lauter denken

Ein Kunstgriff des Films beim Einstieg: Du siehst einen schreibenden Menschen, und im Off spricht jemand den Text, bis daraus Filmbilder werden und die Geschichte sich abspult. Man könnte denken, diese Umsetzung des Schreibprozesses wäre nur dem Medium geschuldet, weil es wenig hermacht, stumm einen Brief abzufilmen. Aber das Sprechen beim Schreiben oder Denken im Tonfilm ist weit mehr, denn es zeigt, dass Schreiben wie Denken am besten laut geschieht, denn wir benutzen eine Lautsprache. In den mittelalterlichen Skriptorien wurde laut gelesen. „Murmler im Weinberg des Textes“ nennt Ivan Illich diese Mönche. Der Text musste tönen, damit er seine volle Kraft entwickeln konnte. Obwohl wir meistens leise lesen, schwingt dabei die Stimmritze immer noch unwillkürlich mit. Sie formt unhörbar die Laute, die vom Text angeregt werden.

Ähnlich ist es
beim Denken. Wenn man die Gedanken leise ausspricht, dann steigert es die Konzentration auf das zu Denkende. In der Öffentlichkeit ist das laute Denken als „Selbstgespräch“ tabuisiert. Wer auf der Straße mit sich selbst spricht, um den machen alle einen großen Bogen. Allerdings muss man sich nur einen Knopf ins Ohr stecken, dann fällt es nicht mehr als Selbstgespräch auf, sondern alle denken, man telefoniert. In Wahrheit geschieht natürlich etwas ganz anderes, etwas Beunruhigendes, denn das Selbstgespräch ist ungeteilt, es ist keine Mitteilung, die mit anderen geteilt wird. Darum entwickeln die Gedanken eine ungeheure Kraft, weshalb Menschen, die auf der Straße mit sich oder mit einer imaginären Person reden, so heftig sind und darum auch so unheimlich wirken.

Aber in der Abgeschiedenheit, da kann jeder einmal laut denken. Es ist eine interessante Übung und manchmal sehr ergiebig. „Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ In dem witzigen Satz steckt viel Weisheit. Vielleicht ist das laute Denken ein Mittel gegen die um sich greifende Verflachung des Denkens. Ich könnte mir einen Flashmob vorstellen, bei dem alle Teilnehmer für eine gewisse Zeit laut denken, woraus sich dann eine Lautdenkerbewegung entwickelt. Oder es gäbe hinfort einen Tag des lauten Denkens. Aber vermutlich wäre die Sache sehr gefährlich, denn gewiss würden die Fetzen fliegen, wenn Lautdenker sich zufällig träfen. Aber wenn das Denken eine Weile durch den Laut verbessert wäre, dann wäre das laute Denken ein Kunstgriff des Lebens zum begründeten Ausstieg aus der Flachdenkergemeinschaft.

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10 Kommentare zu lauter denken

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