Die Papiere des PentAgrion (11) – Costers Erläuterungen

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Postkarte-von-Coster
Was er mir mit seiner Karte genau habe sagen wollen, fragte ich Coster am Telefon. Die Nachricht sei mir klar. Aber wenn ich versuchen würde, eine Verbindung herzustellen zwischen dem torkelnden Buntstift und dem kuriosen Klassifizierungsschema, das mache mir einen Knoten ins Hirn.

„Lass den Stift einfach mal weg“, sagte Coster. „Der ist reine Spielerei mit dem Gegensatz von sprachlicher Nachricht und bildhafter Information. Gemeinhin dient die Kombination von Bild und Text der Verdeutlichung. Hier aber widersprechen sich die Aussagen. Der Stift mit roter Mine schreibt das Wort grün in blauer Farbe. Der Stift selbst ist grün, seine Aufschrift in gelber Farbe behauptet, er sei Blau. Er schreibt auch blau, aber das Wort grün.“

„Gut, aber man kann versuchen, Vorder- und Rückseite deiner Postkarte miteinander in Verbindung zu setzen. Maranaz hat es getan, Videbitis auch.

„Prima“, sagte Coster. „Wenn sie zu Ergebnissen kommen, haben sie eine kreative Denktechnik benutzt, die du von Edward de Bono kennst: ‚Die zufällige Eingabe‘. Diese Technik ist außerordentlich fruchtbar. Nimm ein Gedicht, tilge die originale Überschrift, setze zufällig gefundene Wörter aus dem Duden ein und gib das Ergebnis verschiedenen Personen zur Interpretation. Sie werden die Verse völlig unterschiedlich deuten, abhängig vom Zufallswort in der Überschrift. Es ist ein erstaunliches Verfahren. Wenn kluge Leute es anwenden, kommen sie auch zu erstaunlichen Ergebnissen. Die Zufallswörter sind wie unterschiedliche Schlüssel, mit denen eine neue, originäre Sinnschicht erschlossen wird. Und siehe da, im Text steckt mehr Bedeutung als selbst der Dichter wusste. Jedes Kunstwerk enthält diese Bedeutungsschichten, es ist sogar das Wesen der Kunst. Kunst öffnet sich dem, der sich auf sie einlässt, auf jeweils einzigartige Weise. Jeder kann in einem Kunstwerk umherwandern und eigene Bedeutungen finden. Der Maler hat sie nicht bewusst hineingepackt, sondern der Betrachter liest sie hinein und heraus.“

„Hineinsehen geschieht nicht nur bei der Betrachtung von Kunst, will mir scheinen. Wir sehen ständig etwas in unsere Welt hinein. Das Leben selbst ist wie ein riesiges Kunstwerk.“

„Das schließt den Bogen zu dem kuriosen Klassifizierungsschema, das ich dir aufgeschrieben habe. Übrigens… – ja, Frau Nettesheim, ich komme gleich!“

„Ist Frau Nettesheim bei dir?“

„Wir wollen gleich essen gehen. Ich schulde ihr etwas, weil Ihre Doktorarbeit im Institut verloren gegangen ist.“

„Das Zahlensystem der Bambutis und die schwindende Bedeutung des Dezimalsystems im 20. Jahrhundert, Aachen 1980; diese inspirierende Arbeit habt ihr verkramt?“

„Es ist mir beinah unerklärlich. Aber die Doktorarbeit ist weg. Auch die TH-Bibliothek hat sie nicht mehr. Wer sie ausleihen will, bekommt nur Nullzettel. Ich vermute, sie wurde von gedankenlosen Bibliotheksangestellten verstellt, falsch eingeordnet.“

„Dann hoffe ich, es gelingt dir, Frau Nettesheim zu beruhigen. Sie kann ziemlich fuchsig werden.“

„Zweifellos“, sagte Coster, und zum ersten Mal seit langem hörte ich eine leise Unruhe in seiner Stimme.

Was hat es nun mit dem kuriosen Klassifizierungsschema der Tierwelt auf sich, das Coster mir gestern schickte? Es war mir nicht einmal neu, ich fand es eben in meinen Unterlagen. Ach, wäre doch mehr Ordnung im Lager des Teppichhauses:
Himmlischer-Warenschatz

Man könnte es als eines von vielen Beispielen nehmen für die Aussage PentAgrions: „Menschliche Objektivität ist ein Konstrukt der Lüge. Denn über allen Fakten stehen Eigensinn, Eigennutz und Machtbestreben. Sie sind die 3 Obelisken, von denen aus der Mensch seine Welt kartographisiert.“

Hat PentAgrion etwa übersehen, dass wir inzwischen die Tierwelt ganz anders klassifizieren, streng wissenschaftlich und objektiv in Klassen einteilen nach überindividuellen Merkmalen? Das biologische Klassifizierungsschema der Tierwelt ist zweifellos in sich schlüssig. Aber es befindet sich nicht in den Köpfen der Menschen. In unserem Kulturkreis etwa wird „Vogelmord!“ gerufen, wenn Belgier, Franzosen und Italiener Netze auslegen, um Singvögel einzufangen. Der Brathähnchenstand vor dem Supermarkt bleibt hingegen ungescholten, wird nicht etwa „Mordbude“ genannt. Hähnchen singen nicht schön, krähen sogar zur Unzeit, wenn sie noch Grund haben zu krähen. Der Hundebesitzer versteht sich als Tierfreund. Er betritt den Supermarkt gleichen Namens und kauft für seinen Hund die Kadaverreste anderer Tiere. Deren Freund ist er nicht, denn ein Kälberpansen etwa bringt ihm nicht die Zeitung. Wie sieht ein solches Klassifizierungsschema aus? Ich versuche mal eines:

a) Tiere, die wegen ihrer unschönen Stimmen auf den Teller kommen;
b) die mit dem Schwanz wedeln, wenn der Herr sich nähert;
c) die auf Gemälden aus dem Ottokatalog abgebildet sind;
d) solche, deren Hufe zum Aschenbecher taugen;
e) mit deren Fell man die Klobrille beziehen kann;
f) Plagdiere;
g) … mach einfach selbst weiter …

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