Vorsicht vor dem Hundepfund! – Ethnologie des Alltags

Letztens besuchte mich ein Freund und trug im Arm, was er in seiner E-Mail als „winzig kleinen Hund“ angekündigt hatte. Dieses Hündchen oder mehr Hundelileinchen war vermutlich ein Hundepfund.

Man hat also kürzlich in Hannover-Linden, nahe der Limmerstraße, eine winzig kleine schwarze Mischlingshündin gefunden, vielmehr ist so ein Wesen dem Schreiber des Zettels zugelaufen. Vor diesem Tier kann ich nur warnen. Es mag klein sein für einen Hund, aber die Beschreibung klingt verdächtig nach einer Thailändischen Riesenratte. Die fällt auch Menschen an, wie mir Gewährsleute aus allen Regionen Deutschlands berichtet haben. Vermutlich ist unter der angegebenen Telefonnummer schon längst niemand mehr zu erreichen.

Die ‚Thailändische Riesenratte‘ ist keine Wanderratte, sondern eine Wandersage. Ich hörte sie zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre. Ein Junge erzählte sie mir und behauptete, Bekannte seiner Eltern hätten versehentlich eine Thailändische Riesenratte aus dem Urlaub mitgebracht, weil die Frau die zutrauliche Ratte für ein süßes kleines Hundepfund gehalten hatte, das niemals bellte. Aber schon am ersten Tag zu Hause habe dieser Hund die Katze aufgefressen, und der eilends aufgesuchte Tierarzt habe nach Befragung von biologischen Fachlexika gesagt, der vermeintliche Hund sei eine auch für Menschen gefährliche Ratte und müsse sofort eingeschläfert werden.

Ein Punkte an der Geschichte ist nicht ganz einleuchtend: Warum sucht das Paar einen Tierarzt auf, obwohl doch die Katze längst auf dem Weg der Verdauung ist? Hatten sie etwa die Sorge, das Hundepfund hätte sich an der Katze den Magen verdorben? Offenbar verkörpert der Tierarzt in der Geschichte die Fachautorität, deren Urteil nicht angezweifelt wird. Die urbane Sage vom Rattenhund hat ungezählte Fassungen und wird noch immer erzählt. Bereits in den 80ern verzeichnete eine ethnologische Zeitschrift 24 Varianten. Sie findet sich auch in der Sammlung urbaner Sagen von Wolf Wilhelm Brednich, ‚Die Spinne in der Yuccapalme’. Leider kann ich jetzt nicht weiter schreiben. In meiner Yuccapalme quietscht gerade irgendwas.

Dieser Beitrag wurde unter Ethnologie des Alltags, Schrift - Sprache - Medien abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

26 Kommentare zu Vorsicht vor dem Hundepfund! – Ethnologie des Alltags

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.