Die Papiere des PentAgrion (10) – Zweifelhaftes Wissen

Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4aTeil 4bTeil 4cTeil 5aTeil 5bTeil 5cTeil 6aTeil 6bTeil 7Teil 8Teil 9Teil 10Teil 11Teil 12Teil 13Teil 14Teil 15Teil 16Teil 17Teil 18Teil 19Teil 20Teil 22Teil 23Teil 24Teil 25Teil 26Teil 27 – …

Über den Wissensvorrat des Menschen – 3 Säulen der Erkenntnis

Was die menschliche Art als gesichertes Wissen ansieht, ist ein Sammelsurium der Kuriositäten. Dieser Befund gilt unabhängig vom jeweiligen Kommunikationsmittel und Speichermedium. Von Mund zu Ohr übermittelt und tradiert, Keilschrift in Tonscherben, Papyrusrollen und Pergamente, steinerne Bildnisse an den Tempeln, Historiengemälde oder schriftliches Zeugnis in Geschichtswerken, gelehrte Abhandlungen, Lexika, Zeitungsnachricht, Rundfunk-, Fernsehen- und Internetbotschaften – überall zeigt sich das gleiche Muster: Die vom Menschen beschworene Wahrheit beruht auf der Vereinbarung sozialer Netzwerke, was man für wahr befinden möchte. Die Suche nach der Wahrheit ist ein Kampf um die Durchsetzung der eigenen Wahrheit. Das Ergebnis solcher Art der Wahrheitsfindung gleicht dem Prozess der gesellschaftlichen Starbildung innerhalb sozialer Gruppen. Der gesellschaftliche Rang von Einzelpersonen und Netzwerken bestimmt den Rang der Wahrheit, unabhängig vom Grad einer innewohnenden Erkenntnis. Hier ergänzen sich die Fälschbarkeit des Bildes und die Vagheit der sprachlichen Hülsen. Menschliche Objektivität ist ein Konstrukt der Lüge. Denn über allen Fakten stehen Eigensinn, Eigennutz und Machtbestreben. Sie sind die 3 Obelisken, von denen aus der Mensch seine Welt kartographisiert.

Aus den Papieren des PentAgrion


Heute Morgen wurde
ich erneut vom frühen Klingeln der Briefträgerin aus meinen Gedanken gerissen. Stets warte ich einen Augenblick, ob ein anderer Mieter des Hauses sich ihrer erbarmt und den Türöffner betätigt. Denn wenn ich sogleich zur Wohnungstür eile und den Hörer der Sprechanlage abnehme, dann wird sie sich an meine Stimme gewöhnen und am Ende nur noch auf mich vertrauen, gar nicht erst bei anderen klingeln, nicht einmal bei meinem Obernachbarn der 4. Etage, der nach meinem Empfinden nie das Haus verlässt.

Ich warte also, doch dann dauert sie mich, dort vor der Tür in Regen und Sturm. Die Sekunden des unnötigen Wartens summieren sich von Haus zu Haus und verzögern den Augenblick, in dem sie endlich ihr Tagwerk verrichtet hat. Erst letztens sah ich die Postbotin eines privaten Dienstleisters auf ihrem Rad in Dunkelheit, Kälte und Nebel. Sie war von einer Aura der Entkräftung und Mutlosigkeit umweht, so dicht wie der Nebel. Mir wurde ganz eng ums Herz. Ich hielt den Atem an, denn ich fürchtete mitgerissen zu werden und in den Abgrund ihres Elends zu stürzen.

