Die denkwürdigen Abenteuer des Wolfgang Herles (1)

Am Anfang waren sieben Suchphrasen von Trithemius.de, die Aufforderung daraus eine Geschichte zu entwickeln und mein Beispiel. Inzwischen sind acht Geschichten als Kommentare eingesandt worden, allemal wert, in die Teppichhausauslage gehoben zu werden.

Die Suchphrasen:
was bedeutet blutorgie
wolfgang herles
gdanken des alltags
bahncard erfahrungen
es plapperle puppe
trithemius.de
kurrentschrift leibniz

Herlesgeschichten – in der Reihenfolge ihrer Einsendung:

eins) (Beispieltext)
Wolfgang Herles war jetzt schon Wochen von flachen Alltagsgdanken geplagt. An seine bahncard musste er denken, und ob sie sich rechnet oder nicht. Immer wieder bedachte er Pro und Kontra, aber wenn es ans Rechnen ging, dann waren ihm die eigenen Gedanken wie leibnizsche Kurrentschrift. Nichts Höheres als die rein oberflächlichen Bahncard erfahrungen wollte sich seinem Geist erschließen, was doch ausgesprochen peinlich ist für einen Kulturredakteur. In Gesprächen fühlte er sich wie die Nachsprechpuppe Klein-Plapperle. Man begann schon hinter seinem Rücken zu tuscheln, er litte an Echolalie. Wenn das nicht bald aufhört, dachte er, dann hau ich derart dazwischen, dann wissen sie, was Blutorgie bedeutet.

zwei) Heinrich
Lieber Trithemius.de, ich weiß wirklich, was es bedeutet, alltags mit der Bahncard Erfahrungen zu sammeln. Sitzt neben mir im Zug so eine »Puppe«, die sich Leibniz-Kekse in ihr Plapperle stopft, und meinen Notizblock voll krümelt. Meine Gdanken über Wolfgang Herles Buch in Kurrentschrift zu transformieren, wird dadurch mächtig gestört. – Caramba, mir kocht orgie-nal des Blut.

drei) Eugene Faust
Wolfgang Herles recherchiert auf trithemius.de zu Leibniz und will sich auf einen Text in Kurrentschrift konzentrieren. Doch am Nebentisch plappert so eine aufgedrehte Puppe endlos von ihren Alltagserfahrungen mit der Bahncard. Dass es zu keiner Blutorgie kam, ist allein g.* (Name ist der Redaktion bekannt) zu verdanken.

vier) Videbitis
Was bedeutet Blutorgie!”, schrie Wolfgang Herles den Atomkraftgegnern zu. ‘Diese Plapperpuppen, die glauben, daß ihre Gedanken das Resultat alltäglicher Erfahrungen sind’, dachte er verächtlich. ‘Ich muß zur Kur.’ Rent-a-schrift stand als Reklame auf der Bahncard. Was sollte das nun wieder heißen? Egal. “Einmal einfach nach Leibniz, bitte,” sagte er dem Mann am Fahrkartenschalter. Der blickte kurz auf seinen Bildschirm. “Plapperle pup!”, entfuhr es ihm. “Leider alles ausverkauft. Es fährt nur noch ein Zug nach Trithemius.de”.

fünf) Marana
Wolfgang Herles, nicht verwandt oder verschwägert mit dem bekannten Journalisten, verlor jeglichen Bezug zu seinen Gedanken des Alltags, als er den in Kurrentschrift verfassten Bericht über Bahncard Erfahrungen eines Herrn Leibniz in einem Revolverblättchen namens „Blutorgie“ entdeckte, denn was bedeutete der Hinweis auf eine Domain trithemius. de, wenn doch ein Kind mit Plapperlepuppe im Arm dem Artikel voranstand. Die Sinnhaftigkeit dieser eigenwilligen Zusammenstellung wollte sich dem Protagonisten absolut nicht erschließen.

sechs) la-mamma
(in einhaltung der reihenfolge der buchstaben, aber unter zerteilung der worte)

was bedeutet blut,
fragte sich der orgien feiernde wolf
am gang herein.
les ich die gedanken der anderen,
die des alltags,
auf meiner bahn cardiologische erfahrungen?

es plapperln les puppes,
nicht nur auf trithemius.de
in fraktur und kurrentschrift,
so lassen sich die leiber nicht zwingen.
wahrscheinlich.

sieben) Eugene Faust
Trithemius de Leibniz wird aus seinen Alltagsgedanken gerissen. Ein Mord im 80km entfernten Kurrent! Er steckt seine Bahncard ein, denn das Innenministerium hat Sparmaßnahmen beschlossen.

