Neues aus der ZDF-Anstalt – Das große Heilfressen

Ein wünschenswerter Nebeneffekt des Fastens ist die Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentration. In der gestrigen Ausgabe von „Neues aus der Anstalt“ spielte Urban Priol hingegen einen durch Fasten völlig Verwirrten und lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel in höchsten Tönen. Er tat das lang und ausdauernd, so dass ein unbefangener Betrachter glauben konnte, die Lobhudelei wäre ernst gemeint, wenn er den konstruierten Zusammenhang nicht mitbekommen hatte. Aufgelöst wurde die unglückliche Spielidee erst gegen Schluss der Sendung, als Erwin Pelzig den Anstaltsleiter zum Essen verführte. Darauf zog Priol vom Leder und gab sich u.a. verwundert, dass die Peinlichkeiten um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nicht auf Merkels Popularitätswerte durchschlagen, obwohl sie ihn ins Amt gehoben und viel zu lange an ihm festgehalten hatte. Ja, warum wohl macht niemand Merkel verantwortlich? Weil die Deutschen zuviel fasten? Wohl doch eher, weil die meisten Leute zu fett und satt sind zum Denken, sondern immer nur ihrem Bauchurteil folgen, das von der Jubelpresse bestens gefüttert wird.

Jeder erfahrene Lehrer weiß, dass man aus didaktischer Absicht keinen Fehler an die Tafel schreiben sollte. Das dumme Gehirn merkt sich nämlich alles, auch einen prominent präsentierten Fehler. Und so sind Priols Hymnen auf Merkel auch zu sehen. Sie verstärken den Eindruck, den der noch dümmere bundesdeutsche Bauch ohnehin schon hat. Priol und Pelzig sind erfahrene Kabarettisten. Ihnen muss aufgefallen sein, dass die alberne Spielidee disfunktional war, sogar nach hinten losging. Und hätten sie es nicht bemerkt, so hätte es jemandem in der Redaktion auffallen müssen.

Vermutlich war es Absicht. Die beiden werden immer mehr auf ZDF-Anstaltslinie gebracht. Seit Georg Schramms Weggang aus der Anstalt dominiert dort der Klamauk. Jochen Malmsheimer, der dritte im Bunde, trägt in erster Linie seinen Bauch spazieren und erklärt: „Der Bauch ist der Lehrer der Kunst.“ Ach, ja? So ein Quatsch kann nur aus dem Bauch kommen. Der Volksmund weiß: „Wenn der Bauch voll ist, ist das Haupt blöde.“ Oder: „Der Bauch macht Huren und Buben.“

Die Gastkabarettisten sind durch die Bank harmlose Spaßvögel, unpolitische Klavierspieler wie der Niederländer Hans Liberg oder Lars Reichow, der in der gestrigen Sendung seine geistlosen Liedchen singen durfte, oder solche wie Komiker Michael Mittermeier, der sich zur Jahreszeit völlig unpassend über Halloween ausließ. Da kann man schon dankbar sein, in der Anstalt von den platten Weisheiten des bübischen Dieter Nuhr verschont zu bleiben, dieser neoliberalen Wanderhure auf dem „Satiregipfel“. Zur Sicherheit werde ich mich in die ZDF-Anstalt nicht mehr einweisen lassen.

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13 Kommentare zu Neues aus der ZDF-Anstalt – Das große Heilfressen

  1. Das war in der Tat die schwächste Sendung ever!

  2.  
    … ich weiß noch, dass ich (ohne Iroskasmus!) recht sehr verdattert war, als ich wahrzunehmen nicht verhindern konnte, dass die Teile tatsächlich Anstalten heißen…

    (… ich kann dazu nicht viel sagen, weil man hier im Hochgebirge zum fern Sehen keine extra Apparatur benötigt…)
     

    • trithemius

      Du kannst dir die Sendung auf dem Computer anschauen. Ich habe die ZDF-Mediathek oben verlinkt. In der Tat ist die Anspielung auf psychiatrische Anstalten ziemlich flapsig.

