Papiere des PentAgrion (20) – Zufall im Zufall

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Seit ich über die Papiere des PentAgrion schreibe, mehren sich die seltsamsten Zufälle. Sie halten mich manchmal ab von meinem Tun oder ändern die Richtung meines Denkens. Das gäbe allerhand Gründe, sich zu ärgern, und damit sie nicht tatsächlich meine Sinne verdunkeln, ignoriere ich die meisten. Überhaupt ist die heitere Ignoranz eine hübsche Technik der Selbstbegrenzung. Man darf sie nicht ständig anwenden, sie hilft aber, sich dem Zugriff dumpfer Geisteswelten zu erwehren. Manche Zufälle lassen sich nämlich abwenden. Wenn ich auf dem Weg durch die Straßen der Stadt von weitem einen Kiosk sehe, dann schaue ich lieber woanders hin. Besonders um Titelseiten und Schlagzeilen mache ich derzeit einen Bogen, damit ich nicht zufällig etwas Dummes lese. Sollen sich andere ihre Gedanken vorschreiben und sich blöde Bilder in den Kopf setzen lassen. Das ist auch eine Weise, durchs Leben zu gehen. Es tut halt jeder, was ihm gefällt.

Andere Zufälle sind unvermeidlich, wobei sich die erfreulichen und die unerfreulichen nicht immer die Waage halten. Deshalb helfe ich nach und deute auch die vermeintlich ärgerlichen als Hinweis, das Gute in ihnen zu finden. Auf der Rückfahrt meiner pataphysischen Forschungsreise brachte mich der Thalys bis zum Kölner Hauptbahnhof und hielt auf Gleis 3. Ich ließ mich nicht vom Menschenstrom die Treppe hinabschieben, sondern blieb auf dem Bahnsteig. Mein ICE nach Hannover würde bald an der Bahnsteigkante gegenüber abfahren.

Ich nahm meine Kamera aus dem Rucksack und wartete darauf, dass der leere Thalys sich in Bewegung setzen würde. Dann rollte er los, und ich filmte, bis er auf der Deutzer Brücke verschwand. Neben mir auf Gleis 2 fuhr gerade ein roter, zweistöckiger Regional-Express ab, unter schrecklichem Kreischen der “Gleisharfe”, als wollte er alle Insassen in die Hölle entführen. Während ich noch dachte, dass der Thalys auf die Deutzer Brücke verschwunden war, um Anlauf für die Rückfahrt zu nehmen, schwenkte ich die Kamera hinüber zum Regionalexpress, denn ich wollte nicht nur seinen Höllenlärm, sondern auch ihn selbst dokumentieren. Da glitt der letzte Wagen vorbei und gab den Blick frei auf den Dom. In der diesigen Nachtluft wirkte er wie eine gewaltige graue Klippe. Seine architektonischen Einzelheiten waren nichts als felsige Stacheln. Auf dem Film ist nichts davon zu sehen. Denn just, zuvor bekam ich die Nachricht, die Speicherkarte sei voll, und das Objektiv fuhr ein.

Da plötzlich trat am Fuß der gewaltigen Klippe ein rot-weiß gewandeter Messdiener aus dem Seitenportal. Er schwenkte ein Weihrauchfass und wischte hellgraue Rauchzeichen in die Nacht. Ihm folgten kirchliche Würdenträger in großer Zahl. Sie trugen prächtige rote oder weiße Chormäntel und Mitren auf ihren Köpfen, in den Farben der Gewänder. Paar um Paar spuckte die Klippe aus, Gruppen in Rot und Weiß. Ihnen liefen gut einhundert gläubige Schafe nach. Während die Prozession wie ein Lindwurm um die Rückseite des Doms zog und immer noch weitere Gläubige ausgespuckt wurden, tauchten die Würdenträger langsam weg. Der Weg fiel ab, und so sah ich plötzlich nur noch die Spitzen der Mitren, Reihen von roten und weiße Zacken wie in der Form missratene Kaffeemützen auf dem Weg zu ihrer Vernichtung.

Das nicht filmen zu können, hat mich beinah geärgert. Dann aber dachte ich, es ist gut. So kann ich die Szene beschreiben und eine wertende Haltung einnehmen, den selbstgefälligen Herrschaften und ihren Mitläufern ein wenig Spott auf den Weg geben. Denn die riesige Domklippe und die durch Mitren erhöhten Gestalten der Würdenträger erschienen mir wie Zeichen der Hybris, des Größenwahns, näher an Gott zu sein als andere, mal vorausgesetzt, dass es einen gibt. An seiner Stelle würde ich mich mokieren, mich wenigstens leise wundern, dass manche Menschen glauben, so ein Brimborium veranstalten zu müssen, um gottgefällig zu sein. Als könnte man eine göttliche Macht mit eitlem Firlefanz darüber hinwegtäuschen, wie viel Blut schon im Namen der Kirche vergossen wurde, Menschenblut.

