Des Kellners Irrtum – Fehler im galaktischen Betriebssystem

„Wenn du gelegentlich unerklärliche Dinge erlebst, liegt das fast immer an einem Fehler im galaktischen Betriebssystem“, sagte Coster übern Tisch des Cafés in der hannoverschen Altstadt hinweg.

„Das glaubst du doch selbst nicht“, sagte ich, weil ich gerade wieder an allem zweifeln wollte. Schließlich hat schon Lichtenberg gesagt: Zweifle an allem wenigstens einmal und wäre es auch der Satz zweimal zwei ist vier.

Coster rührte in seinem Kaffee, blieb aber selbst ungerührt. „Ein Beispiel“, sagte er. „Gestern Morgen habe ich zufällig aus dem Fenster geschaut. Unter mir auf dem Weg war ein junges Paar gerade im Begriff, einen Kinderwagen über die drei Stufen hochzuheben, die das Gefälle des Wegs ausgleichen. Am Nachmittag bin ich wieder ans Fenster getreten, ganz ohne konkreten Anlass. Auf dem Weg unten war das junge Paar gerade im Begriff, den Kinderwagen die drei Stufen hinab zu heben.

Jetzt sag, wenn ich beide Mal durch keine äußeren Umstände veranlasst wurde, aus dem Fenster zu schauen, wie zum Teufel kann denn sein, dass ich die beiden jeweils mit dem Kinderwagen auf der dreistufigen Treppe sehe, beim zweiten Mal quasi spiegelverkehrt. Das ist doch ein völlig unwahrscheinliches Zusammentreffen und kann folglich nur ein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem sein. Du selbst, Trithemius, hast mal einen solchen Fall beschrieben.“

“O ja, den hatte ich beinah vergessen. Das war noch in Aachen. Da bin ich zweimal mit dem Rad am Hauptgebäude der Technischen Hochschule vorbeigefahren, am Mittag gegen zwölf Uhr und am Abend um sechs. Mittags war ich bei der Post gewesen, um einen Brief abzusenden. Der Briefmarkenautomat war außer Betrieb gewesen, und aus dem Schalterraum hatten die Leute bis auf den Vorplatz gestanden. Da hatte ich von meinem Vorhaben abgelassen, denn wegen einer Briefmarke eine halbe Stunde mit genervten Postkunden Schlange zu stehen, war mir ein wenig zu extravagant.

Auf dem Bürgersteig war mir eine große Gruppe gleichkleiner Chinesen in dunklen Anzügen entgegengekommen. Sie strebten in Marschordnung dem Hauptgebäude der Technischen Hochschule zu. Etwa in der fünften Reihe ragte eine Frau hervor. Sie trug ein ockerfarbenes Jackett und wirkte zwischen den dunklen Chinesen wie ein mitgeführtes Banner. Ich passierte sie genau an der Ecke des Reiffmuseums und dachte noch: Was habt ihr es so eilig? Wollt ihr wieder wissenschaftliche Geheimnisse ausspähen?

Am Nachmittag nahm ich den Brief mit auf eine Radtour und fuhr ihn ein bisschen durch niederländische Grenzorte spazieren. Auf dem Rückweg wollte ich ihn bei der Post im Aachener Vorort Kohlscheid loswerden. Die Filiale war dicht. Ihre Aufgaben erledigt man jetzt in einem Schreibwarenladen. Dort stand ich eine Viertelstunde auf den aufgemalten Füßen der Distanzzone, denn die beiden Angestellten verzweifelten über den apodiktischen Forderungen des Postcomputers. Irgendwann drücken sie eher zufällig die richtigen Tasten, und die Schlange hinter mir seufzt erleichtert. Die Kundin ist bedient. Es geht doch nichts über gut ausgebildetes Personal. Die Briefmarke kriege ich zackzack. Die Frauen hinterm Tresen sind mir hold, denn eine Marke von der Rolle zu reißen, sie auf einem roten Schwämmchen zu feuchten und dann zu wetteifern, wer sie auf den Brief kleben darf, das hat ein bisschen was von Kinderpost.

Diese an sich unerheblichen Begebenheiten schildere ich nur, um den Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem zu beweisen. Denn man wird zugeben müssen, dass all die kleinen Begebenheiten und Imponderabilien in der Summe unwägbar sind, was ihren Zeitbedarf betrifft. Daher ist es völlig unwahrscheinlich, was geschah, als ich um sechs Uhr erneut am Hauptgebäude der Technischen Hochschule vorbeifuhr: Auf dem Bürgersteig kam mir eine große Gruppe gleichkleiner Chinesen in dunklen Anzügen entgegen. Sie strebten in Marschordnung dem Hauptgebäude zu. Etwa in der fünften Reihe ragte eine Frau hervor. Sie trug ein ockerfarbenes Jackett und wirkte zwischen den dunklen Herren wie ein mitgeführtes Banner. Ich passierte sie genau an der Ecke des Reiffmuseums.

Es sah aus, als wären die Chinesen und ihr Banner heute zwischen zwölf und sechs Uhr nicht von der Stelle gekommen, obwohl sie so zielstrebig ausschritten. Sie selbst schienen davon nicht zu bemerken; sie wirkten eifrig und entschlossen wie zuvor.“

Coster schob die Tasse von sich und sagte: „Das war aber ein langer Bericht.“
„Klar, den habe ich gerade vom Beitrag im alten Teppichhaus abgelesen.“

Am Nebentisch schoben sich vier junge Frauen in ihre Mäntel und strebten an der Theke vorbei dem Ausgang zu. Der Thekenkellner kam in den Gang, küsste jede von ihnen auf die Wange und rief ihnen hinterher: „Tschüs ihr Süßen!“ Auch Coster hatte sich erhoben und ich folgte ihm. Als wir an der Theke vorbeigingen, winkte uns der Thekenkellner neckisch zu und rief erneut: „Tschüß, ihr Süßen!“ Das jedenfalls war kein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem. Der Thekenkellner hatte sich schlicht vertan, weil in dem hübschen Altstadtcafé die Schwulen- und Lesbenszene verkehrt. Coster war des Kellners Irrtum ein bisschen peinlich. Aber als wir auf die Gasse getreten waren, mussten wir sehr lachen.

Nachschrift: Wer den Link oben nicht geklickt hat, findet in dieser Bildgeschichte noch einmal das Lichtenbergzitat. Und es geht auch um das Fürwahrhalten:

Brötchenphilosophie

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