Papiere des PentAgrion (22) – Pataphysische Wanderung mit wechselhaften Aussichten

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Schreibtisch

Derzeit lässt sich kaum vermeiden, einem erbärmlichen Wort zu begegnen. Mehrmals ist mir dieses Kunstwort heute in die Augen gesprungen. Es ist ein Virus, und darum hoffe ich, niemand wird es je ins Teppichhaus tragen. Und sollte sich irgendwo im Lager der Virus schon verbergen, dann ist er in Quarantäne. Wer hat dieses boshafte Virus in die Welt gesetzt? Die Enkelsöhne der Halunken, die auch den Aldebert erschlagen haben. Das waren bekanntlich wegelagernde Schweinehirten. Das Pack ihrer geistigen Urenkel will sich mit jedem von uns gedanklich vernetzen und benutzt dabei als Medium die Schlagzeile. Gesunden Köpfen schadet eine solche Vernetzung nicht. Sie stoßen den Dreck rasch wieder ab. Ist aber jemand emotional aus dem Gleichgewicht oder leidet er sogar an einem Mangel von Urteilskraft …

Was meinst du? „Paarung wirkt auf die Partner“? Da hast du wohl Recht. Vernetzte Köpfe beeinflussen einander. Das größere Netz zwingt dem kleineren seinen Willen auf und instrumentalisiert es. Diese Funktion heißt Macht. Sich den machtvollen Schwarzen und Grauen Netzen zu entziehen, dabei hilft ebenfalls eine Funktion. Sie heißt Achtsamkeit. Es bedeutet, auf sich selbst gut zu achten und auf andere gut zu achten. Erweist sich jemand als zu mächtig, lässt man ihn besser links liegen und beschränkt den Kontakt auf das Notwendige. Der ehemalige VW-Chef Lopez zwang einst alle VW-Mitarbeiter, die Uhr am rechten Arm zu tragen, als Index, dass man zum riesigen VW-Netz gehört. Dem konnte sich kein VW-Mitarbeiter leicht entziehen. Doch nach Feierabend kann die Uhr wieder an den Arm, der einem selbst gehört, findest du nicht?

Auch zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren nur gut, wenn die Kräfte in etwa gleich verteilt sind. Wenn ein Netz zu mächtig ist, gerät das andere ins Unglück. Dieses Unglück ist plausibel. Es zieht einen Rattenschwanz unangenehmer Gefühle und Ereignisse nach sich. Was man dann als unglückliche Zufälle erlebt, sind in Wahrheit plausible Folgen. Hier hilft nur zeitige Trennung. Auch ein Machtkampf zwischen Netzen ist gefährlich. Er schwächt beide, und sind sie schwach genug, werden sie ratzfatz von Stärkeren gefressen. Wo sich keine Harmonie ergibt, wo es nicht zu einem gemeinsamen Schwingen kommt, ist ein Rückzug erforderlich. Diese Formel heißt: Respekt.

Übrigens trage
ich meine Uhr schon immer am rechten Handgelenk. Das hat nichts mit anderen Netzen zu tun. Ich will nur nicht, dass meine Linke unter Zeitdruck kommt. Sie ist ein wenig schwächer als die Rechte, und indem ich sie vom Zeitdruck befreie, ihr überhaupt meistens freie Hand lasse, ergibt sich ein Ausgleich zwischen rechts und links.

Entschuldige bitte. Das folgende Wegstück zieht sich lang. In dieser nasskalten frühen Dunkelheit kann ich meine Uhr nicht lesen, denn sie hat mit gutem Grund keine Leuchtziffern. Sonst wäre ich niemals richtig bei mir, auch nicht in einer schönen Mondnacht. Die kann ich dir heute nicht bieten, nur meine rechte Hand. Falls du zufällig kalte Finger hast. Wir gehen trotzdem den Dreiländerweg hinauf zum Dreiländerpunkt. Du wirst nur am Anfang frieren und auf die Nässe fluchen. Wir wandern bergauf und bummeln geradewegs unter die warme Sonne. Das klingt irreführend; ich habe mich versprochen. Der Weg schlängelt sich um eine S-Kurve, macht zwei Schlingen. Erst danach führt er geradeaus in den Wald, und auf dem freien, geraden Wegstück dazwischen – empfängt uns ein sonniger, freundlicher Oktobertag.

Schon die zweite Kehre entlässt uns aus der Finsternis. Wo die Sonne die Hangwiesen links und rechts bescheint, hast du einen weiten Ausblick über Aachen hinweg bis zum Höhenrücken der Nord-Eifel am Horizont. Witzig, wir schauen nach Süden und sehen den Norden. Im Mittelgrund erhebt sich links der Stadt der Lousberg mit Drehturm und Obelisk. Überall zeigt sich uns die Farbluftperspektive, vorne die satten Farben von Gelb, Orange, Rot, Orange, Gelb, Grün, Gelb, Orange, Rot, Orange, Gelb, Grün, … hab Spaß gemacht. Aber man kann hier in den Serpentinen des Wegs schon mal den Drehwurm kriegen. Weiter hinten nähern sich alle Farben immer mehr dem Blaugrau an. In Mittelalterlichen Gemälden fehlt die Farbluftperspektive noch. Sie ist wie die Zentralperspektive erst in der Renaissance in die Welt gekommen.

