Eva im Tepppichhaus – Also ehrlich … ein Gewinn

Liebe Kundinnen und Kunden,

frischer Wind weht durch das Teppichhaus. Ich freue mich, dass ich die Bloggerin dasEv als Co-Autorin für Teppichhaus Trithemius gewinnen konnte. Evas lebendiger Schreibstil ist mir schon vor Jahren aufgefallen. In ihren Texten zeigt sich eine klare Sicht auf die Welt, gepaart mit einem erquickenden Witz. Lesen Sie selbst,

Ihr Trithemius

Also ehrlich …
von Evaimteppichhaus

Wer hält “Ehrlichkeit” NICHT für eine erstrebenswerte Tugend? Handzeichen, bitte! *umschau* Ach, ich sehe, die Zahl der ehrlich Unehrlichen ist (euphemistisch ausgedrückt) eher überschaubar. Das mag daran liegen, dass es ziemlich doof wäre, diese Frage ehrlich zu beantworten, wenn man eine gute Schwindelei zur rechten Zeit dem Herz auf der Zunge vorzieht. Und, mal ehrlich: Wäre die Welt nicht manchmal ein schlechterer Ort, wenn man Verschwiegenheit und Notlügen abschaffen würde? “Tell me lies, tell me sweet little lies” – ein echter Popklassiker aus den Achtzigern, nicht umsonst.

Es ist nicht sozialverträglich, allezeit seine Gedanken und Gefühle ungefiltert der Umwelt zuzumuten. Wer hat beispielsweise auf der Arbeit den Chef noch nie freundlich gegrüßt, obwohl er ihm eigentlich keinen “Guten Tag”, sondern eine Beinamputation und die Pest an den Hals wünscht? Letzteres würde nur für Unmut, Geldnot und Umstände sorgen. Niemand nähme all dies auf sich, nur um seiner nach Tugendhaftigkeit und guten Taten dürstenden Pfadfinderseele gerecht zu werden. Auch diejenigen ohne Arbeitgeber machen es selten anders. Kein Arbeitsloser, der bei Verstand ist, wird vor lauter moralischem Stolz dem Vermittler ein “Stecken Sie sich den Scheißjob sonstwohin” an den Kopf werfen, sondern sich brav bewerben und die Anstellung möglichst unauffällig zu verhindern versuchen.

In der Politik wäre Ehrlichkeit eher kontraproduktiv. Das gemeine Volk will keine unbequemen Wahrheiten hören, sondern immer auch die Möglichkeit haben, Aussagen so zu interpretieren, dass sie verdaulich werden. Politische Aussagen müssen die Hoffnung erlauben, dass die Dinge möglicherweise besser aussehen als gedacht. Koalitionspartner, Verhandlungsführer, Diplomaten, Sozialhilfeempfänger, Lobbyisten, Journalisten, Wähler: Sie alle müssen mit Worten gefüttert werden, die sie nicht völlig vor den Kopf stoßen oder gar zu offenem Widerstand animieren. Sonst hätten wir hier nur noch 1,8-Prozent-Parteien (ob das schlimm wäre, darüber ließe sich streiten). Selbst Walter Ulbricht wusste einst, dass offiziell besser niemand die Absicht haben sollte, eine Mauer zu errichten – und das war eine sich verfestigende Diktatur statt unserer wiedervereinten Pseudodemokratie.

Im Berufsleben wie auch in der Politik verzichtet man also besser auf absolute Ehrlichkeit. Und privat? “Gut siehst du aus”, sagt man zur Begrüßung einer erschöpft aussehenden Bekannten, deren fahler Teint einen erschreckt. Oder “herzliches Beileid” zu der Frau des soeben verstorbenen dämlichen Arschlochs von nebenan, das einen jahrelang bis zum Erbrechen genervt hat. Ebenso oft gehört: “Wie geht es dir?” Nein, auf diese Frage möchte der Fragende in 80 Prozent aller Fälle keine stundenlange Jammerei, keinen minutiösen Lagebericht und keine ausufernden Lebensgeschichten hören. Nicht umsonst setzt man, solchermaßen angesprochen, oft tapfer sein Gebrauchslächeln auf und antwortet schlicht und unzutreffend: “Gut, und selbst so?”