Die Spurensicherung ist bereits am Tatort. Eine zerfetzte Gummipuppe neben dem ebenso zugerichteten Mordopfer, alle Wände über und über mit Blut verschmiert, geheimnisvolle Schriftzeichen. Nach nun schon 3 Jahrzehnten mit zahlreichen abstumpfenden Erfahrungen im Morddezernat, ist selbst der Kommissar fassungslos. Was bedeutet diese Blutorgie?

Nichtsahnend betritt die Putzfrau von Wolfgang Herles das Haus. Kaum im Raum macht’s Plap, und die Perle fällt um.

acht) die Hausmeisterin
Als er die Kneipe auf unsicheren Beinen verließ, hatte er die vage Vermutung, dass er volltrunken war. Denn diese plappernde Puppe, die sich bei ihm eingehakt hatte und unentwegt über ihre banalen Alltagserfahrungen schwadronierte, war ihm gänzlich unbekannt.
Während sie ihn mit harter Hand durch die Straße dirigierte und er in ihrem Wortmeer gegen sein Entsetzen ebenso wie gegen das Ertrinken kämpfte, überkam ihn eine große Übelkeit. Seine Synapsen schienen falsch verkabelt, denn die immer größer werdenden Satzwellen, die an sein Ohr schwappten und Begriffe wie “Kurrentschrift” “Leibniz oder “Bahncard Erfahrungen” enthielten, ergaben für ihn nicht den geringsten Sinn.
“Was bedeutet Blutorgie?”, fragte er sich noch, bevor er sich an einer Straßenlaterne übergeben mußte und eine gnädige Ohnmacht ihn umfing.
Bei seinem Erwachen im Rinnstein sangen bereits die Vögel.
Das offenkundige Verschwinden der fremden Frau erfüllte ihn mit Erleichterung. Hatte ihr Wortmeer ihn auch kurzfristig verschlungen, so doch in der Morgendämmerung an Land gespült.
Wolfgang Herles säuberte notdürftig seine Kleidung. Und als seine Gedanken des Alltags zu ihm zurückkehrten wie flüchtige Geister, trat er etwas blass seinen Heimweg an.
Er nahm sich vor, seinen Filmriss auf Trithemius.de zu recherchieren.

neun) Jules van der Ley
„Bringt mal einer die Perle aus dem Blut?“, raunzt de Leibniz zwei junge Polizisten an. Wo hat er nur wieder sein Notizbuch? Linke Manteltasche: Bahncard, in der rechten wir er fündig, kramt es umständlich hervor und beginnt, die wirren Graffiti abzuzeichnen. „Kurrentschrift ist nichts dagegen“, murmelt er.
Da tritt ein Mann durch die offene Haustür, der sieht ziemlich fertig aus. „Was wollen Sie denn hier?“, fragt de Leibniz unwirsch. „Na, erlauben Sie mal, mein Name ist Herles, und hier ist mein Domizil.“ Herles sieht sich um und verbessert sich: „Das war mein Domizil. Wer um Himmels Willen hat die Sauerei hier veranstaltet?“
„Wollte ich Sie gerade fragen“, sagt Leibniz. „Wo waren Sie letzte Nacht, Herles?“
„Da-das, weiß ich nicht mehr.“ Sein Blick fällt auf die verschmierte Tapete. „Was bedeutet das alles hier? Ich muss gleich brechen.“
Die Putzfrau ist wieder auf den Beinen und sagt: „Sie haben sich doch schon bekotzt. Haben Sie letzte Nacht mal wieder die Puppen tanzen lassen?“ Sie blickt zu den beiden Polizisten auf und plappert aus dem Nähkästchen: „Ich habe so meine Erfahrungen. Orgien sind bei dem Alltag. Der Mann ist vollkommen von seinem Wolfgang regiert.“
Herles starrt sie an und sagt: „Müssen Sie mir meine Freundlichkeit so hinterfotzig danken?“
Plötzlich ein überraschter Ruf von der oberen Etage: „Trithemius, kommen Sie mal hoch!“