Die Farbluftperspektive zeigt zweierlei: In der Ferne, aus der Ferne ist alles beinah unbestimmbar. Nur die Nähe erlaubt eine genaue Betrachtung. Wir beide können einander betrachten. Von Leuten in der Eifel wissen wir nur, dass es Leute in der Eifel sind. Mit der Farbluftperspekive zeigt der Maler die Tiefe des Raums an. Auf seiner zweidimensionalen Leinwand lässt er eine dritte Dimension erscheinen. Das ist ein radikaler Wandel gegenüber dem Denken des Mittelalters. Wer diesen Wandel erdacht hat, tat einen großen Schritt nach vorn, gegen alle Konvention. Er erweiterte dadurch unser Denken.

Die Erweiterung muss bezahlt werden. Jedes neue Medium bringt Vorteile und zieht einen Rattenschwanz an Nachteilen hinter sich her. Der Erfinder der Farbluftpapiere brachte das Ungewisse in unsere Welt. Das Internet, in dessen Netz wir über den Dreiländerweg gehen, hat einen noch viel längeren Rattenschwanz. Wir schauen jetzt besser nicht hin, sonst vergeht uns die gute Laune.

Erste Kehre
– nach rechts

Einmal träumte ich einen Namen. Am Abend zuvor hatte ich immer wieder die schauerliche Musik der finnischen Gruppe Apocalyptica gehört: Path. Das Video zeigt die Musiker im Duell mit ihren Schatten. Sogar im Traum hörte ich diese Töne, und dann erschien vor mir der Name Mallinckrodt. Tagelang versuchte ich zu ergründen, was ich mit dem Namen zu schaffen hätte, denn ich hatte ihn wissentlich noch nie gehört. Später fand ich eine Malinckrodtstraße in Aachen, einen beschaulichen Weg zwischen Einfamilienhäusern. Das Adelsgeschlecht der Mallinckrodts war und ist mir unbekannt. Der Namensbestandteil „Rodt“ bedeutet Rodung, Lichtung. Man findet Lichtungen in vielen Namen, Rode, Rodenkirchen, Roetgen, Herzogenrath, Kerkrade, Radevormwald, Raeren, Rott uva.

Das Apokalyptica-Video und die Vorstellung einer künstlichen Lichtung lassen sich verknüpfen mit der Tatsache, dass lange Schatten nur auf Lichtungen zu sehen sind, aber das ist beinahe müßige Spekulation, allenfalls geeignet, uns den Weg zu verkürzen und endlich auf die lichte Höhe zu kommen.

Zweite Kehre – nach links
In der gestrigen Nacht träumte ich den Namen Egport. Was er besagt, weiß ich nicht. „Port“ ließe sich deuten als Pforte. Mehr kann ich nicht sagen, denn mir fehlt die Zeit zur Recherche. Bestimmt werden wir herausfinden, was der Name bedeutet. Es ist keine Kunst, denn ich finde das hier alles und baue es zusammen. Im Augenblick weiß ich die Bedeutung des Namens allerdings ebenso wenig wie du. Ich verfüge nicht über die Gabe der Bilokation, kann also nicht gleichzeitig außerhalb dieses Textes sein und mittendrin an deiner Seite. Ehrlich gesagt, ist mir deine Nähe wesentlich lieber als der Blick von außen. Mein Schreibtisch gefällt mir. Ich habe eine hübsche Kerzenleuchte neben meine Tastatur gestellt. Aber es fehlt ein Kontakt zu anderen Menschen.

Habe ich gerade zufällig wirres Zeug geredet? Da kann ich nur hoffen, du wirst mich verstehen, wenn wir oben auf dem Dreiländerpunkt ankommen. Da erwartet uns ein Obelisk. Wir werden drum herum gehen, also ich jedenfalls werde es machen. Diese Umrundung hat etwas Magisches und trotzdem nichts mit Firlefanz zu tun. Wir müssen keine Beschwörungen grummeln oder auf einem Bein tanzen. Wir ändern einfach nur die Blickrichtung. Dann werden wir herausfinden, wer dieser PentAgrion ist und was es mit den Papieren auf sich hat.

=> Fortsetzung und Schluss: Interaktive Lesenacht – Frau Nettesheim beleuchtet das Netz

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=> Schlüssel zu den Papieren des PentAgrion, weitere Handlungsstränge und diverse Verknüpfungen

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