Plausch mit Frau Nettesheim über Schriftstellerei und Notizen

Frau Nettesheim
Sie tragen wieder Ihren grauen Kittel, Trithemius? Hat das irgend etwas zu bedeuten?

Trithemius
Die Rückkehr zum ehrlichen Handwerk, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Was muss ich mir darunter vorstellen?

Trithemius
Ich habe kürzlich einen Satz von Lichtenberg gelesen:

„Die simple Schreibart ist schon deshalb zu empfehlen, weil kein rechtschaffener Mann an seinen Ausdrücken künstelt und klügelt.“

Da habe ich gedacht: Was? Das ist doch die angesagte Schreibmode, zu künsteln und zu klügeln, was das Zeug hält. Da habe ich mir gleich den grauen Kittel hervorgekramt, damit ich nicht mit denen verwechselt werde.

Frau Nettesheim
Mir scheint, sie schreiben eher gar nicht in letzter Zeit, also brauchen Sie sich um eventuelle Verwechslungen keine Gedanken zu machen.

Trithemius
Doch, Frau Nettesheim. Ich habe immer das Notizbüchlein bei mir und schreibe es beharrlich voll. Und obwohl das eigentlich ein so genanntes Reporterbüchlein ist, schreibe ich darin Tagebuch. Dabei versuche ich mit einfachen Worten mein Leben zu fassen. Und wenn ich schreibe, denke ich manchmal, boah, ich habe noch nie so ein langweiliges Tagebuch gelesen.

Frau Nettesheim
Verzeihen Sie, dass ich mich nicht wundere.

Trithemius
Aber klar. Jedenfalls ist das Schreiben mit der Hand echtes Handwerk. Es macht Mühe, die Buchstaben immer schön klar zu formen, die Gestaltung im Auge zu behalten, die Rechtschreibung zu beachten und gleichzeitig mit dem Bleistift zu denken, damit man nicht dauernd korrigieren muss. Deshalb bin ich immer um Kürze bemüht, also mit wenigen Worten mein Leben zu fassen, so dass mir beim späteren Lesen das ganze Bild wieder vor Augen steht.

Frau Nettesheim
Wie Sie vor der Biobäckerei auf der Limmerstraße sitzen, Milchkaffee trinken und rauchen? Das muss ja auf Dauer langweilig werden da in Ihrem Tagebuch.

Trithemius
Sie haben Recht, Frau Nettesheim. Aber eigentlich versuche ich zusätzlich das bunte Treiben auf der Limmerstraße zu erfassen, quasi nach der Natur zu schreiben. Aber irgendwie packe ich das nicht, ich schaffe höchstens, einige Schlaglichter aufzuschreiben. Sie verstehen, so impressionistisch:

„Ein baumlanger Mann, gute zwei Meter zehn groß, trägt leicht gebeugt drei langstielige, prächtig blühende Sonnenblumen vorbei. Er ist vermutlich mit einer Riesin verabredet.“

Mehr ist nicht drin, obwohl mir der Milchkaffee manchmal aus Nase und Ohren kommt. So oft habe ich schon da gesessen und geschrieben.

Frau Nettesheim
Was wollen Sie mehr?

Trithemius
Verstehen Sie, Frau Nettesheim. Wir Medienjunkies beschäftigen uns immer mit den Produkten anderer Medienjunkies. Das muss auf Dauer eine sehr dünne Suppe werden. Deshalb möchte man glatt sagen: „Zurück in die Welt und schreibe mit einfachen Worten auf, was du siehst!“

Frau Nettesheim
Und bitte nicht so ein langweiliges Tagebuch wie der Herr Trithemius.

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8 Kommentare zu Plausch mit Frau Nettesheim über Schriftstellerei und Notizen

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