Gedanken über das Schwein – Ethnologie des Alltags

Diesmal berühren meine Blättchen eine zentrale Menschheitsfrage, ohne sie zu beantworten. Warum hat man Schwein, also unverschämtes Glück? Warum flaniert der eine wie Gustav Gans durch die Welt, während der andere schon auf der Treppe ausrutscht, bevor er überhaupt an der Haustür angelangt ist. Und tritt er endlich vor die Tür, fällt ihm ein Stein auf den Kopf, der nicht verglimmte Rest eines Meteoriten, der 1000 Kilometer ostwärts als Sternschnuppe gesehen worden war, und Verliebte sind einander in die Arme gesunken und haben sich beide Glück gewünscht. Unser Mann sitzt derweil in der Notaufnahme der Uniklinik, Verband um den Kopf und wartet auf seine Tetanusspritze. Man weiß ja nicht, welche Mikroben der Stein mitgebracht hat, vielleicht gemeine Killer-Keime.

Ist also das Glück des einen des anderen Unglück? Im Rheinland pflegt man den Brauch, im Dorf einen großen Maibaum aufzustellen, was zweifellos ein altes Fruchtbarkeitsritual ist und auch die Feldfrucht einbezieht. Der Baum wird die ganze Nacht zum 1. Mai bewacht, damit die vom Nachbardorf keine Gelegenheit finden, ihn abzusägen. Der Grund für diese Sitte könnte sein, dass man das Glück für die eigene Gemeinschaft reklamieren will, den Nachbarn aber nicht gönnt. Man weiß ja nicht, wie viel Glück in der Welt ist. Vielleicht ist Glück wie eine Decke. Rafft man sie sich unter den Hals, legt man seine Füße frei. Wickelte man sich darin ein, muss der andere frieren.

Das Raumschiff Erde hat viele düstere Gegenden, in denen mehr Unglück als Glück ist. Was den materiellen Wohlstand betrifft und die damit einhergehende Absicherung der Lebensverhältnisse, stimmt das Bild der zu kurzen Decke. Die Wohlstandsgesellschaften haben sich die Decke unter den Hals gezogen, sind sogar Glücksvertilger wie diese Nachzehrer, die noch als Leichen ihr Gewand auffressen. Die bloßgelegten, kalten Füße oder der frierende Mitmensch, das ist der Preis für die materielle Glücksgier.

Immaterielle Formen des Glücks haben in unsern Wohlstandsgesellschaften keinen hohen Rang. Wenn ich abends auf der Dornröschenbrücke sitze, den Sonnenuntergang über dem Leinetal erlebe und das Hin und Her betrachte, habe ich Glücksgefühle, aber damit kann ich niemanden beeindrucken. Es gibt viele Formen des stillen Glücks, man muss sie nur finden, vor allem ihnen Beachtung schenken, auch wenn damit keine große gesellschaftliche Achtung verbunden ist. Heute las ich den wunderbaren Bericht einer Wanderung bei Paul Duroy. Schon beim Lesen spürt man die glücklichen Momente der Naturerfahrungen, die ihren Reiz durch das Abenteuerliche bekommen.

Die Lebenshaltung der Deutschen drückt sich in der Sprache aus. Viele einst positiv gemeinte Wendungen haben sich in der Alltagssprache ins Negative verkehrt. Das Nicht beherrscht diese Sprüche: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben.“ In der Edda lautet das so: „Lobe am Abend den Tag (..)“, also lobe ihn, aber zur rechten Zeit. Oder: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.“ Eigentlich meint der Spruch dies: Nichts Böses hören, nichts Böses sehen, nichts Böses sagen. Also „Gutes hören, Gutes sehen, Gutes sagen.“ Ein Kind kommt zur Welt, ahnt nichts Böses und gilt sofort als ein Nichts, nämlich als Nichtraucher. Wilhelm Reich hat, glaube ich, darauf hingewiesen, dass es den Menschen unserer Kultur nicht darum geht, Glück und Lust zu empfinden, sondern Unglück und Unlust zu vermeiden. Das ist pures Sicherheitsdenken, wie es gewiss gelernt wird in Ländern, in denen es harte Winter gibt. Entbehrungsreiche Zeiten haben den Volkscharakter geprägt. Deutsche wollen in erster Linie Sicherheit. Es gibt sie aber auf Dauer nicht, ist auch besser so, denn glückliches Leben spielt sich ab im Wechselspiel und der daraus gefundenen Balance.

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