Für manche kommt der Herbst gleich nach dem Frühjahr

Die Natur schien heute stillzustehen. Eine lockere Wolkendecke überspannte die Stadt, war an manchen Stellen milchigtransparent, und hindurch kam ferner Sonnenschein. 15 Grad Celsius, kein Hauch wehte. Solche Tage sind Phasen des Übergangs vom freundlichen Frühherbst zum grimmigen Alten. Selbst die hartnäckigsten T-Shirt-Träger verschwinden langsam aus dem Straßenbild. Es überwiegen die Jacken. Die Frauen auf der Limmerstraße führen ihre Herbstmode vor. Die Männer tragen irgendwas.

Heute sah ich ein desolates Paar. Zuerst kam er. Zog mit der Rechten einen schmalen Transportkarren, worauf er einen zusammenklappbaren Wäscheständer zu transportieren trachtete. In der Linken hatte er noch zwei andere Rollwägelchen, mit Tüten und anderem Zeugs beladen. Er kam kaum voran, denn immer wieder verrutschte ihm der Wäscheständer und schrammte mit einer Ecke über den Bürgersteig.

Da besinnt er sich, holt zwei leere Stoffeinkauftaschen hervor, reißt sie auseinander und bindet damit den Ständer an das Gestänge seines Transportkarrens. Inzwischen ist eine Frau rufend hinzugekommen. Sie trägt schwarze Kleidung und schwarze Stiefel mit Stilettoabsätzen. Ihre Hose hängt tief, so dass man den dicklichen Bauch sehen kann. Und hockt sie sich zu den Sachen hinab, um sie zu besichtigen, zeigt sie ein Maurerdekolleté und ein zerfetztes Tanga. Sie richtet sich wieder auf, zieht ihren schwarzen Pullover über den Hintern und bettelt: „Lass uns nach Hause gehen. Was willst du denn mit dem Wäscheständer?“ Er antwortet eigensinnig: „Den habe ich gekauft.“ Sie ziehen weiter, schräg über die Limmerstraße. Sie stöckelt neben ihm her, ohne ihm etwas abzunehmen, obwohl der Wagen mit dem Wäscheständer dauernd ins Taumeln gerät und ihm zwischen die Füße fährt, so dass er nicht viel schneller ist als zuvor. Es muss ein hartes Leben sein, in dem es nur so vorangeht.

Die Flaschensammlerin, die bei besseren Temperaturen vom Abend bis tief in die Nacht auf der Limmerstraße kreist und Bierflaschen einsammelt, steht wie ratlos an einer Ecke. Ihre Saison ist vorbei. Vor einigen Wochen haben Shhhhh, ein Freund und ich auf der Limmerstraße gesessen, wo sie unsere leeren Bierflaschen einsteckte. Wir haben uns eine Weile mit ihr unterhalten. Sie sagte, sie habe 30 Jahre bei Continental gearbeitet, wäre entlassen worden und müsse Flaschen sammeln, weil ihr Mann dem Suff ergeben war und so hohe Schulden gemacht habe.

Und waren doch alle hoffnungsfrohe Kinder im Frühjahr ihres Lebens.

Dieser Beitrag wurde unter Ethnologie des Alltags abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.