Flashback (1) – Der Tod des Melkers

Liebe Kunden! Flashback ist eine neue Rubrik. Gelegentlich erscheinen mit diesem Logo redigierte Texte aus dem umfangreichen Teppichhauslager zum aktuellen Tagesdatum. Der heutige Text erschien am 31. Mai 2007 in der Cafeteria der offenen Bloguniversität.

Der Tod des Melkers
Heute gibt es keinen neuen Text. Wenn Sie trotzdem glauben, Buchstaben zu sehen, die zu Wörtern und Zeilen angeordnet sind und sogar Inhalte transportieren, dann hat es etwas mit Ihrer Erwartungshaltung zu tun. In Wahrheit steht hier nichts. Alles wird von Ihrem Gehirn simuliert. Und so ist der gesamte Text Ihre eigene Leistung. Sie haben keinerlei Beweise, dass es anders ist, wenn Sie niemanden bitten, Ihre Wahrnehmung zu bekräftigen. Welchen Text wollen Sie sich einbilden? Sie könnten zum Beispiel einige starke Verben mit unregelmäßiger Konjugation im Konjunktiv II nehmen und eine kurze Kriminalgeschichte schreiben.

Wenn er nicht hülfe und die Kuh nicht mölke,
dann lüde sie das Gewehr und schösse.
Er sänke zu Boden, ihm tröffe das Blut von der Stirn,
und mit einem Seufzer stürbe er sogleich.
Sie hübe ihn nicht auf und drösche noch die Leich.
Dann sänge sie ein Lied und mölke rasch die Kuh.
Hurtig rönne die Milch in den Eimer.

Normalerweise hätten Sie vielleicht alle starken Verbformen durch den Infinitiv + würde ersetzt.

Wenn er nicht helfen und die Kuh nicht melken würde,
dann würde sie das Gewehr laden und schießen.
Er würde zu Boden sinken, …

Doch dann hätten Sie sich die Untat gar nicht erst ausgedacht und der Melker würde noch leben. Denn die heute übliche Form ist viel zu umständlich und führt zu eintönigen Wiederholungen. Da macht das Melker-Meucheln keinen Spaß.

Warum sind wohl die alten Verbformen fast verschwunden? Auch die Klasse der ablautenden Verben ist nicht mehr produktiv. Neue Verben werden nur noch regelmäßig konjugiert, verändern also ihren Stammvokal nicht. Die deutsche Sprache hat durch diese Entwicklung an Klangvielfalt eingebüßt. Diese Abnutzungserscheinung ist vermutlich irreparabel, denn starke Verben mit unregelmäßiger Konjugation werden allgemein als veraltet empfunden und deshalb nicht mehr benützt. Man findet sie fast nur noch in alten Büchern. Doch wenn man diese Bücher nicht liest, existieren sie nicht. Ebenso gibt es die starken Verbformen nicht, wenn wir sie nicht mehr verwenden.

Hier jedenfalls finden Sie keine starken Verbformen. Hier steht gar nichts. Der Eintrag ist leer. Sie haben sich diesen Ausflug in die deutsche Grammatik nur eingebildet.

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10 Antworten auf Flashback (1) – Der Tod des Melkers

  1. Wenn hier nichts steht, kann ich auch keinen Kommentar abgeben, Mist. Sonst erzählte ich Dir, daß es eine Sprechoper von Ernst Jandl gibt, “Aus der Fremde”, die nur im Konjunktiv geschrieben ist. Aber vielleicht wüßtest Du das schon, und dann wäre es ja eh egal. Vielleicht erwähne ich es mal bei anderer Gelegenheit oder an anderer Stelle.

    • trithemius

      Hättest du hier einen Kommentar verfasst, würde ich sogleich klugscheißern, dass im Falle von “erzählen” der Konjunktiv II formengleich ist mit dem Indikativ Präteritum, nämlich “erzählte”. In diesem Fall muss der Klarheit zuliebe “würde + Infinitiv” verwendet werden, also “würde erzählen”. Zum Glück ist uns das erspart geblieben.

  2. Geeignete Zerkleinerungstechniken güügele sie,
    und wenn sie das Ausbeinen schüfe, blögge sie noch ein wenig.

  3.  
    … “eingebildet” ist mir aber zu abwertend, sorry: zu pejorativ (ich mache zwar gerade nix für das Studium, aber es ist noch nicht aller Semester Ende, und deshalb muss ich endlich diese Gossensprache ablegen, basta), denn es handelt sich ja denn wohl doch um eine komplexe Leistung der Großhirnrinden des rezenten Hominiden (in meinem dort, hüstel, verortetem Heimatsystem wird heftig daran geforscht)…

    … ohne Teppich is’ Scheiße (schon wieder Gosse, echt! )… ehrlich, ich sehe das in meiner Bude: sogar der Kater schlittert über den Boden als wie ein Wintertier…

    Häff fann!
     

    • trithemius

      Wäre dir “vorgestellt” genehm? Was meint man auf deinem Heimatplaneten?

      Ich habe nur einen Teppich ausgelegt, ansonsten Holzdielen, aber keine Katze.

      “als wie ein Wintertier” ist hübsch.

      Viele Grüße,
      Dein Trittenheim

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