Papiere des PentAgrion (12) – Licht hinter der Schwärze

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Leibniztempel

Mitten in der Nacht erwachte ich. Warum nur? Eine Weile lag ich wach und schaute auf die Ostwand zu meinen Füßen. Durch einen Spalt im Vorhang drang das warme Licht der Straßenlaterne und malte bizarre Schatten auf die Tapete, ein sich heftig bewegendes Muster kleiner Blätter. Indem ich versuchte, Bilder in den Schatten zu sehen, kam die Erinnerung an meinen Traum zurück.

Ich war unterwegs im Hannöverschen Georgengarten. Da lockte mich der Leibniztempel, denn seine Inschrift blitzte golden im Licht der späten Nachmittagssonne. Als ich die Stufen hinaufstieg, trat hinter einer Säule eine Frau hervor. Sie trug einen tibetischroten Mantel. Es war meine Postbotin. Ich sagte: „Sie haben mich letztens mit Ihrem Klingeln unter der Dusche erwischt, und ich habe mit meinen nassen Füßen die Dielen rutschig gemacht, so dass ich beinah ausgelitten wäre, nachdem ich Ihnen die Haustür geöffnet hatte. Später bin ich hinunter gegangen und habe hoffnungsfroh meinen Briefkasten aufgeschlossen. Er gähnte mich an, zeigte mir nur seinen grauen Blechrachen. Jetzt frage ich Sie, Verehrteste: Warum klingeln Sie mich unter der Dusche hervor, wenn Sie gar keine Post für mich haben? Bedenken Sie doch, dass ich gute Nachrichten erwarte. Aber sie bleiben aus, Tag um Tag, umrunden vielleicht gerade den Mond oder verstecken sich albern kichernd hinter der Hausecke. Daher ist meine Enttäuschung über den leeren Briefkasten doppelt groß gewesen. Und nun, ich finde Sie ungemein attraktiv, kann jedoch nicht umhin, Ihnen zu grollen. Da hilft Ihnen auch der schöne Mantel nicht, auf den Sie mich sorgsam gebettet haben, nachdem mich ein Mann in schwarzer Lederjacke mit der Faust geschlagen hatte.“

Sie lächelte entschuldigend und trat nah heran, berührte versöhnlich meinen Unterarm und sagte: „Versetzen Sie sich bitte in meine Lage. Sie sind der einzige, der mir öffnet. Auf Sie kann ich mich verlassen. Drücke ich hingegen andere Klingeln, warte ich ebenfalls vergeblich und muss mich des unguten Gefühls erwehren, dass Ihr Obernachbar auf der 4. Etage neben dem Haustelefon steht und albern kichert. Denn täglich empfängt er Post. Und da sein Briefkasten nicht etwa überquillt, sondern an jedem Morgen einen leeren Magen hat und mich mit gierig aufgerissenem Maul empfängt, muss dieser Mieter sich im Haus aufhalten.“

„Ach“, sagte ich, „Sie befinden sich im Irrtum. Der geleerte Briefkasten besagt so gut wie gar nichts. Dieser Mieter könnte ebenso gut schon im Morgengrauen das Haus verlassen und am Abend zurückkommen. Das entzieht sich doch Ihrer Kenntnis. Ja, es wäre sogar möglich, dass er nur bei Nacht ins Haus schleicht und wieder geht.“

„Sie haben vermutlich recht“, sagte sie, hauchte mir einen Kuss auf die Wange und trat hinter die Säule zurück.

„Warten Sie!“, rief ich und eilte ihr nach. Der Platz hinter der Säule war leer. Nur leise Schritte hörte ich. Da wurde ich wach, und diese verstohlenen Schritte waren draußen auf der Treppe, verstummten vor meiner Wohnungstür, ein Schaben wie von einer Hand auf dem Holz, ein Kichern, und dann stieg jemand die Treppe hinauf.