Welche Funktion hat der Messdiener mit dem Räucherfass? Bringt er ein Rauchopfer dar? Fragen gute Götter nach Rauchopfern? Muss man etwas Irdisches verbrennen, um ihnen zu gefallen? Wenn ich ein Bild gemalt hätte, und ein anderer würde es zu meiner Ehre abfackeln, dann bekäme er höchstens einen Tritt für diesen Quatsch. Wozu ist dieser Messdiener gut? Es geht dabei nur um das Wohlbefinden der Würdenträger. Der Brauch hat sich gewiss im Mittelalter herausgebildet, als die Städte stanken wie die Pest. Den Pesthauch wollte man nicht riechen, dann lieber einen Diener mit dem Weihrauchfass vorwegschicken. Weihrauch war auch nötig, damit hohe Nasen das stinkende Volk in den Kirchen und Domen ertragen konnten. Der Zorn Gottes … usw.

Die Speicherkarte meiner Kamera war voll mit heiteren Landschaftsbildern. Die hatte ich auf einem Kurztrip durch das linde Mergelland nach Maastricht und zurück nach Aachen aus dem Bus gefilmt. Eine milde Sonne schien, das Herbstlaub leuchtete ab und zu, und für eine Weile gab die Welt sich friedlich und wohlgeordnet. Deshalb konnte ich die Prozession am Dom nicht filmen. Das Bessere ließ keinen Platz für ein düsteres Dokument der menschlichen Eitelkeit. Meine Bildbetrachtung ersetzt ein Filmbild. Und wie ich sie schrieb, flossen mir Aussagen in den Text, die ich nicht voraussehen konnte. Ein Zufall, der aus dem Zufall kam? In der Rückschau auf diese Zeilen kommt es mir vor, als hätte Aldebert in meine Tasten gegriffen, um seinen heiligen Zorn auf die Papstkirche loszuwerden. Dabei hat er sich frecher Weise meiner Erfahrungen bedient. Ja, wäre es denn nicht ein bisschen freundlicher gegangen? Ein paar launige Bemerkungen, ein wenig Witz hätten dieser Schilderung gut getan. Wenn dir alles so apokalyptisch gerät, pfeifst du den Weltuntergang herbei. Man muss die Kirche im Dorf lassen und immer darauf achten, nicht einseitig zu sein. Du wurdest, wie man sagt, von Schweinehirten erschlagen, Aldebert. Das hätte dich lehren sollen, dass einseitiger Eifer nichts Gutes bringt, weil die Dinge auch bei Licht betrachtet werden müssen, damit sie ihre Balance gewinnen.

Damit es uns nicht genauso ergeht, will ich rasch etwas Launiges rufen: Bringt die Clowns herbei! Upps, falscher Link. Also noch mal: Upps, Weltuntergang!

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6 Antworten auf Papiere des PentAgrion (20) – Zufall im Zufall

  1. oh, wie peinlich, habe ich mir doch just gestern en paar duftkerzen gekauft, weil es bei regenwetter in der küche immer so nach abfluss stinkt – naja, unser haus ist auch nicht mehr das jüngste und mit ihm das abwassersystem …

  2. Da plötzlich trat am Fuß der gewaltigen Klippe ein rot-weiß gewandeter Messdiener aus dem Seitenportal.

    Das waren keine kirchlichen Würdenträger. Das waren 1.FC. Köln-Fans, die gegen den Abstieg gebetet haben.

  3. Weihrauch war auch nötig, damit hohe Nasen das stinkende Volk in den Kirchen und Domen ertragen konnten.

    Damit erklärt es sich, warum mit steigendem Wohlstand die Kirchen leerer werden. Die hohen Nasen können sich ihr Parfum inzwischen selber leisten …
    Stimmt schon, was du schreibst. Die Leute im Mittelalter – auch aus den höheren Chargen – waren im Verhältnis zu heute regelrechte Schweine, die sich nicht wuschen, aber dafür um so mehr Körperpuder verwendeten. So war es ja auch normal, dass der königliche oder adlige Toilettengang ein gesellschaftliches Ereignis war. Wer zugegen war, der galt als etwas in der Gesellschaft. Und da war es egal, mit welchen Blähstoffen sich der Toilettengänger am Abend zuvor gemästet hatte. “Pecunia non olet”, sagte zwar ein Kaiser, aber die Adelhaften im Mittelalter fühlten sich dem Gelde ebenbürtig. … und da gab es das gemeine stinkende Volk. Also hoch das Weihrauchfass …

  4. Betrachtet man ihre eigenen christlichen Lehren, nach denen während des endzeitlichen Jüngsten Gerichts alle Guten von den Bösen getrennt werden, um die einen in die Hölle, die anderen in den Himmel zu schicken, haben die Würdenträger allen Grund, nervös zu sein angesichts dessen, was sie während der Jahrtausende dauernden Kirchenherrschaft alles getrieben haben. Da ist ein kleines Antidepressivum hilfreich – neben den von Dir angeführten Gründen: Tatsächlich watete man im späten Mittelalter/der frühen Neuzeit durch knöcheltiefe Exkremente und anderen Abfall, wenn man durch Kölns Straßen ging.

  5. “Gleisharfe” – Das Wort verdanke ich Jeremias Coster.

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