Papiere des PentAgrion (25) – Rund um den Obelisken

Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4aTeil 4bTeil 4cTeil 5aTeil 5bTeil 5cTeil 6aTeil 6bTeil 7Teil 8Teil 9Teil 10Teil 11Teil 12Teil 13Teil 14Teil 15Teil 16Teil 17Teil 18Teil 19Teil 20Teil 22Teil 23Teil 24Teil 25Teil 26Teil 27

FackelSingen macht Mut, wir singen im Rhythmus der Draisine, wenn du magst. Einige Linguisten glauben, aus dem rhythmischen Gleichklang sei die menschliche Sprache entstanden. Man nennt die Idee spaßhaft Ho-ho-Theorie. Wenn unsere Vorfahren zum Roden einer Lichtung einen schweren Baumstamm bewegen wollten, hätten sie im Gleichklang gerufen: „Ho! – Ho! – Ho! – Ho!“ Es klingt beinah plausibel, findest du nicht? Es gibt noch die „Wauwau-Theorie“, danach geht die Sprachentstehung auf die Schallnachahmung zurück. Die dritte fällt mir jetzt nicht ein. Ich habe sowieso eine andere. Es ist nicht wichtig, wir sollten besser im Rhythmus singen, damit wir dieser elenden Finsternis entkommen. Können Ratten eigentlich im Dunkeln besser sehen als wir? Egal jetzt. Wir trauen uns und fahren in das finstere Loch hinein. Haben wir eine Melodie? Ein Glück, dass wir uns kaum sehen können. Sonst müsste ich lachen, wenn ich das Maul zum Singen auftue.

Eisen auf Eisen rollt sich ab,
Rad und Schiene gibt sich den Kuss.
Mal geht es hinauf, dann wieder hinab,
Hier freier Wille, dort, weil es muss.

So habe ich vor vier Jahren gereimt. Die beiden letzten Verse sind nicht gut. Vieles von damals gefällt mir heute nicht mehr. Darum befinden sich die ersten Papiere der Nachtdraisine im Giftschrank des Teppichhauses. Ich habe die Verse jetzt umgestellt. In der ersten Version fallen sie ab, jetzt heben sie an:

Eisen auf Eisen rollt sich ab,
Rad und Schiene gibt sich den Kuss.
Mal geht es hinab, dann wieder hinauf,
Hier fremder Wille, dort freier Lauf.

Das können wir jetzt singen, bis wir schwarz … äh … wieder unter freiem Himmel sind. Tock – tock – tock – tock – tock – tock – Hörst du, wie die Draisine flitzt? Was sind schon 870 Meter finstere Tunnelröhre über eine Staatsgrenze hinweg, wenn wir derart rhythmisch sausen? Singen im Tunnel ist wie Pfeifen im Wald. Der Mensch wusste sich immer schon zu helfen. Man vergisst nur so viel, weil das Leben manchmal hastig und rau ist.

Zweifellos ist ein
Bummel durch den Wald zum Dreiländerpunkt angenehmer. Wir erreichen bald die Lichtung. An ihrem Rand steht der Obelisk. Hier treffen drei Staatsgrenzen zusammen. Wer den beinah mannshohen Obelisken umrundet, macht drei imaginäre Erfahrungen. Du bist einmal Inländer, zweimal Ausländer. Deutscher in Deutschland, Deutscher in den Niederlanden, Deutscher in Belgien. Ähnlich geht es den belgischen und den niederländischen Touristen, aus der jeweiligen Blickrichtung. Schlage einen Kreis um den Obelisken und spüre dich hinein. Dann wird sich deine Blickrichtung innerhalb weniger Schritte verändern. Wenn du die drei Kulturen ein wenig kennst, verändert sich bei der Umrundung dein Denken und Fühlen.

Auf dem touristischen Drielandenpunt lässt sich ahnen, wie es um drei Kulturen bestellt ist. Auf deutscher Seite gibt es nur Wald und Wege. Für die Deutschen ist der Drielandenpunt kein touristischer Magnet, sondern etwas für eine sonntägliche Wanderung von Aachen aus über den Dreiländerweg hinauf. Von niederländischer und belgischer Seite kannst du mit dem Auto hin. Beide Nationen haben einen Aussichtsturm errichtet. Der belgische ist höher und abenteuerlicher. Man sieht durch das stählerne Gerüst den Boden unter sich schwinden und spürt das Schwingen des Turms. Die Niederländer haben einen festen Turm aus Holz gebaut. Holz bedeutet was, denn sie haben nicht viel davon. Auch die Gaststätten sind unterschiedlich. Nur bei den Andenkenbuden ähneln sich die Kulturen. Da zeigt sich der gemeinsame skurrile Witz. Das habe ich früher schon geschildert. Heute fehlt uns die Zeit. Eigentlich bin ich nur ziemlich müde.

Der niederländische Teil hat große Parkplätze, ausgedehnte Wiesen und das Heckenlabyrinth, von dem aus nun doch nicht die Welt errettet wird. Im Gegenteil. Aus den Wegen des Labyrinths schießt gelegentlich Wasser empor und macht Unaufmerksame und Übermütige nass. Das reicht nur für eine kleine Erfahrung.

Die Belgier haben höhere Berge als den Drielandenpunt. Der höchste liegt in den Ardennen und ist durch eine künstliche Treppe aufgestockt, so dass er genau auf 600 Meter über dem Meeresspiegel kommt. Das allerdings nur aus belgischer Sicht, denn Normalnull ist in Belgien anders definiert als in den Niederlanden. Es ist eine fiktive Größe, denn wo genau am Strand die Grenze verläuft, ist nicht auszumachen, sondern eine nur unscharf berechenbare Randzone zwischen Wasser und Land, in seiner Natur fraktal.

=> Fortsetzung: PentAgrion zeigt sich

PentAgrion---Registratur
💡 E I N H A R D S _ I N D E X – Das systematische Verzeichnis zu den Papieren des PentAgrion – erhellende Zitate, Hintergrundinformationen, Spekulationen, interne & externe Verknüpfungen, PentAgrion in anderen Blogs

=> Schlüssel zu den Papieren des PentAgrion, weitere Handlungsstränge und diverse Verknüpfungen

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Papiere des PentAgrion (25) – Rund um den Obelisken

  1. Die Belgier haben’s mit Bergen. Man denke nur an Magritte.

  2. Für die Erhöhung auf 600 Meter haben die Belgier vermutlich geheime Dokumente aus Wales gewälzt.

  3. Die Statue dort oben, steht die nicht in Maastricht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*