Über Harmonie, meinen Friseur und Gegenschall

Richtig heimisch geworden bin ich in Hannover erst, als ich hier einen Friseur gefunden hatte. Eine ganze Weile bin ich nämlich noch nach Aachen gefahren, wenn ich glaubte, mal wieder zum Friseur zu müssen. Mein Freund Mike hatte ihn mir damals empfohlen. Er sagte: „Du musst zu einem Mann gehen. Frauen machen einen zu brav.“ Darin liegt viel Weisheit. Obwohl Mike noch ein junger Mann war, hatte er etwas Wesentliches im Geschlechterverhältnis erkannt. Frauen möchten ihre Partner brav machen. Und wenn sie dann brav sind, gefallen sie ihnen nicht mehr. Dann geht die Mäkelei los. Daher ist der von der Emanzipationsbewegung gezeugte Softy so gut wie ausgestorben. Er hat sich einfach nicht fortpflanzen können.

Meinem Friseur Tim muss ich neuerdings nachreisen. Er hat in einen Friseurladen in Hannover-Döhren gewechselt. Ich fuhr am Westufer des Maschsees entlang. Überall werden Zelte, Bühnen und Buden aufgebaut, denn am 27. Juli beginnt das Maschseefest. Der See selbst lag still. Kein Segelboot auf dem Wasser, denn es ging kein Wind. Die Wasserfläche war kaum gekräuselt. Zeitweise lag der See glatt wie ein Spiegel, und selbst ein in der Ferne einsam dahin ziehendes Ruderboot war im Stande, lange Wellen zu erzeugen. Sie strebten unendlich langsam dem Ufer zu. Dabei entstand ein seltsames Schwingen, denn nach einer Weile, wogte es vom Ufer zurück, sanftere Wogen als zuvor bremsten die nachfolgenden Wellen aus, was allmählich zur Beruhigung der Wasserfläche führte. Der physikalische Fachbegriff für diesen Vorgang ist destruktive Interferenz. Die nutzt man auch bei der Lärmbekämpfung durch Gegenschall.

Eigentlich ist es gerade am Maschsee zu schön, um an Lärmbekämpfung zu denken. Obwohl hinter mir im Gebüsch schon der zweite Zug vorbeidonnert, wobei der Takt vom Scheppern der Eisenbrücken gegeben wird, denn da fließen Leine und Ihme durch feuchten Grund, die Masch. Die wild auftönende Musik von Stahl und Eisen hört sich fast besser an als zahmes Entengequake, aber auf Dauer ist gelegentliches Entenquaken angenehmer. Ich bin dann trotzdem weiter zu Tim gefahren und habe mich von ihm ein bisschen unbrav machen lassen. Das wird auch meiner Filialleiterin Frau Nettesheim gefallen, hoffe ich.

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