zehn) die Hausmeisterin
Trithemius de Leibniz steht an der weit geöffneten Schlafzimmertür im oberen Stockwerk und betrachtet ungläubig das Schlachtfeld, das sich seinen Augen bietet. “Was bedeutet Blutorgie im Vergleich zu diesem Inferno?”, flüstert einer der beiden jungen Polizisten und flieht würgend die Treppe hinunter.
“Anfänger!” knurrt de Leibniz. “Soll ich Dir eine Bahncard schenken?”, ruft er dem fliehenden Polizisten verächtlich hinterher.
Doch auch ihn selbst haben seine langjährigen Erfahrungen nicht immun gemacht gegen den Anblick eines Tatortes wie diesen. Seine Hände zittern, als er seine Beobachtungen in Kurrentschrift seinem Notizblock anvertraut.
Angestrengt versucht de Leibniz sich auf mögliche Indizien und den Tathergang zu konzentrieren, aber Gedanken des Alltags mischen sich sich ungefragt in seine Arbeit ein.
“Herrgottnochmal!” schreit Trithemius von oben dem verbliebenen Polizisten im unteren Stockwerk zu. “Kann ich hier vielleicht mal in Ruhe meiner Arbeit nachgehen? Bringen Sie diese plappernde Puppe, diese Perle zum Schweigen! Notfalls auch mit Gewalt, verdammt! Und schicken Sie mir Wolfgang Herles hier herauf! Sofort!”

Die tollen Abenteuer des Wolfgang Herles machen Lust auf mehr.
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18 Kommentare zu Die denkwürdigen Abenteuer des Wolfgang Herles (1)

  1. großartige idee, lieber jules, und supereintrag dazu von videbitis 🙂
    *lach*
    herzliche grüße an euch beide
    vom ludiwg

  2. Trithemius de Leibniz wird aus seinen Alltagsgedanken gerissen. Ein Mord im 80km entfernten Kurrent! Er steckt seine Bahncard ein, denn das Innenministerium hat Sparmaßnahmen beschlossen.

    Die Spurensicherung ist bereits am Tatort. Eine zerfetzte Gummipuppe neben dem ebenso zugerichteten Mordopfer, alle Wände über und über mit Blut verschmiert, geheimnisvolle Schriftzeichen. Nach nun schon 3 Jahrzehnten mit zahlreichen abstumpfenden Erfahrungen im Morddezernat, ist selbst der Kommissar fassungslos. Was bedeutet diese Blutorgie?

    Ahnungslos betritt die Putzfrau von Wolfgang Herles das Haus. Kaum im Raum macht’s Plap, und die Perle fällt um.

  3. pension habenichts

    Bittesehr:

    Als er die Kneipe auf unsicheren Beinen verließ, hatte er die vage Vermutung, dass er volltrunken war. Denn diese plappernde Puppe, die sich bei ihm eingehakt hatte und unentwegt über ihre banalen Alltagserfahrungen schwadronierte, war ihm gänzlich unbekannt.
    Während sie ihn mit harter Hand durch die Straße dirigierte und er in ihrem Wortmeer gegen sein Entsetzen ebenso wie gegen das Ertrinken kämpfte, überkam ihn eine große Übelkeit. Seine Synapsen schienen falsch verkabelt, denn die immer größer werdenden Satzwellen, die an sein Ohr schwappten und Begriffe wie „Kurrentschrift“ „Leibzig oder „Bahncard Erfahrungen“ enthielten, ergaben für ihn nicht den geringsten Sinn.
    „Was bedeutet Blutorgie?“, fragte er sich noch, bevor er sich an einer Straßenlaterne übergeben mußte und eine gnädige Ohnmacht ihn umfing.
    Bei seinem Erwachen im Rinnstein sangen bereits die Vögel.
    Das offenkundige Verschwinden der fremden Frau erfüllte ihn mit Erleichterung. Hatte ihr Wortmeer ihn auch kurzfristig verschlungen, so doch in der Morgendämmerung an Land gespült.
    Wolfgang Herles säuberte notdürftig seine Kleidung. Und als seine Gedanken des Alltags zu ihm zurückkehrten wie flüchtige Geister, trat er etwas blass seinen Heimweg an.
    Er nahm sich vor, seinen Filmriss auf Trithemius.de zu recherchieren.

