Die Papiere des PentAgrion (19) – Aufmerksame Betrachtung eines schwarzen Regenschirms

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Glas nach West

Wenn ein Aachener wissen will, wie das Wetter ist, schaut er nach oben. Du wirst sagen, aha, das mache ich auch so, hebe den Kopf und lese den Himmelsbrief. Du hast nämlich Erfahrung mit Wolkenphänomenen. Sie sind Zeichen für Wetterkundige, verweisen auf ihre Folgen, ohne sie abzubilden wie etwa ein Piktogramm. Stünde über dir eine Wolkenformation, und eine Laune des Zufalls zeigt dir eine Wolke, die aussieht wie das Verkehrsschild „Straßenglätte“, dann würde ich dem nicht unbedingt glauben. Die Zeichen am Himmel sind nicht bildhaft, kein Ikon, sondern Indexe, sie verweisen auf einen Zusammenhang. Wer die Fingerzeige nicht deuten kann, muss sich auf die Auskünfte anderer verlassen. Der Aachener sieht von vielen Stellen der Stadt einen Wetterpropheten. Er ragt über die Dächer hinweg und spricht in zunächst unverständlichen Symbolen.

Die Bedeutung von Symbolen erschließt sich nicht aus ihrer Form. Symbolzeichen verweisen auf nichts, sie beruhen allein auf Vereinbarung. Du musst wissen, was die Zeichenfolge des Propheten bedeutet, sonst spricht er nur Kauderwelsch zu dir. Das Übersetzungsprogramm ist allerdings einfach. Es gibt nur 18 Bedeutungen. Einige kenne ich auswendig. Wenn wir in Aachen aus dem Thalys gestiegen sind und auf den Bahnhofsvorplatz treten, spürst du sofort, dass uns Aachen nasskalt empfängt. Dann schaue ich hoch und lasse mir vom Propheten Wettersäule sagen, ob der feine Regen bald nachlassen wird.

Direkt am Bahnhofsvorplatz steht rechts das städtische Verwaltungshochhaus. In seinem stattlichen Turmbau fährt ein Pater Noster ab- und auf. Die schlanke stählerne Wettersäule oben auf dem Flachdach ist 11 Meter hoch. Das Gestänge trägt 180 Leuchtröhren, die in drei verschiedenen Farben strahlen können. Mit ihrer Hilfe sagt dieser nächtliche Prophet, wie das Wetter ist, bleibt oder wird. Verändert sich das Wetter, steht das Licht am Gestänge, blinkt oder läuft, je nach Wetterrichtung.

Darum ist es zwar ein Wunder, dass Coster mit zwei schwarzen Stockschirmen am Ausgang der Bahnhofshalle steht, aber dann ist es wiederum kein Wunder. Coster kann die Säule nämlich von seinem Küchenfenster aus lesen. Er ist fast mit ihr auf Augenhöhe. Da fehlt nicht viel. Costers Freundlichkeit ist auch kein Wunder, sondern seine gute Eigenschaft. Trotzdem ist es wunderbar, dass der pataphysische Coster gekommen ist und für uns einen Schirm mitgebracht hat. Und aufmerksam.

Aufmerksamkeit ist der Schlüssel für gutes Zusammenleben. Wie PentAgrions wunderbare Weltformel lautet, weiß ich nicht. Meine Formel ist ganz einfach. Sie erklärt sich von selbst, wenn wir die Struktur des menschlichen Denkens betrachten. Unsere Wahrnehmung läuft in Mustern ab. Diese Strukturen bilden einen Bedeutungszusammenhang unterschiedlicher Wahrnehmungen. Wir wissen, dass der Regen draußen nur leise aus dem Abendhimmel rieselt. Trotzdem kann er uns ordentlich nass machen. Du hast bestimmt schon erlebt, wie ein solcher Kälteregen durchgedrungen ist bis auf deine Haut und dir die Kleidung schwer gemacht hat. Wir müssen keine Theorie des feinen Kälteregens entwickeln, indem wir uns jedes einzelne Tröpfchen anschauen, seine physikalische Form betrachten, seinen Weg durch die Kleidung verfolgen und ihm schaudernd nachspüren. Das könnten wir niemals, denn die Millionen einzelner Informationen lassen sich nicht verstehen, wenn sie isoliert durch unser Denken sausen. Wir müssen sie zu Strukturen bündeln, damit wir sie begreifen können.

Und dann langen wir nur einmal in diese Struktur, berühren sie an einer einzigen Stelle – und wissen: Die Millionen Tropfen sind „Nieselregen“, Nieselregen bedeutet, harmlos, aber man darf sich nicht zu lange drin aufhalten, nicht in der Kälte und wenn die Sonne sich längst verborgen hat.

