Die Papiere des PentAgrion (9) – Aus der Welt gerutscht

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Tranchot_Otzenrath„Von den Bären Kanadas wird berichtet, dass sie immer dieselben Pfade benutzen, wobei sie sorgsam darauf achten, stets in die Fußstapfen ihrer Ahnen zu treten“, sagte Coster. „Auf diese Weise sind die kanadischen Wälder von einem Netz von Pfaden durchzogen, in dessen Struktur sich die Erfahrungen der Alten ausdrücken. Dieses Wegenetz hat sich über die Generationen hinweg selbst organisiert. Es kein kosmischer Weltvermesser gekommen und hat den Bären die Spuren gelegt. Versuch und Irrtum und neuerlicher Versuch. Das reicht, aber es fordert viele Opfer.“

Coster nippte an seinem Espresso und fuhr fort: „Niemand muss den Bären zeigen, wo die Passagen durch ihre Welt zu finden sind. Es reicht ihnen zu spüren, wo andere schon vor ihnen gelaufen und gut vorangekommen sind. Natürlich kann sich diese Form der Weltaneignung fatal auswirken, wenn sich die Bedingungen verändern. Wenn plötzlich eine von Menschen gebaute Straße die Pfade quert oder ein tückischer Morast sich auftut, wo immer schon der Permafrostboden einen festen Tritt erlaubt hatte. In solchen Bereichen ist die verlässliche Struktur der Pfade zerstört, und da niemals ein Bär sich über seine Welt erhoben hat, wird er eine neue Passage nicht finden, sondern im zerstörten Wegenetz umherirren. Viele Bären tapsen ins Verderben, bis neue Spuren gelegt sind von jenen Bären, die zufällig einen anderen Weg gefunden haben. Doch eine Struktur, die über Jahrhunderte gewachsen ist, kann sich nicht in wenigen Jahren selbst reparieren. Daher bringt ein zerstörtes Wegenetz die ganze Art in Gefahr.“

Ich hörte kaum hin. Was gehen mich die Wege der Bären an. Von Aachen bis Hannover ist mir nie ein Bär begegnet. Und nun war ich verwirrt. Eine Weile schon hatte ich nicht über meinen Tellerrand geblickt, hatte nicht mehr auf die Aussicht geachtet, die ich von meinem Platz auf die Welt hatte, ja, ich hatte glatt vergessen, dass wir in einem Drehrestaurant saßen. Unsere Teller, Tassen und der Tisch, auf dem sie standen, Coster zu meiner Rechten und der freie Stuhl zwischen uns, das alles hatte mir die trügerische Gewissheit gegeben, auf festem Grund zu sein. Wie ich aber den Blick hob, weil Coster über den Obelisken des Tranchot zu reden begann, und ich folgsam nach draußen auf den Lousberg sah, an dessen Ende sich der Obelisk erhebt, da wunderte ich mich. Die trotzige Säule stand im Licht. War die Sonne nicht eben schon verschwunden? War sie erneut aufgetaucht oder gab es eine zweite Sonne? Für einen Moment flogen mich heimatliche Gefühle an.

„Zwei Sonnen ziehen über die Himmelsbahn des Planeten Usjh. Eine folgt der anderen nach. Daher verfügte ein jedes Lebewesen auf Usjh über einen transparenten Zwillingsschatten.“

„Wie meinen?“, fragte Coster. „Hast du das in den Papieren des PentAgrion gelesen?“

„Vermutlich“, sagte ich und blickte wieder hinaus. Die Sinnestäuschung war verflogen. Nicht die Sonne hatte sich verzogen, sondern das Restaurant hatte sich weiter gedreht. Nur die Kellnerinnen und Kellner schienen über diesen Dingen zu stehen, sprangen vielmehr hurtig über den Spalt im Boden und trugen die Tabletts von einer Welt in die andere.