    • trithemius

      Das freut mich, werte Frau Hausmeisterin, zumal Ihre Herlesgeschichte als Kurzgeschichte literarische Qualität hat. Es ist alles da, was eine Kurzgeschichte ausmacht, der plötzliche Einstieg, erzählte Welt und innerer Monolog, das offene Ende, Präteritum.
      Hab glatt mitgelitten mit Ihrem Protagonisten.

      In der Tat kann man bei Trithemius.de Filmrisse rechierchieren, die von Herles und meine eigenen, wenn ich mal wieder vom Thema abgekommen bin. 😉

      PS: leider musste Ihr Kommentar warten, weil ich mich gerade mit einer Flut von Kommentarspams konfrontiert sehe. Ab jetzt wird aber ein Kommentar von Ihnen sofort veröffentlicht. So jedenfalls habe ich es eingestellt, bin gespannt, ob es funktioniert. Hab mir erlaubt, in der veröffentlichten Geschichte einen Vertipper zu korrigieren.

  4. WOW – es bleibt spannend! Eine ganz tolle Fortsetzung, lieber Jules. Jetzt bin ich richtig gespannt, ob und wie es weitergeht.

    • trithemius

      Dankeschön, liebe Eugene, du hast die inspirierende Vorlage geliefert. Es wäre prima, es würden sich noch andere an unserem Krimi beteiligen. Ich werde morgen einen neuen Eintrag machen. Herlesgeschichten 2 enthält nur die Folgen des Krimis.

  5. Fortsetzung 4

    Trithemius de Leibniz steht an der weit geöffneten Schlafzimmertür im oberen Stockwerk und betrachtet ungläubig das Schlachtfeld, das sich seinen Augen bietet. „Was bedeutet Blutorgie im Vergleich zu diesem Inferno?“, flüstert einer der beiden jungen Polizisten und flieht würgend die Treppe hinunter.
    „Anfänger!“ knurrt de Leibniz. „Soll ich Dir eine Bahncard schenken?“, ruft er dem fliehenden Polizisten verächtlich hinterher.
    Doch auch ihn selbst haben seine langjährigen Erfahrungen nicht immun gemacht gegen den Anblick eines Tatortes wie diesen. Seine Hände zittern, als er seine Beobachtungen in Kurrentschrift seinem Notizblock anvertraut.
    Angestrengt versucht de Leibniz sich auf mögliche Indizien und den Tathergang zu konzentrieren, aber Gedanken des Alltags mischen sich sich ungefragt in seine Arbeit ein.
    „Herrgottnochmal!“ schreit Trithemius von oben dem verbliebenen Polizisten im unteren Stockwerk zu. „Kann ich hier vielleicht mal in Ruhe meiner Arbeit nachgehen? Bringen Sie diese plappernde Perle zum Schweigen! Notfalls auch mit Gewalt, verdammt! Und schicken Sie mir Wolfgang Herles hier herauf! Sofort!“

  6. Lieber Trithemius!
    Wenn Sie beim vorletzten Satz etwas korrigieren könnten: …“diese plappernde Puppe, diese Perle“ (dann wäre ider Text reizworttechnisch komplett)
    Ich selbst kann den Text bei Ihnen ja leider nicht korrigieren

    Vielen Dank und liebe Grüsse
    die Hausmeisterin

    • trithemius

      Schon passiert, werte Frau Hausmeisterin. Tolle Fortsetzung. Unsere Geschichte entwickelt sich. Vielleicht machen ja auch noch andere mit.

      Vielen Dank und schöne Grüße,
      Trithemius

  7. Pingback: Die denkwürdigen Abenteuer des Wolfgang Herles (2) |

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