Die Pflege sozialer Kontakte setzt eine gewisse Fähigkeit zur Selbstverschleierung voraus – oder aber die ausgeprägte Begabung, sein Dasein in relativer Einsamkeit fristen zu können. Zweisamkeit ist aber wesentlich beliebter als Einsamkeit. Und da wären wir schon beim nächsten Punkt: Ehrlichkeit in Paarbeziehungen. In tausend Hollywoodfilmen sieht man Verliebte in postorgasmischer Entspannung engumschlungen im Bett liegen, selig-versonnen an die Schlafzimmerdecke starrend: “Schatz, was denkst du gerade?” Dieser Satz wird bezeichnenderweise meist vom weiblichen Part gesprochen. Woraufhin der Mann so etwas sagt wie: “Ich denke gerade, dass ich unglaubliches Glück hatte, dich zu treffen und lieben zu dürfen, mein Rehlein.” Dass ich nicht lache! Ein ehrlicher Mann würde wahrheitsgemäß antworten: “Nix, ich bin einfach nur entspannt.” Oder, noch schlimmer: “Ich überlege mir gerade, wieviele Minuten ich noch mit dir kuscheln muss, damit du mir kein Beziehungsproblemgespräch aufzwingst und mich so davon abhältst, nachher Formel1 zu schauen.” Oder aber – worst case: “Also, eines muss man meiner Ex lassen: Im Bett war sie wesentlich aufregender als du.” Tränenalarm! Katastrophe!! Anwalt, Scheidung, jahrelanger Streit um Tortenheber, Privatinsolvenz!!!!

“Ehrlich” und “klug” sind im Leben oft genug zwei Gegenpole, zwischen denen man sich entscheiden muss. “Ehrlich währt am längsten”, so der Volksmund. Ich aber sage: “Höflich ist am klügsten.” Warum eigentlich wollen verliebte Menschen immer und unbedingt wissen, was im Kopf des Anderen so vorgeht? Klar, wenn man jemanden faszinierend findet und nach seiner Nähe dürstet, dann möchte man möglichst viel Intimes von ihm erfahren. Diese Person so gut kennen lernen, dass man quasi mit ihr verschmilzt. Jedoch: Ist die eigene Gedankenwelt nicht die einzige Bastion der Privatsphäre, die einem im engen Zusammenleben noch bleibt? “Die Gedanken sind frei”, sagt der von mir vielstrapazierte Volksmund, und da schließe ich mich ausnahmsweise an. Es hat durchaus etwas von Kontrollwahn, in jeder Situation und zu jeder Zeit einen Anspruch auf die Gedanken und Gefühle des Partners zu erheben. Da kann man gleich heimlich den SMS-Verkehr des Gattenhandys überprüfen. Ich persönlich gehe davon aus, dass mir mein Partner schon erzählen wird, was er für (mit)teilenswert hält. Nicht alles geht mich etwas an, und das ist gut so.

Will ich denn eigentlich ALLES wissen? Es gibt Sachverhalte, die – einmal ausgesprochen – nur Schaden anrichten, jedoch nichts verbessern. Ein Extremfall als Beispiel: “Kuckuckskinder”, Kinder also, die durch einen Seitensprung entstehen, jedoch dem Lebenspartner angedichtet werden. Es gibt eine Menge höchst unterschiedlicher Studien zu diesem Thema, die Quoten liegen nach meinen bisherigen Recherchen zwischen 3,7 und 12 Prozent aller Kinder. Angeblich zweifeln bis zu 50 Prozent aller Männer, die Zweifel an ihrer Vaterschaft hegen, völlig zu Recht. Die Vermutung liegt nahe, dass bei weiterer Verbreitung von DNA-Analysen diese Zahlen nach oben korrigiert werden müssen.

Moralisch kann man dazu stehen, wie man will. Das uns innewohnende Wertesystem schreit: “Böseböseböse! Der Partner hat das Recht zu erfahren, dass er nicht der biologische Vater ist!” Auch juristisch ist das so: Die Mutter begeht “Personenstandsfälschung”. Trotzdem sprechen die Zahlen für sich (sofern sie vertrauenswürdig sind, was man nie weiß). Viele entscheiden sich FÜR die Lebenslüge. Ich spiele jetzt mal den advocatus diaboli: Sind in vielen Fällen nicht alle Beteiligten glücklicher, wenn außer der Mutter niemand die Wahrheit kennt? Ist es moralisch nötig, dem Partner großen Schmerz zuzufügen, dem zeugungsfreudigen Seitensprung den Schock seines Lebens zu verpassen und letzten Endes eine gut funktionierende Familie zerbrechen zu lassen – nur um vor seinem eigenen Gewissen besser dazustehen? Ist es, überspitzt formuliert, nicht sogar egoistisch, alles Porzellan in Reichweite zu zertrümmern, nur um auf der eigenen Pfadfinderliste hinter den Punkt “Aufrichtigkeit” sein Häkchen setzen zu können?

Ehrlichkeit ist im
gewöhnlichen menschlichen Alltag kein Dogma, sondern eine persönliche Entscheidung von Fall zu Fall, die gut überlegt sein will. Und mit der man leben können muss. Wir alle sind auch Heuchler, Verschleierer, Lügner, Für-sich-Behalter. Wer etwas anderes behauptet, der möge nochmal in sich gehen und sich ernsthaft fragten, ob er sich damit nicht selbst etwas vormacht. Und das wäre halb so schlimm: Alle Menschen wollen hin und wieder belogen werden – auch von sich selbst.