„In der Welt mit zwei Sonnen ist das Leben ganz anders als hier“, sagte ich. „Stehen beide Sonnen klar und hell am Himmel, leuchten sie jeden Winkel aus. Ist eine Sonne hinter Wolken, mildert die zweite den Schatten. Sind aber beide verdeckt, ist der Schatten tiefer als auf der Erde, und folgt darauf sogar die Nacht …

„Ich wüsste gern, wie sich das Leben auf einem solchen Planeten organisiert“, unterbrach mich Coster. „Man müsste es in einem Modell simulieren. Alles andere wäre Spekulation. Ohne Modell lässt sich über die Organisation des Lebens nichts Verlässliches sagen. Nicht einmal das uns vertraute irdische Leben verstehen wir ohne eine bildhafte Idee von der Welt. Die sich selbst organisierenden Netzwerke des Lebens haben den Charakter des Selbstverständlichen. Daher werden diese Strukturen nicht als solche wahrgenommen. Erst ein Weltbild erschließt sie. Aber dieses Bild darf den Gegebenheiten nicht 1:1 entsprechen. Eine Landkarte 1:1 nutzt dir gar nichts. Man muss vereinfachen, Informationen ausdünnen, damit die Karte eine Orientierung ermöglicht.“

„Die Sprache ist eine solche Karte“, sagte ich. „Ohne sprachliche Begriffe ist ein Lebewesen völlig in der Welt, gleich den Bären. Wenn aber Erinnerung und Erfahrungen in Wörter gefasst werden, sind diese Wörter wie Landkarten, mit denen man sich über die Welt erheben kann. Weißt du, Coster, oft fühle ich mich unglücklich, als wäre ich aus der Welt gerutscht. Vermutlich habe ich dann zu sehr in sprachlichen Begriffen gelebt und mich nicht geerdet in der Natur. Und ich sage dir jetzt etwas, mein Freund, auch an dir kann ich mich erden. Wenn ich sehe, wie genussvoll du deinen Espresso schlürfst, dann ist mir das mehr als alle sprachlichen Philosophien dieser Welt.“

„Umarme manchmal einen Baum. Vergiss auch nicht, das Leben zu genießen, denn ich kann dir schließlich nicht immer zur Seite stehen. Ich muss weg. Paul, mein Student, wartet schon. Aber wir werden nicht über Pataphysik reden, sondern im Goldenen Einhorn gemütlich einen heben. Wirst du mit in die Stadt gehen?“

„Nein, ich habe noch etwas Zeit, bis mein Zug fährt. Ich will vom Obelisken aus über Aachen schauen und den Eindruck mit nach Hannover nehmen.“

Wir trennten uns an der Blausteintreppe hinab zum Kerstensche Pavillon. Ich sah Coster hinterher, bis seine schlanke Gestalt hinter einer Windung der Treppe verschwand. Dann schlenderte ich hinüber zum Aussichtspunkt. Die Brüstung war dicht besetzt. Familien, Paare, ganze Ausfluggruppen drängten sich am Gitter und genossen den Blick auf die Stadt. Bald würde die Sonne hinter einer Wolkenbank verschwinden und ihre Wärme mitnehmen. Ich wartete beim Obelisken auf einen freien Platz und sah mir die Ich-war-hier-Marken am Sockel an.

Von Napoleon beauftragt, hatte der Geograph Jean Joseph Tranchot diese Triangulations-Säule im Sommer 1807 errichten lassen. Von diesem und anderen Obelisken aus hatte er die Umgebung vermessen und das erste verlässliche Kartenwerk der Rheinlande erstellt. Sieben Jahre später, am 2. April 1814 stürzte der Obelisk. Er wurde nicht umgerissen, wie man es mit den Denkmälern überwundener Tyrannen tut, sondern fiel ohne erkennbare äußere Einwirkung in sich zusammen. Zur gleichen Zeit befahl in Paris der Senat die Absetzung Napoleons. Ein unerklärliches Zusammentreffen der Ereignisse.

1815 fiel das Rheinland an Preußen, der Obelisk wurde wieder aufgebaut. Tranchots Kartenwerk jedoch war nach Paris verbracht worden und nicht mehr zugänglich. Der auf Geheimhaltung bedachte Preußenkönig Friedrich II hatte kein Interesse an einer neuen Kartographie. So wurde das öffentliche Kartennetz des Tranchot für eine ganze Weile zum schwarzen Netz, einem Netz nur für Eingeweihte.

Ich umrundete den Obelisken. Da kam ein Mann um die Ecke. Er trug ein Kind auf dem linken Arm. Die Rechte streckte er aus. Ich weiß nicht, ob er dem Kind etwas zeigen wollte oder ob er auf mein Gesicht zielte. Jedenfalls hinterließ er einen bleibenden Eindruck bei mir, eine frische Narbe am Kinn.

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