      •  
        Vielen Dank für den Tip (oder Tipp, sakra), Herr Text-Teppich-Direktor, und vielleicht kieke ich mal mitte Oogen im Kopp; allein, ich muss mich um meine Re-Integration in den erhebenden Prozess der Steigerung des Bruttosozialproduktes kümmern, Aufschwung Südwest und so…
         

  3. Ich denke, der Schaden hält sich in Grenzen zumal sich der bundesdeutsche Dumm-Bauch gemütlich an der Rache der Wanderhure in Sat.1 erfreut und von der Anstalt gar nichts mitbekommen haben dürfte.

    Jedenfalls fand ich Priols Genesung zum Ende der Sendung überzeugend. Dass es ein Kabarettist überhaupt wagen würde, die allenthalben sehr gelobte Rede der Bundeskanzlerin auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Neonazimorde auseinanderzunehmen und mit ihren Aussagen aus der Vergangenheit zum Thema Multikulti und Zuwanderung in Beziehung zu setzen, widerlegt meiner Meinung nach die These von einer Anpassung an eine ZDF-Anstaltslinie.

    Es kann ja auch sein, dass den Kabarettisten angesichts des kollektiven Dahindämmerns weiter Bevölkerungsteile einfach nichts mehr einfällt.

    • trithemius

      Verglichen mit Schramms Zeiten ist „Neues aus der Anstalt“ ziemlich seicht geworden, da kann Barwasser sich noch so bemühen.

      Nach meinem Gefühl hätte Priols Genesung viel eher kommen müssen. Denn an der Idee stimmte aber auch gar nichts, und die Merkel-Lobhudelei habe ich über weite Strecken als peinlich empfunden. Auch das Nachtreten gegen Wulff war völlig unnötig und rein populistisch, allein der Quote geschuldet. In all dem Seichten ging dann auch das on dir angeführte „Auseinandernehmen“ der Merkel-Rede fast unter. Mittermaier und der alberne Sänger hätten auch Wanderhurenmüde nicht aus dem kollektiven Dahindämmern holen können.

  4. „weil die meisten Leute zu fett und zu satt sind zum Denken“:
    Wow. Den Satz musste ich mir jetzt mehrmals durchlesen, um ihn zu glauben. Er enthält bereits drei Implikationen mit deren Deduktion eine kausale Konklusion erzeugt wird. „Fett-sein “ oder „Satt-sein“ hat mit Denken nichts zu tun und erst recht nichts mit deren Exzessiv.

    Dass in Kunstformen u.a.a. des politischen Kabaretts eine Dialektik verwendet wird, ist für Außenstehende gewöhnungsbedürftig, besonders wenn Kabarett das Bedürfniss nach Nummernkabarett der 08-15-Art nicht entspricht (nichts gegen „Nummernkabarett“, da es für deren Macher effektiv immer eine sichere Bank für Zuschauerreaktionen bleiben wird). Nur, für Zuschauer der privaten Sender ist so etwas überhaupt nur Gift: vertane Zeit und generell nicht konsumierbar. Kabarett war schon immer so: nicht 08-15-konsumierbar.

    Die Zwischennummern der Hauptprotagonisten war bereits zu Schramm-Priol-Malmsheimer-Zeiten gewöhnlich (Richtung seichte Comedy mit Spitzenauftritten als Ausnahme). Oder gewöhnungsbedürftig. Ich erinnere mich sehr genau und sehr ungern an solche moralische-Zeigefinger-Kabarettisten, die außer Betroffenheitskultur nichts kreativ kabarettistisches versprühten. Rether ist einer von denen. Eigentlich, ist das aber auch nicht wirklich programmtechnisch vorwerfbar. Denn was würde passieren, würde bei einem „Rammstein“-Konzert als Pausenfüller jeweils eine Nummer von „The Rolling Stones“, „Sting“ und „Heino“ angekündigt werden? Eben, es werden Leichtgewichte zu den Hauptprotagonisten eingeplant. Hin und wieder – als Schmankerl – treten dann Schwergewichte wie Venske/Busse oder Hildebrandt auf.

