Wechsel braucht Wachstum – Occupy-Bewegung in Hannover

Samstag, 15. Oktober, 14:00 Uhr. Auf dem Platz gegenüber dem Hauptbahnhof in Hannover stehen etwa 200 Demonstranten der „Occupy“-Bewegung. Alles wirkt ein bisschen improvisiert. Einige Demonstranten halten an Stöcken befestigte Pappschilder hoch, deren Aufschriften keine besonders große Fernwirkung haben. Da kommt einer mit einer großen Fahne daher, die noch auf den Fahnenstock gerollt ist. Zwei andere rollen ein Plastikspruchband aus. Plötzlich weht die Fahne der Linken über den Köpfen der Demonstranten. Ein junger Mann geht auf die Linken zu und bittet höflich darum, Fahne und Spruchband wieder einzurollen. Diese Demonstration sei die politische Versammlung freier Menschen, die sich nicht durch die Parteien repräsentiert fühlen und auch nicht wollen, dass Parteien sich ihrer Bewegung bemächtigen. Die Linken sind einsichtig, falten das Spruchband und holen die Fahne ein.

Ein kleiner Kreis vor dem Geländer der Passarelle ist frei geblieben. Hier wird das Megaphon herumgereicht. Leute treten vor und geben kurze Statements ab. Ein junger großer Mann, sichtlich in Bewegung, denn seine rechte Hand zittert heftig, schließt sein holperiges Statement mit den Worten: „Danke, dass Sie mir zugehört haben. Jetzt hat sich die Radtour von 20 Kilometern hierhin gelohnt.“ Das Publikum ist sichtlich gerührt. Auch die meisten anderen Statements wirken bemüht und unfertig. Aber die Leute können ihre Stimme erheben und werden verstanden, auch wenn sie unverständlich sprechen. Ein junger Mann vor mir sagt zu seiner Freundin: „Hier sind ja auch viele ältere Leute, ich hatte gedacht, dass hier nur Jugendliche herumstehen.“ Ich sage: „Da musst du sie vorher bei H&M rausholen.“

Ein langhaariger alter Liedermacher hat den Notenständer vor sich aufgebaut, die Gitarre vorm Bauch und trägt sehr bald „Lasst euch nicht betrügen!“ und andere aufbauende Lieder vor. Er hat auch „Imagine“ von John Lennon ins Deutsche übertragen, er höchst selbst. Die schlichte Botschaft Lennons trifft den Geist der Bewegung. Sie hat keine praktischen Ratschläge, sie will auch nicht an die Macht, sie will nur einfach, dass es auf der Welt gerechter zugeht, sie will, dass bessere Grundsätze gelten als Profitmaximierung und private Gier.

Plötzlich tritt ein geschniegeltes Bürschlein im Anzug ans Mikrophon, das inzwischen herbeigeschafft wurde. Hinter ihm stemmt einer die Lautsprecherbox hoch, um die Köpfe zu beschallen. Dieser smarte Jungspund liefert den Beweis, wie smart die Wegelagerer und Zolleintreiber vor dem Irrenparadies Kapitalismus wirklich sind. Er sagte: „Ich komme von der Unternehmensberatung XY. Sie finden uns im Internet unter XY.de. Unsere Unternehmungsberatung vertritt eine Reihe Ihrer Forderungen.“ Einer nimmt ihm das Mikrophon ab und sagt: „Keine Firmenwerbung, bitte!“

Der smarte Abgesandte einer Unternehmungsberatung wirkt rhetorisch gewandt und unerschütterlich, diskutiert noch ein wenig, bevor er sich trollt. Wahrscheinlich ist er nur ein kleiner Angestellter von viel smarteren Egoisten und jene wiederum sind Sonntagsschüler gegenüber denen, die in den Ratingagenturen sitzen. Diese findigen Köpfen mit Einserexamen von privaten Elitehochschulen und ausgestattet mit der Gier nach dem großen Geld haben sich in die Lage versetzt, Regierungen von Demokratien vor sich hertreiben. Indem aber die Regierungen zunehmend „alternativlose“ Entscheidungen treffen, machen sie sich zu Bütteln und Vollziehungsgehilfen der Geldgierigen, treffen Entscheidungen, die nicht im Sinne des Volkes sein können, verwandeln sie ihre Staaten in Diktaturen des Geldes.

Da kommt die Nachricht, die Polizei habe einen Demonstrationszug zur Börse genehmigt und entsprechende Straßen abgesperrt. Man zieht also gutgelaunt ins Bankenviertel bis zur Börse und zur Deutschen Bank, skandiert ab und zu: „Wessen Straße? Unsre Straße!“ und „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!“ und „Brecht die Macht der Banken und Konzerne!“ An den Straßen des Demonstrationszugs parken dicke Karossen. Hier sind die besseren Geschäfte und Lokale Hannovers. Gutbetuchte halten im Flanieren inne und staunen einen Demonstrationszug an, aus dem eine bunt gekleidete Frau eine Schwulen- und Lesbenfahne schwingt und den Aufbau des Auenlands fordert. Viele wenden sich lächelnd ab. Man will sich durch den Protest der Straße nicht aufhalten lassen. Sie hat noch kein Konzept und keine Macht. Da stehen die großen Gebäude der Banken und Versicherungen. Paläste und Trutzburgen des Geldes. Dort fallen die Entscheidungen, die unsere Gesellschaft prägen. Das zu verändern, da muss die Bewegung noch wachsen. Denn: „Alles Große ist schwer zu bewegen.“ (Gracian)

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13 Kommentare zu Wechsel braucht Wachstum – Occupy-Bewegung in Hannover

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