Seit einigen Tagen hat die Postbotin eine andere Stimme. Sie klingt fröhlich wie der junge Morgen. Schon dachte ich, sie hätte neuerdings ein hoffnungsvolles Blatt in der Hinterhand. Doch eines Morgens, als ich aus gewissen Gründen schon früh mein Rad aus dem Eingang schob, da stand sie vor mir und war im Begriff gewesen zu klingeln. Ich hielt ihr den Fuß in die Tür. Dabei sah ich, dass nicht nur ihre Stimme sich gewandelt hatte, sondern ihre ganze Erscheinung. Das ließ mich vermuten, sie wäre eine ganz andere als sonst, was sich auch sogleich bestätigte. Sie kannte sich offenbar nicht aus, fragte mich, ob im Haus das Teppichhaus Trithemius wäre. Auf dem Klingelbrett sei es nicht aufzufinden.

„Ich bin zwar kein ganzes Haus, wie Sie unschwer sehen, doch der Umschlag ist für mich.“ Sie drückte ihn mir vertrauensvoll in die Hand. Er war nicht sonderlich hübsch, schon mal gebraucht gewesen. Sie hingegen war genau das Gegenteil. Ein wenig erinnerte sie mich an die Frau, die mich am Obelisken auf dem Lousberg aus der Ohnmacht begrüßt hat. Vermutlich war es eine Projektion, denn wie sollte sie von dort nach Hannover geflogen sein. Und was hätte sie für einen Grund gehabt, ihren tibetisch roten Kaschmirmantel gegen die Kluft einer Postbotin einzutauschen? Jedenfalls enthielt der unscheinbare Umschlag etwas für mich Wunderbares. Wilhelm Ruprecht Frieling sandte mir ein Mousepad, das er jüngst im Britischen Museum erstanden hatte. Dieses Mousepad hat eine ungewöhnliche Form und ist noch ungewöhnlicher bedruckt. Es zeigt den polyglotten Stein von Rosetta, mit dessen Hilfe Champollion die Ägyptischen Hieroglyphen übersetzt hat. Derzeit fährt meine rechte Hand darüber, und mir ist, als würde sie vom Abbild des Steins auf besondere Weise geführt.

Stein-von-Rosetta

Heute Morgen also, ich suchte gerade im Lager des Teppichhauses nach einem Lichtenberg-Zitat, dessen genauer Wortlaut mir schon wieder entfallen war. „Zweifele an allem zweimal, und sei es …“, verflucht, wo ist denn das Edikt des Zweifels, dachte ich noch, – da klingelte die Postbotin. Ihr freundlicher Morgengruß sprang mich an, und wie ich schon den Türöffner gepresst hatte und auflegen wollte, sagte sie: „Könnten Sie für einen Moment herunter zu den Briefkästen kommen, Herr Trithemius?“ „Worum geht es denn?“, fragte ich und dachte, sie hat doch hoffentlich kein boshaftes Einschreiben für mich.

Im Flur unten drückte sie mir eine Postkarte in die Hand. Da erkannte ich sofort das Gekritzel von Jeremias Coster. Sie sagte: „Es ist bestimmt unprofessionell und einer Postbotin nicht erlaubt, dass ich Sie zu dieser Ansichtskarte befrage. Aber ich mache das nur als Aushilfe und studiere eigentlich Visuelle Kommunikation. Die Rückseite Ihrer Karte – können Sie mir sagen, wie das gemacht ist?“ Ich drehte die Karte um und sagte ebenso erstaunt wie sie: „Ganz und gar nicht. Hab nicht die geringste Ahnung. Aber es hat ja wohl irgendwas mit Pataphysik zu tun.“
Postkarte-von-Coster

=> Fortsetzung Costers Erläuterungen
PentAgrion---Registratur
💡 E I N H A R D S _ I N D E X – Das systematische Verzeichnis zu den Papieren des PentAgrion – erhellende Zitate, Hintergrundinformationen, Spekulationen, interne & externe Verknüpfungen, PentAgrion in anderen Blogs

=> Schlüssel zu den Papieren des PentAgrion, weitere Handlungsstränge und diverse Verknüpfungen

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Kommentare zu Die Papiere des PentAgrion (10) – Zweifelhaftes Wissen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.