Wir sehen, dass Freund Coster am Ausgang mit einem Schirm auf uns wartet. Er wird uns vor dem Regen schützen. Die Bauweise des Schirms, seine Zusammensetzung, die Materialien, das alles interessiert uns nicht, wenn nur der Schirm tut, was er soll. Einzig eines unterscheidet diesen Schirm von irgendeinem Schirm, der Umstand, dass er Coster gehört und uns von Coster eigens gebracht wurde. Diese Besonderheit ist ein Geschenk der Aufmerksamkeit. Für den freundlichen Coster ist es eine Kleinigkeit. Aber für uns ist die Kleinigkeit groß. Daher ist mein Schlüssel des guten Zusammenlebens:

Den kleinen Dingen gelegentlich Aufmerksamkeit schenken.

Es ist nützlich und sogar lebensnotwendig, die festen Strukturen unseres Denkens manchmal zu überprüfen und sich zu fragen, ob sie noch stimmen. Eventuell haben sie sich längst von den tatsächlichen Gegebenheiten isoliert, sind nicht mehr vernetzt mit anderen Menschen oder der Natur. Da hilft es, ab und zu die Kleinigkeiten zu beachten. Wenn du einen Wetterpropheten hast wie die Aachener, brauchst du nicht jedes Regentröpfchen zu beäugeln. Wenn du es trotzdem tust, findet sich garantiert eine glitzernde Perle.

Ähnlich ist es mit Menschen. Mit Aufmerksamkeit versichern sie sich einander, in einer gemeinsamen Welt zu leben. Auch wenn Coster gleich versichern wird, es wäre selbstverständlich. Aufmerksamkeit stellt sich nicht von selbst ein. Sie muss geweckt werden. Die Papiere des PentAgrion wecken unsere Aufmerksamkeit. Schließlich mache ich dich schon seit Tagen damit verrückt. Trotzdem wissen wir bisher nur Kleinigkeiten von den Papieren. Da wir uns allerdings seit Tagen und Nächten mit den wenigen Details unseres Wissens beschäftigen, erzählen sie uns schon jetzt ziemlich viel.

Die traute Gemeinsamkeit unter Costers schwarzem Stockschirm im Aachener Nieselregen ist wirklich prima, findest du nicht? Du hast mir übrigens versehentlich auf den Fuß getreten. Das hatte etwas Gutes, denn so kam ich runter auf den Teppich und bin wieder auf dich aufmerksam geworden.

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9 Kommentare zu Die Papiere des PentAgrion (19) – Aufmerksame Betrachtung eines schwarzen Regenschirms

  1. Seitdem ich den Teppich-Verwebungen etwas sorgfältiger folge, kann ich nur sagen: Wo und wie schickst du uns denn jetzt wieder in die Wüste?

    Jau, dann lassen wir mal Google für uns unter Einsatz von Translation Memories eine PDF-Datei erstellen, und „sharen“ in unser bemerkenswert glattes Gelee, warum haben wir uns hier nur so gemüht?

    „… Ihre Übersetzungen Durch einen Beitrag zu dieser öffentlichen Translation Memory, helfen Sie anderen Nutzern bringen Inhalte schneller in Ihre Sprache … klicken Sie auf ‚Sharing‘.“

    Ich glaub, ich brauch ’nen scharzen Regenschirm.

    :))

    • Keinesfalls schicke ich euch in die Wüste, wie käme ich dazu? Das Internet ist ein wüster Urwald, und wir roden gerade eine Lichtung, damit wir uns und unsere Schirme entfalten können.

      Google ist wirklich ulkig. Danke für das witzige Dokument. Immerhin, man bemüht sich. :))

    • in die wüste? nun, zuletzt hat es in burkina faso schrecklich geregnet – da er dauernd vom regen spricht, schickt er uns sicher dahin…

  2. Ende der Spurensuche, Danksagung
    Ich fahre jetzt leider nicht nach Hannover zum Abschiedsfest, aber bin dann mal weg.
    Ich scheide jetzt aus „dem Spiel“ aus und fahre zu den „Hupfdohlen“ nach Hanburg.

    flamenco

    Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, die „Papiere des PentAgrion“ mitzusuchen, vielen Dank an Herrn TT, weiteres findet man dazu im Registraturblog.

    Die Karten auf den Tisch, die „Hose runter“, wie man beim Nullouvert so schön sagt.
    Spiel 1
    Die Papiere des Pentagrion liegen vor uns auf der Hand
    Spiel 2

    🙂

  3. Schwarze Stockschirme gehören zu Aachen wie deren für mich ungenießbaren Kräuterprinten. Aber seit der langen Dürre in Deutschland und der Pleite der Aachener Regenschirmfabrik (Bauer?) bleibt dort nur der Brunnen mit entsprechenden beschirmten Statuen.

  4. Übrigens, ist der Große Zeh schon wieder abgeschwollen vom versehentlich auf den Fuß Treten?
    Einen schönen und erholsamen Urlaub nach all der „Blog-plagde.“
    🙂

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