    Malmsheimer wird von dir in deinem Post völlig unterschätzt. Der Satz „Der Bauch ist der Lehrer der Kunst“ mit der von dir nicht erwähnten dazugehörigen Replik „Der Hunger ist die Magd des Genies“ ist möglicherweise in Hinsicht auf dessen Weglachbarkeit des immanenten Widerspruchs grenzwertig (weil nicht unbedingt direkt verstehbar; entsprechend war die Hilflosigkeit der Zuschauer im Saal greifbar; also eine „verlorene“ Pointe hinsichtlich eines Lachers als Ventilfunktion). Aber der Satz passt zu der ganzen Sendungsthematik. Nur war er viel zu hoch angesiedelt, da kein Publikum der Welt Zeit hat, sich dazu entsprechend schnell Gedanken zu machen.

    Malmsheimer sein Programm sollte trotzdem jeder interessierte besuchen. Was Jürgen von Manger damals präsentierte, dass ist Malsheimer heute. Auch in Hinsicht des Rurpottsverständnis. Er persifliert genau das, was u.a.a. Westfalen so verkörpern. Malmsheimer geht allerdings darüber hinaus und verkörpert das, was man als generischen Widerpart vom Rurpott ansieht. Erinnerst du dich noch, mit welchem Satz Malmsheimer sein Solo der Sendung abbrach, als er unterbrochen wurde? Malmsheimers Part wurde allerdings erst im Widerpart von Schramm damals richtig beleuchtet. Beide haben ihre Affinität zur Literatur in den gemeinsamen Auftritten gefrönt. Malmsheimer hat jetzt leider diesen hochkarätigen Literatur-Mitspieler nicht mehr. Weder Priol noch Barwasser können ihm dafür als Stichwortgeber adequat helfen. Leider. Deswegen hat Malmsheimer an Kontur verlieren müssen. Priol müht sich ab, den Schramm-Part für Malmsheimer zu geben (bei der Vorbereitung zum Programm) aber Priol ist nicht der passgenaue Deckel zum Top Malmsheimer. Ich empfehle ernsthaft mal das letzte Programm von Malmsheimer zu besuchen, selbst wenn es nicht ein Allheilmittel für Positionen gegen Malmsheimer sein wird.

    Dass Wulff und Gauck inzwischen als „olle Kammelle“ klassifiziert werden, das hat sich im Internet selber inzwischen gezeigt und gilt als „guter Ton“. Geister der Kritik werden inzwischen wegen ihrer Kritik an beiden Leuten erheblich abgestraft. Das geschieht u.a.a. mit Personen wie Konstantin Wecker. Je öfter er sich zum Thema „Bundespräsidententum“ äußert, desto geharrschter werden die Kommentare dazu. Ist es Zeitgeist? Oder mediengesteuert? Oder sind die Kritiker an Wulff, Gauck und Co. per se ewrig Gestrige? Oder kann inzwischen niemand mehr hören, wie der Wulff was wie unternahm? Dann ist es im Sinne einer konservativen, neoliberalen Gruppierung a la „Merkel & Co.“: Vergesst, weil ihr es nicht mehr hören könnt. Vergesst es, denn die Mahner sind die Verhinderer der Heilung der Wunden. „Nachtreten“ ist dann immer ein wohlfeiles Wort.

    Die Sendung selber war allerdings (also, ohne Widerworte) nicht wirklich ein Höhepunkt in der Geschichte aus „Neues aus der Anstalt“. Aber selbst mit Schramm gab es Sendungen in Reihe auf gleichem gleichbleibendem Niveau. Da wurde bereits damals vermutet, Schramm/Priol würden alles verwässern, würden ZDF-beeinflusst sein. Deshalb muss anhand einer Serie von Sendungen nicht alles verworfen werden. Ich erinnere nur an die „Scheibenwischer“-Sendungen von Hildebrandt. Er hatte bevor er im letzten Scheibenwischer-Jahr wieder zur halben Hochform auflief (Alkoholismus war Hildebrandt sein Problem), das Niveau kontinuierlich jener Senung heruntergezogen. Ich habe die Aufzeichnungen noch auf Platte (leidenschaftlicher Sammler war ich) und diese Sendungen waren IMHO schlechter als die letzte Anstalt-Sendung. Trotzdem wäre mir nie die Idee gekommen, die Sendung für mich abzusetzen (was auch gut war; aber solches Verhalten klassifiziert man auch mit der irrationalen Vokabel „Fan“). Diese Meinung gilt allerdings nur für mich und ausschließlich für mich. Jeder muss für sich selber entscheiden, was er anschaut oder was nicht.

