Papiere des PentAgrion (6) – Loch im schwarzen Netz II

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Hör mal. Was ganz anderes – oder doch nicht, eher ein Gleichnis:

Die Feldjäger der Bundeswehr hatten mich in meinem Heimatort gesucht. Sie hatten mich aber nicht finden können, denn ich hielt mich in einer Kölner Wohnung versteckt. Längst hätte ich mich in einer Kaserne oben im Norden melden müssen. Aber ich hatte, als Freunde bei mir in Köln waren, meine Einberufung und den Wehrpass im Waschbecken verbrannt. Tagelang war der Abfluss verstopft gewesen. Als mir das Geld ausging, stellte ich mich.

Man empfing mich in der Ausbildungskompanie ziemlich unfreundlich. Kompaniechef und Leutnant setzten mir zu. Ich dürfte keinesfalls den Kriegsdienst verweigern, „die Kameraden nicht aufwiegeln“, überhaupt, müsste ich mich strengstens an alle Regeln des Soldatenseins halten und mich einfügen. Beim kleinsten Vergehen gegen die Vorschriften wollten sie „meine Sache der Staatsanwaltschaft übergeben.“ Dann wäre ich vorbestraft.

Damals trug ich die Haare schulterlang und hatte sogar einen Bart im Gesicht. Mein oberster Chef hieß Helmut Schmidt. Er hatte gerade den Haar-Erlass herausgegeben. Es verstieß seither gegen die Menschenwürde, wenn Soldaten gezwungen würden, sich die Haare abzuschneiden. Damit aber der langhaarige Soldat bei seinen dienstlichen Verrichtungen nicht behindert würde, musste er ein Haarnetz tragen. Viele liefen mit so einem Haarnetz auf dem Kopf durch die Kaserne. Zu albern sah das aus, war sicher ebenso erniedrigend wie ein kahler Kopf. Der Unterschied: nach Dienstschluss durften die Haare wieder in die Freiheit. Dagegen sahen die Glatzen selbst im Feierabend wie geschorene Sklaven aus.

Haarnetze sind zwar dicht, aber sehr empfindlich. Ein kleiner Einriss, schon ist ein Loch drin. Aus löchrigen Haarnetzen schieben sich Haarsträhnen. Dann musste bald ein Neues her, weil es gegen die Kleiderordnung verstieß, ein Haarnetz zu haben, aus dem Strähnen wuchsen. Aber immer wieder kam es zu erfreulichen Engpässen in der Haarnetzlieferung. Dann nämlich durfte man eine Weile ohne Haarnetz laufen und war beinah ein Mensch.

Als wir vereidigt werden sollten, gab es keine Haarnetze. Der Kompaniechef bestellte mich ein, und zusammen mit dem Leutnant flocht er mir einen Zopf. Dann legten sie den Zopf auf meinen Scheitel und befahlen mir, den Helm darüber zu stülpen.

Es war heiß an diesem Tag. Die Ausbilder wirkten aufgeregt. Ein General hatte sich angesagt. Er würde auf der Tribüne sitzen und sich die Vereidigung ansehen. Die Rekruten würden an ihm vorbeimarschieren und müssten anschließend lang in der Sonne stehen. Ein Stabsunteroffizier führte meinen Zug zum Vereidigungsplatz. Er fürchtete, es könnte einer von uns in der prallen Sonne umkippen. Daher befahl er nach wenigen Schritten, die Helme abzusetzen. Mein Zopf fiel hinunter. Als wir uns der Tribüne näherten, hieß es: „Helm auf! Im Gleichschritt …!“ Da konnte ich meinen Zopf nicht wieder untern Helm schieben. Sie hätten „meine Sache“ bestimmt dem Staatsanwalt übergeben, wegen unbotmäßiger Fummelei am Kopf während des Marsches zur Vereidung. Darum fügte ich mich ein, wiegelte auch keinen Kameraden auf, mir beim Richten der Haarfrisur zu helfen, sondern trug meinen Zopf mit Fug und Recht an der Tribüne des Generals vorbei.

Er wird mich nicht gesehen haben. Generäle achten nicht auf einzelne Soldaten, sondern auf Kompanien, Bataillone, Regimenter und Heeresgruppen. Aber ich habe damals zum ersten Mal erfahren, wie lustvoll und befreiend es ist, an schwarzen Netzen zu reißen. Diese Erkenntnis verdanke ich den vielen anderen Rekruten überall in der Bundesrepublik, die ebenso ihre Netze zerrissen haben. Nur durch dieses unsichtbare Netzwerk, das allein aus ähnlichen Gedanken bestand, konnte der Nachschub im Versorgungsnetz der Bundeswehr zum Erliegen kommen.

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