich das Öffnen des Buchs logisch schlüssig an. Also, der Schluss der Zeilen steht oben.

      Fertig, hat mich grad mal zwei Minuten gekostet.

      by the way: Helfen Sie mir bitte. Wann und wo haben wir uns verloren?

      Schön, dass Sie hier gewesen sind, und schönen Gruß,
      Ihr Trittenheim

      • Ach, je.
        Da, wo ich dereinst wohnte, haust jetzt so ein widerlicher Gedankendieb, klaut alte Beiträge von mir und macht zwischendrin einen auf productplacer ;-) .

        • trithemius

          Wie kann so etwas geschehen? Oder ist’s ein Werbegag, Herr Rain?

          • Nein, eigene Dummheit war das – ich hab den Ziegenblog stillgelegt UND den Account gelöscht. Daraufhin war er natürlich neu anlegbar unter diesem Namen.
            Der Typ hat sich schlauerweise vorher ein paar meiner posts rauskopiert und sie nun wieder für eigene Zwecke eingesetzt, er ist bezahlter Produktplatzierer, so wie ich das sehe.

            Wieder was gelernt, Herr Rain ;-/.
            Aber zu twoday zurückzukehren hatte ich ohnehin nicht vor.

          • trithemius

            Was sagt denn Twoday/Knallgrau dazu? Dulden sie solche Praktiken?

          • Offen gesagt habe ich dem Typ seither keine größere Beachtung geschenkt, “meine” alten Beiträge hab ich erst vor ein paar Tagen beim Runterscrollen dort wiederentdeckt.

            Und so richtig Gedanken gemacht hab ich mir dbzgl. auch noch nicht, aber wenn ich mir vorstelle, was da vermutlich verlangt würde (“Weisen Sie nach, dass der Beitrag x am y wirklich von Ihnen verfasst wurde, dann werden wir aktiv!”), lasse ich es glaub ich lieber gleich bleiben.

            Aber schaun wir mal, wenn mir das zu sehr auf den Nerv geht, überleg ich mir, gegen den was zu machen.

          • trithemius

            Wenn der Mann Productplacement betreibt, verstößt er sowieso gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen von twoday. Es wäre einfach, die Löschung des Blogs zu betreiben.

          • Dann werde ich das mal ernsthaft in Erwägung ziehen.
            Danke für die Infos, Meister Trithemius :-) .

  4. Blessing gehört auch dazu.

    • trithemius

      Zu Random House? Oder zu den Verlagen, die keine Richtung kennen?
      Du siehst, Ein-Satz-Kommentare fordern Nachfragen ;)

      • Bertelmann. Wozu auch Random House gehört. Dieter Hildebrandt hat bei Blessing viele seiner Hardcover veröffentlicht. Und es hat mich damals ebenso geärgert. RoRoRo dagegen hat alles in eine Richtung wie suhrkkamp, kanur, pieper und dtv. Ich habe auch zwei btb-Bücher von Murakami. Gleiche Anordnung.
        Dieses Kopfschütteln ist übrigens auch bei MCs, LPs, CDs und DVDs so angesagt. Nur der Ausschaltknopf für Fernseher war immer rechts unten.

  5.  
    … wieder mal nicht genau (genug) hin gekiekt – ist mir auch noch nicht aufgefallen, das mit den “Stürzen”… aber das Problem könnte darin bestehen, dass selten wo nach Verlagen oder gar einzelnen Reihen von Verlagen sortiert wird…

    (… ich kann mich nur meiner leichten Erleichterung entsinnen, als ich einmal den “Schatz im Silbersee” neben “Buddenbrooks” stehen sah, weil May eben nach Mann kam… lokal… chch…)
     

    • trithemius

      Manche sortieren auch die Suhrkamp-TB nach Farben, hehe, aber ich würde vorziehen, die Bücher danach sortiert zu sehen, wierum die Rückentitel gestürzt sind. Das Durcheinander wird so bald keine Ende haben, selbst wenn sich die Verlage hinfort die vernüftigste Stürzung wählen und konsequent einhalten, nach links, da ja immer noch ältere Bücher existieren, bei denen sie es nicht gemacht haben.

      •  
        … das ist eigentlich schon wieder ‘ne Geschäftsidee… oder jedenfalls ein Ein-Euro-Job: bei Bedarf werden die Bücher und/oder (potentielle) KundInnen gedreht…

        (… ich würde mich ganz gern mal da einschließen lassen…
         

      •  
        … bitte die Fachschwester von Professor Freud… – ich meinte natürlich nicht “Erleichterung“, sondern “Erheiterung“…
         

  6. Ich bin da vorhin dran vorbeigeangen und konnte mich auch nicht zurückhalten. Ich musste zwei Bücher erstehen.
    Im übrigen hat meine Frau die nächsten Tage keine Zeit hier zu lesen (dafür sorge ich schon), sonst gibt es wieder Ärger für mich.

    • trithemius

      So ähnlich ging es Manfred Rommel: “Meine Frau duldet keine Einbringung weiterer Gegenstände in unseren gemeinsamen Haushalt.” Viel Glück mit deinen neuen Büchern. Brauchst vielleicht einen Anbau.

  7. Dabei ließe sich dieses Problem doch einer überaus einfachen Lösung anheimführen: schreibt dickere Bücher! So wäre für die Titel im Querformat ausreichend Platz ; )

    • trithemius

      IN der Tat. Allerdings ist ein dickes Buch zu schreiben einfacher als einen Verlag zu finden, der es drucken will. Aber es geht auch bei durchschnittlich dicken Büchern bei entsprechend kleinerer Schrift.

  8. Lieber Trithemius,

    vermutlich ist der Fall lange geklärt, da ich schon 25 Kommentare unter Ihrem Artikel sehe. Ohne die Lösungen anderer Leser zu kennen, und auch auf die Gefahr hin, etwas zu wiederholen, was andere schon lange erkannt haben, möchte ich meinen bescheidenen Beitrag liefern, Ihnen die Merkwürdigkeiten dieser Welt zu erklären.
    Abgesehen davon, dass der Buchhändler in der Limmerstr. die Bücher in der falschen Reihenfolge einsortiert hat, (man kann ja alles auf max. EIN Bäng reduzieren!), hat er ganz einfach das falsche Regal verwendet.

    Diese von Ihnen gezeigten Bücher sind eindeutig für ein Hamsterradregal hergestellt worden, das aus Platzgründen nichtdrehend im Lesezimmer aufgestellt wird.

    http://blog.smartshopping.de/10941_im-kreis-lesen-bcherregal-mit-hamsterradeffekt/

    Gruß Heinrich

    • trithemius

      Genau das finde ich auch, lieber Heinrich. Die Bücher nach der Ausrichtung der gestürzten Zeilen zu ordnen, wäre sehr Leser- und Nackenfreundlich und würde den Kauf von Büchern befördern. Zumindest ich bin schon mehrfach weggegangen, weil mir das Kopfwackeln zu lästig geworden war. Deshalb habe ich so manches interessante Buch übersehen, das ich theoretisch hätte kaufen können.

      Das Hamsterrad, zu dem Sie verlinkt haben, ist köstlich, etwas für den echten Lesegenuss das Büchernarren.

      Vielen Dank für Ihren konstruktiven Kommentar und herzliche Grüße,
      Trithemius

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