    Und dabei sollte sich jeder vor Augen führen, dass bereits Schramm in einigen Sendungen verdächtigt worden war, vom ZDF reglementiert worden zu sein. Nur Schramm hat das inzwischen selber mehrfach vehement verneint. Ebenso Priol. Und nu? Glaub es, dass das ZDF nicht beeinflusst, oder glaub es nicht. Es ist deine Entscheidung. Aber ich hoffe, es beeinflusst nicht deine Entscheidung, die Sendung nicht mehr anschauen zu wollen.

    Nebenbei:
    Nuhr (ich mag ihn nur noch zu maximal zur Hälfte, seitdem er seinen Stil entscheident verändert hatte und später auch noch das Wort „Satiregipfel“ in seinem Sinne vergewaltigt hat) als „Medienhure“ zu bezeichnen ist eine wohlfeile populistische Methode. Das hat ja locker eine Erwähnung der „Wanderhure“ in deinen Kommentare gezeigt hat. Das Wort „Hure“ ist IMHO eine ehrenwerte Bezeichnung für Prostituierte (selbst jene Berufsausübende mögen den Begriff der „Hure“). Aber es ist wohl in dieser christlich „nächstenliebenden“ Gesellschaft verpöhnt für derartige Dienstleistungen generell ein wenig Achtung aufbringen zu wollen.
    Warum bezeichnest du Nuhr nicht, mit dem was er ist? Statt ihn mit einem Begriff in Verbindung zu bringen, der dem Boulevard lediglich dazu dient, niedrige Befindlichkeiten und Einschaltquoten ohne Qualität nach oben zu treiben?

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Ich kann deine Kritik nicht unterschreiben. Auch wenn diese Sendung kein Highlight war und auch die dramaturgische Form der Sendung nicht für jeden zugänglich war, so finde ich deine Kritik in einigen der Punkte reichlich untreffend. Aber es ist lediglich meine Ansicht.

    • trithemius

      Upps, jetzt ist dein Kommentar sehr viel länger als mein Text, in dem ich die Kritik an konkreten Punkten festgemacht habe, nämlich an einer misslungenen dramaturgischen Idee und an seichten Gastauftritten. Natürlich ist es eine Frage der Bewertung, ob man das für exemplarisch ansehen kann. Ich dachte, meine Kritik an der Idee der Verwirrung Priols durch Fasten belegt zu haben. Es ist nicht mangelndes Verständnis. Wer zugeschaltet hat, bevor Priol durch eine Maß Bier (sic!) und fettigen Fraß geheilt wurde, wodurch seine Wandlung und seine Einlassungen ungewollt komisch in die Nähe des Biertisches gerückt wurden, wer also nur mittendrin zuschaltete, hörte nur seine durch Fasten ausgelösten Lobhudeleien, wodurch genau der falsche Eindruck entstand, den ich durch das Tafelbeispiel zu illustrieren versucht habe.

      „zu fett und satt zum Denken“ hebt auf die Tatsache ab, dass voller Bauch nicht gern studiert, eine Volksweisheit, die durch diesen Text belegt wird:
      http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/262072.html
      Im übertragenen Sinne ist damit der durch Konsum übersättigte Bürger gemeint, der lediglich Bauchentscheidungen fällt, weil sie bequemer zu bekommen sind als durch Analysen.
      Polemisch gemeint ist das „zu fett“, . Hier wollte ich dicke Menschen nicht beleidigen.

