Plausch mit Frau Nettesheim – über scheintote Sprache

Trithemius
Oweh, oweh, Frau Nettesheim, mein Schreiben ist tot.

Frau Nettesheim
Tatsächlich? Woran ist es denn verröchelt?

Trithemius
An zu hohen Ansprüchen. Mein jüngster Sohn hat mal gesagt: „Ich bin Perfektionist.“ Da war ich total überrascht. Inzwischen muss ich eingestehen, das hat er von mir. Es ist eine Pest, eine verfickte Denkbremse. Dabei würde ich so gerne schreiben wie Martin Kurzweil zeichnet.

Frau Nettesheim
Befreien Sie sich, machen Sie einen Kopfstand, oder besser: reden Sie mit Ihrer Zimmerpflanze, das hat noch immer geholfen.

Trithemius
Mach ich doch, aber habe inzwischen das Gefühl, ich ziehe ihr zuviel Energie ab, wenn ich mich ihr nur so eigennützig zuwende, sie kümmert dahin.

Frau Nettesheim
Dann gehen Sie raus in die Natur und suchen Sie sich einen mächtigen Baum. Dem wird’s nicht schaden, wenn Sie ihm mit Ihrem mauskleinen Problem auf die Pelle rücken.

Trithemius
„Mausklein“, das können auch nur Sie befinden, weil Sie bar jeder Verantwortung hier so einfach daherreden können. Wenn Sie etwas Schräges, Ungezügeltes sagen, dann bin’s doch letztlich ich, der den Kopf dafür herhalten muss, weil ich Ihnen das lose Mundwerk nicht …

Frau Nettesheim
Heuwägelchen, Trithemius. Sie reden sich bei mir um Kopf und Kragen.

Trithemius
Ach, die Madame verträgt gar nicht, wenn ich mich befreie, auch wenn die von ihr empfohlenen Befreiungsversuche ganz zaghaft sind.

Frau Nettesheim
Ich habe Ihnen nicht zur Zaghaftigkeit geraten, aber Ihre Befreiungsversuche müssen ja nicht gleich auf meine Kosten gehen.

Trithemius
Das ist mir alles zu sophistisch und geht ungefähr von hier bis zum nächsten Baum an meinem Problem vorbei.

Frau Nettesheim
Dann machen Sie sich auf den Weg. Raus in die Natur!

Trithemius
Alleweil verlangen Sie angepasstes Verhalten von mir. Kein Wunder, dass mein Schreiben verröchelt ist.

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2 Antworten auf Plausch mit Frau Nettesheim – über scheintote Sprache

  1. Mit Bäumen sprechen ist immer gut, jedoch wenn sie dann antworten, könnte es bedenklich sein.
    :-)

    • trithemius

      Hab das schon so oft gemacht, ohne dass ich Stimmen gehört hätte. Der Anlass ist ganz unverdächtig. Die Empfehlung, ab und zu einen Baum zu umarmen, stammt von dem US-Designer Jim Krause aus seinem Buch “Funkenflug”, einem phantasievollen Arbeitsbuch für Grafik-Designer. Es ist eine Form der Rückbesinnung auf die Natur, gerade dem Stadtbewohner zu empfehlen.

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