Ach ja: Was ich von alledem jetzt ernst und ganz ehrlich gemeint habe, darf sich jeder aussuchen – ganz nach Gusto.

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11 Antworten auf Eva im Tepppichhaus – Also ehrlich … ein Gewinn

  1. Das ist ein sehr schöner, langer Artikel liebe Evaimteppichhaus, und ich sehe das heute auch so.
    Ich habe meiner Nachbarin mal gesagt was ich von ihrem Kaffee halte, mach ich aber nie wieder. Jetzt kreuz ich immer zwei Finger hinter meinen Rücken.

  2. Ich habe mich beim Lesen auf eines der Lügengebilde konzentriert und bin darüber dann auf die Verkürzung des Begriffes der Pseudodemokratie gekommen, nämlich zur Pseudokratie, das hat mich eine Stunde Zeit gekostet, die ich in vollen Zügen genossen habe, vielen Dank dafür!

    Das war übrigens nicht ironisch gemeint;)

    • Pseudokratie – eine schöne und witzige Wortschöpfung! Es freut mich, wenn Sie der Pseudokratie wegen eine schöne Stunde hatten, wo diese doch so kostbar sind.
      Und meine besten Grüße jetzt sind auch ganz ehrlich gemeint. Also, echt jetzt. Wirklich….! Och Menno…. ;)

  3. “Fällt jetzt dem ollen Trittenheimer nix mehr, daß er eine Co-Autorin braucht?” – sowas darf man allenfalls denken, aber nicht schreiben, das macht man einfach nicht, es sei denn, man nimmt gleich darauf alles zurück und behauptet das Gegenteil: Lustig geschrieben, gut entwickelt, und ich unterschreibe jede Aussage. Außerdem freut sich bestimmt Frau Nettesheim über mehr Frauenpower im Teppichaus. Aber paß auf, liebe Eva: Männer haben angesichts einer neuen Mitarbeiterin plötzlich “ungemein wichtige” Termine wahrzunehmen, die sich nicht näher benennen, und wenn Trithemius sowas macht, geht er vermutlich Skatspielen mit den Humorexperten.

    • trithemius

      Eventuell haben die chronisch unterbeschäftigten Teppichhaus-Humorexperten Eva längst zu einer Skatrunde abgeschleppt. Hier ist sie jedenfalls nicht. Und ich muss sogar die Witze allein machen, bzw. von Heinrich zutragen lassen.
      Ich hatte schon befürchtet, Frau Nettesheim würde stutenbissg werden. Aber bis jetzt ist alles eitel Freude und Höflichkeit.

      EDIT: Übrigens habe ich schon lange vor, aus dem Teppichhaus ein Autorenblog zu machen. Es hapert noch an der Blogtechnik, denn das Theme, das dem Layout zugrundeliegt, sieht eine Seite mit Teasern nicht vor. Wenn ich weiter so langsam damit vorankomme, wird es ein echtes Teppichhaus-Autorenblog erst im Frühjahr geben. Vorläufig muss es mit eigenen Rubriken für die Autoren gehen.

      • Hallo Jules,

        auch wenn ich Videbitis irgendwas von Skatlernen als Einstellungsbedingung im Teppichhaus erzählt habe – dir kann ich ja die Wahrheit sagen. Ich komme so spät vorbei, weil Frau Nettesheim mich in eine fiese Pinte abgeschleppt hat, um mit mir um Schäpse zu würfeln! Ich hatte Angst vor teaminternen Streitereien und Intrigen (ja, so sind wir Weiber!), wenn ich nicht mitmache. Ganz schön trinkfest, die Frau Nettesheim. Und ich glaube, sie hat ihre Würfel gezinkt.
        Aber verrat ihr das bloß nicht!

    • Hallo Videbitis,

      meine Antwort kommt spät, aber sie kommt doch. Aber ich habe eine gute Entschuldigung parat: Der “Trittenheimer” hat es mir bei der Einstellung im Teppichhaus zur Auflage gemacht, Skat zu lernen. Und das dauert ganz schön lange, immerhin bin ich ja auch blond. Aber was tut frau nicht alles, um die Probezeit zu überstehen?

  4. Pingback: Fundstücke « Heinrichs Blog

  5. Ein wunderbarer Artikel, dem ich zu 100% zustimme!

    Beim Lesen fiel mir diese kurze Episode ein, womit ich auch dezent darauf anspielen kann, dass sich hinter Eugene KEIN Mann verbirgt. : )

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