      Was Dieter Nuhr betrifft, so darf ich dich auf eine Satire der taz aufmerksam machen, http://www.taz.de/!80629/
      Darin wird behauptet, Nuhr sei durch Regierungssprecher Steffen Seibert, ehedem ZDF-Nachrichtensprecher, als das neue Gesicht der CDU vorgestellt worden. Es schien mir so nah an der Wirklichkeit, dass ich darüber geschrieben habe. Den entsprechenden Passus habe ich dann aus meinem Text gestrichen, aber noch immer schickt Google Leute zu mir, die nach Nuhrs Verbindungen zur CDU forschen und auch glauben, die ARD-Vorsitzende Monika Piel habe zu Nuhrs Verpflichtung lobend gesagt: Die Zeiten, in denen Kabarettisten oder Moderatoren den Missbrauch von Macht anprangern, sind glücklicherweise längst vorbei, das ist doch Dieter-Hildebrandt-Geschwätz von gestern. Sie übernehmen heutzutage andere, versöhnende Aufgaben. Das erleben wir in unseren eigenen Talkshows oder beim sogenannten ,Satire-Gipfel‘, den Herr Nuhr sehr erfolgreich moderiert.“

      Deshalb sah ich mich zu einer Bemerkung unter meinem Text genötigt:
      http://trithemius.de/2011/10/27/ein-witz-ein-witz-und-noch-ein-witz/

      Dazu auch das:
      http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=8081
      und das:
      http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=8131

      Miethure oder nachträglich Wanderhure (besser „Mietmaul“) – damit meine ich jemanden, der für Geld eine bestimmte Meinung von sich gibt und damit auf Tournee geht. Dazu ein Zitat eines Nachdenkseitenlesers:
      „Mit diesem „kabarettistischen Beitrag“ könnte sich Nuhr auch als Kaspar der FDP verdingen. Vielleicht hat Nuhr auch nur eine Marktlücke entdeckt und darf künftig als Spaßmacher auf CSU/CDU oder FDP-Parteitagen auftreten. Auch die Wirtschafsverbände sollen ja gut bezahlen. Endlich haben wir auch den Sarrazin des Kabaretts: „Man wird doch mal sagen dürfen…“ Konservatives Kabarett ist eigentlich ein Widerspruch in sich, denn Kabarett sollte aufklären, das Brett vorm Kopf nehmen, aber nicht noch lustig die gängigen hohlen Sprüche wiederholen. “

      Zu Malmsheimer kann ich mich nicht darauf beziehen, was er anderswo schon besser gesagt hat, wenn ich eine bestimmte Sendung kritisiere. „Hic Rhodos, hic salta!“

      Das Nachtreten bei Wulff ist meiner Ansicht nach billige Leichenschändung. Der Mann ist doch weg vom Fenster. Dass er nun doch den Ehrensold bekommt, gewährt von einem Staatssekretär des Bundespräsidialamtes, den Wulfff selbst ins Amt gehoben hat, ist eine neue Entwicklung, die aber gestern noch nicht bekannt war.

      Abschließend: Ich habe keine Folge von Neues aus der Anstalt mit Georg Schramm gesehen, die mich so enttäuscht hat wie die von mir kritisierte. Das zu tun, scheint aber glatt Majestätsbeleidigung zu sein.

