Papiere des PentAgrion (24) – Spuren auf dem Tisch

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Spurensuche auf dem Tisch

Hatten wir uns im
lichten Herbstwald aus den Augen verloren? Vermutlich bin ich mal wieder vorausgeeilt. Es ist schon eine Last mit mir und meiner ungeduldigen Neugier. Während du die schöne Aussicht genossen und die Farbluftperspektive betrachtet hast, wollte ich sehen, wie es weitergeht. Dabei kenne ich den Dreiländerweg, war oft hier oben. Warum ich dann vorausgeeilt bin? Ich gestehe, dass mich Gleisstrecken und Eisenbahnen verlocken. Ich mag den wilden Gesang von Stahl und Eisen. Coster nennt das die Gleisharfe und sagt, sie habe zwei Oktaven. Es gibt weiter oben freie eine Stelle, da kam man noch einmal ins Tal hinabschauen. Es führt eine Güterbahnlinie hindurch. Vier Jahre zurück rollte über dieses Gleis die Nachtdraisine, sang aber nur leise. Normalerweise donnern lange Güterzüge hin und her. Eben tauchte einer in den Gemmenicher Tunnel unter dem Drielandenpunt. Das habe ich mir angeschaut.

Einmal ist sogar der Thalys aus dem Tunnel gekommen, weil der Aachener Buschtunnel umgebaut wurde. Man brauchte eine weitere Tunnelröhre, tauglich für hohe Geschwindigkeit. Wie der Thalys umgeleitet wurde und aus dem Tunnelmundloch der Güterbahnlinie heraus kroch, das habe ich freilich nicht gesehen. Es geschah an einem dunklen Abend, als das Teppichhaus noch in Aachen war. Da wohnte ich auf der ersten Etage in einem Eckhaus und hatte die Güterbahnlinie dicht gegenüber den beiden südlichen Fenstern, beinah auf Augenhöhe. Gleich nebenan führt das Gleis über einen hohen Steindamm und überquert auf einer Brücke die Junkerstraße. Hinter dem Damm liegt übrigens das alte Verlagsgebäude der Zeitschrift IN ARTE VOLUPTAS. Die Lesenacht des letzten Jahres fand dort statt. Da habe ich mir ein bisschen dichterische Freiheit gestattet und behauptet, das Verlagsgebäude liege höher als das Teppichhaus. Es war aber anders.

Die Güterzüge kann ich leicht an ihrem Geräusch unterscheiden. Man müsste taub sein, das nicht zu hören. Die belgischen Dieselloks kommen zu zweit und drehen auf, wenn sie den leichten Anstieg über den Damm bewältigen müssen. Du kannst dir zwei Finger in die Ohren stecken, sie fahren trotzdem durch deinen Kopf. Die deutsche Bahn schickt E-Loks. Manchmal schiebt auch eine deutsche E-Lok eine belgische Güterlok an. Sie kann aber nur bis in den Gemmenicher Tunnel und kommt alleine zurück. In der Mitte der Tunnelröhre verläuft die Grenze zwischen Deutschland und Belgien. Da hört die Elektrifizierung auf. Die belgische Eisenbahn arbeitet schon Jahrzehnte mit Hochdruck daran, ein kurzes Stück fehlender Elektrifizierung zu schließen. Das muss man verstehen. Belgien hat drei Kulturen, die Deutschsprachige Gemeinschaft, die Wallonische und die Flämische. Alles muss in drei Landessprachen verhandelt, beschlossen und dokumentiert werden.

Diesmal musste der Thalys durch den Gemmenicher Tunnel fahren, weil der Aachener Buschtunnel kurzzeitig gesperrt war. Ich hörte ihn, derweil ich am Rechner saß. Sein Geräusch ist unverkennbar. Daher schaute ich zu meinem Erkerfenster hinaus, sah den Thalys vorbeiziehen und habe mich gewundert, dass er auf dem Gleis beliebte zu fahren, das auch die Teppichhaus-Draisine mehrmals benutzt hat.