Erst dann erwachte ich und wusste eine Weile nicht warum. Da hoffte ich, der Morgen würde sich bald ankündigen. Es ist plausibel, dachte ich, dass die Postbotin just bei mir klingelt. Denn hier fließt Information, anders als bei ihren anderen Klingelversuchen. Information sucht sich immer den leichtesten Weg.

Vor vielen Jahren hat mir das Glühbirnenmodell von Edward de Bono die Sache veranschaulicht. Auf einem Brett sind Glühbirnen angebracht und allesamt mit einer Leitung verbunden. Zwischen den Glühbirnen befinden sich erregbare Schalter. Sie sind wie Türen, die sich öffnen, wenn ein Stromimpuls kommt. Diese Schalter sind lernfähig. Ihre Erregungsschwelle sinkt, wenn ein Impuls hindurchgegangen ist. Hat sich nun ein Impuls einmal einen Weg gebahnt, ist es plausibel, dass ein nächster Stromfluss erneut die Tür öffnet und die Glühbirne dahinter zum Leuchten bringt.

Stromflüsse können in diesem Modell von verschiedenen Punkten ausgehen, wie es beim menschlichen Gehirn über die verschiedenen Sinneskanäle der Fall ist. Impulse kommen von verschiedenen Enden, finden ein Tor, dessen Erregungsschwelle schon durch einen vorangegangenen Impuls herabgesetzt ist, und so leuchten bestimmte Glühbirnen auf, andere aber nicht. So ähnlich kann man sich die Funktion des menschlichen Gehirns vorstellen. Der Aufmerksamkeitsimpuls des Denkens fließt auf Wegen, die bereits begangen wurden. De Bono sagt, das sei ein Modell des natürlichen Denkens. Im natürlichen Denken bestätigt sich das Denken selbst. So macht es nichts, ob die Information über eine bestimmte Sache positiv oder negativ ist. Angenommen, man hat einem Kind von früh auf gezeigt, dass man es für blöd hält, dann ist die Struktur „Ich bin blöd.“ angelegt. Sagt man ihm nun, „du bist doch nicht blöd!“, werden die Glühbirnen des gedanklichen Musters, „ich bin blöd“ aktiviert. Denn im natürlichen Denken gibt es nicht die logische Funktion Ja oder Nein.

Demagogen nutzen dieses natürliche Denken. Sie trachten danach, in den Medien genannt zu werden, egal, ob aus guten Gründen oder schlechten. In jedem Fall werden sie in den Köpfen der Menschen wichtiger und wichtiger.

Zum Glück gibt es im Denken des Menschen auch höhere Ebenen. Diese Ebenen kennen sehr wohl Ja, Oder und Nein. Logik und Moral sorgen dafür, dass bestimmte Tore gesperrt werden, so dass der Aufmerksamkeitsfluss des Denkens sie nicht öffnen kann, obwohl er früher hindurch geflossen ist. Nun kann es aber sein, dass hinter den mit gutem Grund schwarzen Birnen sich Glühbirnen finden, deren Strahlkraft eine Wohltat wäre für den Menschen selbst und für Probleme, die er gedanklich zu lösen hat. Sie zum Leuchten zu bringen, ist eine schwierige Angelegenheit. Denn man muss einen Weg finden, die dazwischen liegenden Sperren zu umgehen.

Ach, ich habe nur über diese Sache nachgedacht, eigene und De Bonos Ideen vermischt, um meine leise Furcht zu umgehen. Sie kam von der Hand, die im dunklen Hausflur über meine Wohnungstür strich. So bin ich meinem geheimnisvollen Obernachbarn beinah dankbar, denn er hat mir abverlangt, die Sache wieder zu durchdenken. Lieber hätte ich mich länger mit der Frau im Leibniztempel unterhalten. Aber das Leben ist eben nicht immer nur Vergnügen. Wer möchte schon in vergnüglicher Blödheit versinken und nur noch darin umhertorkeln?

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