      • Uff, ich verteidige hier nicht des Kaisers neue Kleider und skandiere auch nicht in richtung „Majestätsbeleidigung“. Nuhr halte ich auch mitnichten für einen guten Kabarettisten und „konservatives Kabarett“ ist für mich eine Leerformel. Kabarett an sich ist das Spiel mit den Wissenlücken der Zuschauer und die Bearbeitung derselben. Nuhr betreibt IMHO zu 50% das, was damals Hofnarren für die Aristrokratie durchführten: Hofnarrenonanie. Aber „Miethure“? Das ist eine Diffamierung des Jobs von Prostituierten, wer das in einem Vergleich mit Nuhrs Darbietungen erwähnt. Der Job einer Hure ist IMHO ehrenswert. Was Nuhr mit den von mir angesprochenen 50% macht, ist es nicht, geschweige denn kabarettwürdig. Sorry, wenn du das Ganze auf einem wesentlich besseren Level ansiehst (also oberhalb angesiedelt von Prostitution). Die Nachdenkeseiten lese ich sehr wohl und deren Kritik an Nuhr seinen Präsentationen war inzwischen auch recht eindeutig. Aber Nuhr ist hier nicht das Thema. Das Thema hier hat ein höheres Niveau.
        Es geht insgesamt noch schlimmer: Die SZ schrieb bereits vormals, dass Kabarett keine Berechtigung angesichts von Hildebrandt und Werner Finck mehr habe (s.a. „http://www.sueddeutsche.de/kultur/kabarett-in-deutschland-ertrage-die-clowns-aber-wie-1.890550“). In genau das gleiche unsägliche Horn bläst deine Kritik zu „Neues aus der Anstalt“.
        Wer beim Kabarett heutzutage immer mittendrin in die Show kommt (bei Auftritten ist das inzwischen nur noch medial möglich), der riskiert immer das Missverständnis par excellence. Wer allerdings Priols die großen Medien zitierende Lobhudeleien hörte und bei Barwasser die Ohren runtergeklappt hatte oder Barwasser einfach als Beistellwerk verstanden haben wird, der wird sogar die BILD-Zeitung als bare und wahre Münze nehmen. An jene richtet sich aber nicht „Neues aus der Anstalt“. Um solche Zuschalter dann von Missverständnissen fern zu halten, empfiehlt es sich solche Sendungen auf Phoenix um 3 Uhr morgens zu zeigen. Dann arbeitet die Nachschicht und der Rest des Landes ruht für den nächsten Tag (oder tummelt sich in Vergnügungszentren).
        Dass du Malmsheimer nicht zum ersten Mal gesehen hast, bestätigst du selber. Bei Schramm/Priol gehörte er dazu und da dürfte dir nicht entgangen sein, was er zu leisten fähig war: “Hic Rhodos, hic salta!” Somit verstehe ich deine Platitüde vom Bauch spazieren tragen jetzt erst recht nicht mehr.
        Nebenbei. Wulf ist nicht „weg vom Fenster“. Das spricht nicht wirklich dafür, dass dir Wulffs Vitamin-Bs nicht wirklich bekannt sind. Galubt wer ernsthaft, dass er mit seiner jährlichen Abfindung bis zum Lebensende Ruhe geben wird? Leichenschändung? Ja, wenn er denn tot wäre, wie uns die Medien glaubhaft versichern wollen … wie bei zu Guttenberg …
        Sorry, Jules, aber “weil die meisten Leute zu fett und zu satt sind zum Denken” list sich erheblich anders als “zu fett und satt zum Denken”.
        Dass voller Bauch nicht gern studiert, dazu brauche ich kein Wiki sondern nur meine eigene Lebenserfahrung. Nur kenne ich inzwischen auch das Gegenteil, dass der Bauch leer ist und dafür kein Studium ermöglicht, aber ganz im Gegentum für andere deren „Genie“ nährt. Der Hunger, der die Magd des Genies ist, das erschließt sich bei der momentanen 1/3-2/3-Gesellschaft nicht wirklich der Mehrheit der 2/3. Spätestens wenn jemand über eine Leihfirma einen 45h/Woche-Job erhält, der mit 8 Euro (sic!) vergütet wird und wo derjenige mit Leuten zusammenarbeitet (gleiche Arbeit!), die 21 Euro/h erhalten (ungleiches Geld) dann wird Malmsheimer/Priol-Wortgefecht klarer. Dieses Wortgefecht spricht allerdings dann auch dafür, dass die Sendung nicht nur allein wegen der darin kabarettistisch bühnenmäßig umgesetzten Dialektik unverständlich war.
        Nochmals: „Neues aus der Anstalt“ ist lange kein Nummernkabarett mehr. Warum nickt jeder verständnisvoll, wenn einer erklärt, er habe Film X nicht verstanden, als er mitten drin zugeschaltet hatte, aber beim Kabarett wird weiterhin erwartet, dass jeder Zuschauer an jeder Stelle einschalten kann und direkt alles versteht? Sorry, aber das ist eindeutig eine Negierung der Weiterentwicklung des Kabaretts. Bei Dieter Nuhr klappt das freilich. Bei Jürgen von der Lippe auch. Nur bei Priol/Barwasser klappt das bekanntlich nicht mehr. Ist das schlecht? Meiner Meinung nach NEIN.
        Aber ich akzeptiere deine Ansicht, denn ich verstehe deine Problematik und warum dir die Sendung nicht gefällt. Es ist halt nicht mehr ein Nummernkabarett, sondern das was bereits unter Priol/Schramm sich am Schluss gezeigt hat: eine sich durchs Programm durchziehende verbindende Idee, die immer wieder durch Neben-Auftritte unterbrochen wird (die leider nicht zur Gesamtidee des Programms passsen, weil es Programmpräsentationen fremder Programme sind.
        Nebenbei, wo war denn in der Sendung der Niederländer Hans Liberg? Lars Reichow war wirklich programmmäßig keine Erwähnung wert (auch wenn er das Klavier beherrschte). Da gab es bereits zuvor erheblich bessere klavierunterstützte Auftritte in der Anstalt.