Erinnerst du dich veilleicht? Einmal kamen wir nicht weit, kehrten bald zurück, weil mich vor Fahrtbeginn eine Warnung erreichte:

Wegen anhaltenden Schneefalls und zunehmender Vereisung ist das Befahren der Güterbahn-Strecke Aachen-West – Moresnet – Plombiers und so weiter nicht möglich, … wobei Plombieres keinen Bahnhof hat, sondern nur Erwähnung findet, weil sich dort eine prächtige stählerne Brücke befindet, die sich auf mächtige gemauerte Pfeiler stützt. Sie sind ihrerseits so unfassbar hoch, dass es ein unverantwortliches Risiko wäre, die Strecke zu befahren. Oben auf dem Viadukt ist nicht nur das Gleis komplett vereist, es bläst auch ein sibirischer Wind aus Ost.

Inzwischen hat die belgisch hoheitliche Bahnverwaltung für die Provinz Lüttich mitgeteilt, dass man in spätestens zwei Monaten die verwaltungsmäßigen Vorbereitungen getroffen haben wird, damit die landesweite Ausschreibung über die Vergabe der Enteisungsarbeiten auf der Brücke von Plombiers zügig vorangetrieben werden kann. Lediglich die Zustimmung der Zentralbehörde in Brüssel zu dem eigens für diesen Notfall entwickelten 7-seitigen Formblatt in den drei Amtssprachen des belgischen Königreiches müsse noch abgewartet werden. Der König aller Belgen wird danach unverzüglich siegeln.

Sollten sich die Witterungsverhältnisse vorzeitig ändern, der Wind auf West umschlagen, werde die Ausschreibung unverzüglich gestoppt. Das Siegel des Königs werde aus der Vorlage entfernt und in einen Panzerschrank gelegt, wo es unberührt verrotten dürfe. In diesem wünschenswerten Fall werde die Strecke ohne Enteisungsarbeiten freigegeben. Das Befahren geschähe dann allein auf Risiko des Teppichhauses Trithemius.

Hättest du Lust, ein kurzes Stück mit der imaginären Draisine zu reisen, vier Jahre zurück durch den Tunnel? Der Drielandenpunt läuft uns nicht weg. Keine Sorge, sobald uns das finstre Tunnelmundloch verschlungen hat, weiß ich Hilfe.

=> Fortsetzung: Tanz um den Obelisken
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8 Kommentare zu Papiere des PentAgrion (24) – Spuren auf dem Tisch

  1. In den Tunnel? Hoffentlich hab ich meine Taschenlampe dabei.

  2. Ich bin gerade nochmals die Strecke mit Google Maps abgefahren. Da ist diese tote Brücke über der Lütticher Straße. Die Brücke führte offenbar damals Gleisanlagen. Ich bin dort mal lang gewandert. Das Gras wuchs an den ehemaligen Gleisanlagen anders. Ich ging einige Zeit der imaginären Strecke entlang, bis mich der feuchte Boden meine Richtung ändern ließ. Irgendwann stieß ich auf den Fernsehturm, den Mulleklenkes, im Preußwald.
    Den Ausdruck „Buschtunnel“ kannte ich nicht. Mir hatte dazu niemand was erzählt.
    Ja, ich möchte mit auf der Draisine, Erinnerungen wecken.

  3. Ich mag auch Züge und Eisenbahnschienen. Besonders, wenn Du durch die Wald gehst und plötzlich auf eine unverrostete Eisenlinien stolperst: es ist heiss, die Sonne ist hoch, die Vogel singen ab und zu, und langsam fangen die Schienen an zu singen, und aus der Ferne nähert sich der Zug. Er fliegt vorbei in die andere Ferne, und Du merkst, dass es so viele Fernen gibt, dass man sich nur für eine Ferne entscheiden kann.

  4. Die Gleisharfe – ein schönes Wort für ein hässliches Geräusch. Ich komm aber trotzdem mit. Hoffe, es wird mir nicht zu dunkel oder zu gruselig.

  5. Ich habe mal eben das Register vervollständigt, bin aber wieder voll dabei.
    Ich merke, da ich auch in Aachen einen Netzankerpunkt habe, ein Teil des „Clans“ wohnt dort, dass ich dann einmal mit anderen, mit deinen Augen, durch die Stadt laufen und sehen werden müssen, einiges ist mir wohl verborgen geblieben. Zur Jahreswende werde ich wieder dort sein.
    🙂

  6. Vier Jahre mit der Draisine zurück … durch das Hohe Venn, das Mergelland … Ich habe damals keine Fahrt verpasst und ich werde dich auch heute begleiten.

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