Die Papiere des PentAgrion (8) – Mutiger Schritt in die nur unscharf berechenbare Randzone I

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Beldevere„Verflixt, es ist schon viertel nach sechs, ich habe gerade mal die erste Zeile geschrieben und muss noch einkaufen.“

Coster sah auf seine Uhr. „Für einen Moment hast du mich ganz jeck gemacht, Trithemius, wir haben grad halb drei. Bist du irgendwie durcheinander?“
„Entschuldige, Coster“, murmelte ich. „Ich sah mich zu Hause in Hannover am Rechner sitzen und schreiben.“
Coster blieb auf der Treppe stehen, drehte sich um und sah zweifelnd auf mich herab. Er deutete über meinen Kopf hinweg und sagte: „Schau mal zurück. Da unten liegt das schöne Aachen.“
„Sehe ich nicht.“
„Na gut, die Bäume verwehren die Sicht. Wenn wir oben auf dem Lousberg sind, kannst du dich am Aussichtspunkt beim Obelisken überzeugen.“

„Später, zuerst muss ich essen. Hoffentlich haben die im Drehrestaurant etwas im Angebot, was mein Metabolismus verträgt. Sonst sähe ich mich gezwungen, ein Stück von einem Erdbewohner zu fressen.“
„Isst du auch keinen Fisch?“, fragte Coster.
„Nicht mal freitags. Eigentlich esse ich nichts, was mich ansehen kann.“

Wir nahmen die letzten Stufen der Fußtreppe auf den Lousberg, und Coster steuerte stracks auf den massigen Drehturm zu. Die stattliche Wiese zu Füßen des ehemaligen Wasserturms war menschenleer. Die Sonnenanbeter, die man im Sommer hier oben hat liegen sehen, mussten wieder mit dem Münz-Mallorca ihres Vertrauens vorlieb nehmen.

Anders als sein Name behauptet, dreht sich der Drehturm nicht wirklich. In seinem Inneren windet sich zwar eine Treppe zu den unteren Büroetagen, wer aber hinauf will zum Restaurant, muss den zentralen Aufzug nehmen. Nicht mal der dreht sich. Was ist? In der Kuppel des Hannöverschen Rathauses gibt es einen Aufzug, der sich mit der Kuppel krümmt. Der hier im Drehturm könnte beispielsweise wie eine Spirale sein, die sich nach oben windet und die Besucher hinaufschaufelt.

Coster presste den Rufknopf. Früher wurde man von einem Aufzugführer empfangen. Man konnte in die Fahrstuhlkabine treten, ihm eine Pistole an den Kopf setzen und befehlen: „Fahren Sie mich nach Kuba!“ Die gute alte Zeit. Heute muss man alles selber machen. „Es ist fast ein Jahr her, dass ich oben war“, sagte Coster, derweil uns der Aufzug hinauf brachte. „Zuletzt ist das Restaurant immer gut besucht gewesen, und man musste einen Tisch vorbestellen. Aber heute wird es ruhig sein.“

Es ist eine seltsame Angelegenheit, wenn man den Aufzug verlassen hat und die Grenze zum drehbaren Ring des Restaurants überschreitet. Da ist ein Spalt im Boden. Du musst hurtig hinüber, rasch den zweiten Fuß nachziehen, sonst stehst du gleichzeitig in zwei Universen, hast quasi eine nur unscharf berechenbare Randzone zwischen den Beinen, – was nicht etwa sexuell gemeint ist. Die beiden Universen zwischen deinen Füßen haben die gleiche Zeitzone, sind aber im Raum getrennt. Bist du drüben, dann siehst du, wie das Buffet sich langsam von dir wegdreht, bald sogar dir kühl die stumme Rückfront weist. Keine Sorge, das Buffet kommt wieder. Du musst schließlich dringend etwas essen, damit du nicht aus den Schuhen kippst. Am besten setzen wir uns ans Fenster. Nein, geht nicht. Du willst immer übereck sitzen. Also, du ans Fenster, ich auf die Stirnseite. Der Ausblick über diese dir fremd gewordene Welt wird dich ablenken, bis die Kellnerin kommt. Eventuell ist es sogar ein Kellner. Ich nehme Rücksicht auf deinen bedenklichen Zustand und werde nicht lange rumcharmieren, so dass wir unsere Bestellung umittelbar loswerden. Nimm, was dir passt, was auch schnell gemacht ist. Ich muss es schließlich nicht essen.

Am westlichen Horizont ziehen gerade die Niederlande vorbei. Da seitlich der alten Kohlenhalde liegt Simpelveld, Poort van het Mergelland. Durch diese Pforte kannst du in die niederländischen Alpen einreisen. Es geht auch von anderen Orten aus hinein, das Mergelland hat keine schwerpassierbaren Schluchten oder Pässe. Der Drielandenpunt, höchster Berg der Niederlande, – da weiter links -, man fand an seinen Hängen noch keine vereisten Leichen übermütiger Finanzjongleure wie am Himalaya. Allerdings sollte vom Dach des Drielandenpunts schon einmal die Welt errettet werden. Ich glaube, die Bürger von Vaals, dem Grenzort auf der niederländischen Seite, haben gegen die Weltrettung protestiert. Wenn also dieser Globus demnächst ins Taumeln geraten sollte, kannst du dich bei denen bedanken. –

Ja, iss nur, du kannst mit einem Ohr zuhören. Die Jünger der Transzendentalen Meditation hatten das Heckenlabyrinth auf dem Drielandenpunt gekauft und wollten darin ihr spirituelles Weltzentrum oder so ähnlich errichten. Sie hatten auf dem Dreilandenpunt schon eine Elefantenprozession veranstaltet. Fünf Könige der Transzendentalen Meditation waren eigens angereist; in cremefarbenen Strechlimousinen kamen sie über die Maastrichter Laan heran. Da aber stürmten die Bürger von Vaals mit Fackeln, Forken, Dreschflegeln und Kärchern den Berg hinauf und umstellten die Mühle … äh, ich habe mich gerade vertan. So war es nicht. Vermutlich war es ein reiner Verwaltungsakt. Eventuell hat die Königin der Niederlande einfach keine Gegenkönige im Land haben wollen. Es kann nur ein gekröntes Haupt geben, Weltrettung hin oder her.

Kann diese Welt trotzdem noch errettet werden? Was schaust du mich so an? Schmeckt’s dir nicht? Kannst du nicht in Ruhe essen? Ich muss auch nicht reden, derweil die Höhenzüge des Aachener Stadtwalds vorbeifahren, hinter denen das herbschöne Belgien liegt.

„Da irgendwo treibt Stijn van de Voorde sein Wesen oder Unwesen, Coster“, sagte ich. „Und ich weiß noch immer nicht, was dieser Mensch mit den Papieren des PentAgrion zu tun hat.“

=> Fortsetzung: Aus der Welt gerutscht
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