        • trithemius

          Mein lieber Freund,

          wir wollen den Ball doch flach halten. Ich habe eine schlechte Idee bemängelt, ein völlig missratenes Bild von Fasten=geistige Verwirrung und Saufen/Fressen=klar sehen, das auf eine Verschwendung von Sendezeit durch Merkellobhudeleien hinauslief. Dass diese schwache, in jeder Hinsicht anfechtbare Idee die Klammer des Abends darstellte, empfand ich als Verschwendung meiner Lebenszeit. Ich will solchen Mist nicht hören, auch wenn er der Versuch ist, das Kabarett weiterzuentwickeln. Was die SZ zu allem meint, interessiert mich nicht, da ich meinen eigenen Kopf benutze, möchte mich auch mit dem Schreiberling der SZ nicht in eine Ecke gestellt sehen.

          Meine Kritik ist generell aus der Sorge entstanden, Priol und Barwasser würden vom ZDF in Ketten gelegt. Schon bei einer der letzten Sendungen wurde ihnen Hans Liberg zugemutet. Da haben sich Barwasser und Priol ostentativ gelangweilt gezeigt, um Libergs unpassende Musiknummern für sich und den Zuschauer erträglich zu machen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass die beiden sich Liberg oder Reichow ausgesucht haben, sondern vermute, sie wurden ihnen vom ZDF aufs Auge gedrückt, um Neues aus der Anstalt zu verwässern und zu dem zu machen, was am beqemsten ist, zu einem Unterhaltungsprogramm, in dem Priol und Barwasser ab und zu mit verbalen Wattebällchen nach Politikern werfen dürfen.

          Deinen Einwand bezüglich „zu fett und zu satt zum Denken“ verstehe ich nicht, hab auch keine Lust, über die gesellschaftliche Missachtung von Prostituierten zu diskutieren oder über Leiharbeit. Das war nicht Thema meiner Kritik.

          Ich habe auch eine ganze Reihe von Witzen über Wulff gemacht, z.B.:
          http://trithemius.de/2012/01/03/o-nein-diese-wullfs-teppichhaus-trithemius-investigativ/
          aber reite nicht weiter darauf herum, weil mir just gestern noch was Neues dazu eingefallen ist und ich den Witz noch loswerden will. Wulffwitze haben einen Sinn, falls neue Sachverhalte auftauchen.

          • Sorry, ich wollt dir nicht zu nahe treten mit meiner Kritik und dich in irgendeiner Nähe zu irgendwelchen Dummbeuteln stellen. Sie war in keinster Weise als Kritik an deiner Person gedacht. Dafür entschuldige ich mich und werde deinem Ratschlag folgen, Bälle flach zu halten.

          • trithemius

            Schon O.K., du als Kenner und Freund des Kabaretts hast dich aufgerufen gefühlt, eine liebgewonnene Sendung zu verteidigen. Aber meine Kritik war durchaus konstruktiv gemeint.

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