In meinem Bügeleisen ist beinahe Vollmond

Die Leine hat zu wenig Wasser. Warum Leinen überhaupt Wasser haben sollten? Ich könnte mir vorstellen, dass Wasser eine Leine geschmeidig macht, will aber nicht deswegen diskutieren, denn ich meine sowieso den Fluss, der Hannover durchströmt. Hinter dem Leinewehr zeigen sich Sandbänke und wachsen von Tag zu Tag. Derzeit wird am Wehr nur wenig Wasser abgelassen, gerade genug, den abzweigenden Leineabstiegskanal zu versorgen. Das Wasser scheint zu stehen, und der Nordwind kräuselt die Wasserfläche stromaufwärts.

Es hat doch in den letzten Tagen geregnet. Wieso ist der Wasserspiegel der Leine trotzdem gefallen? Vermutlich saufen die durstigen Bäume und Pflanzen an den Ufern alles weg. Man sagt ja, die durchwurzelte Erde wirke wie ein Schwamm. Stünde das Wasser jetzt hoch, dann könnte man sagen: „Der Schwamm ist voll, seine Speicherkapazität ist überschritten.“ Und wäre beides nicht wahr, das schadet ja nicht, solange das Evidenzurteil nur der augenblicklichen Welterklärung dient und revidiert werden kann, wenn genauere Informationen verfügbar sind. Was wissen wir schon über die vielfältigen Vorgänge in der Welt, wenn wir nicht gerade Spezialisten sind.

Letztens saß ich mit Coster in einem Altstadtcafé. Da hörte ich am Nebentisch einen jungen Mann sagen: „Die Kapazität meines Portemonnaies ist bald überschritten.“ Sein Begleiter nickte mitfühlend. Aber ich sagte zu Coster: „Das hätte ich auch gern.“ Die Sprache des Alltags ist oft ungenau, Kontext und Situation helfen, dass man sich trotzdem versteht. So hatte auch der junge Mann seine beinah leere Geldbörse vorgezeigt, als er sagte, es sei an der Kapazitätsgrenze. Das Geld war weg oder, wie es in einem TV-Werbespot heißt: „100 Prozent unsichtbar!“

Dass sprachliche Äußerungen oft ungenau sind, liegt auch an den Wörtern. Einige von ihnen sind viel zu grob, manche haben sogar ungereimte Doppelbedeutungen. Eine Untiefe kann eine Sandbank dicht unter der Wasseroberfläche sein oder ein Tiefseegraben. Man nimmt Medikamente für oder gegen eine Krankheit. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vergleicht die Wörter mit Uniformierten, die man in oder aus der Ferne betrachtet. So schön gleichmäßig sie auch aussähen, aus der Nähe erweise sich jeder der Kerls als schlecht angezogen.

Wir denken uns die Welt zurecht mit Hilfe von Wörtern, die, aus der Nähe betrachtet, nicht gut passen, das heißt, wir bilden die Welt nicht objektiv ab, sondern interpretieren sie. Es kommt bei der Interpretation immer nur auf den Erfolg an. Letzte Wahrheiten sind nicht nötig. Darum sagt der Deutsche auch, wenn er etwas nicht genau weiß: „Ich glaube, …“ und nicht „I think“ wie der Engländer. Übrigens ist „Ich denke“ eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, also endlich mal ein echter Anglizismus. Die meisten Leute hingegen glauben, ein Anglizismus wäre ein englisches Fremdwort. Wen stört’s? Höchstens mich.

Als Coster und ich aufbrachen, erhoben sich an einem anderen Tisch vier Frauen und strebten an der Theke vorbei dem Ausgang zu. Der Kellner küsste jede auf die Wange und sagte: „Tschüs Mädels!“ Coster und ich bekamen keinen Kuss vom aufgedrehten Kellner. Er drückte uns nur seine Fehlinterpretation auf und rief uns freundlich hinterher: „Tschüs, ihr Süßen!“

Nie zuvor in meinem Leben war ich Coster so nah wie in diesem Augenblick. Verständnis ist Missverständnis, Wahrnehmung ist Falschnehmung. Meistens ist sowieso alles ganz anders. Ach so, die Überschrift. Das sah nur so aus, als ich das Bügeleisen mal auf den Schrank gestellt hatte. Vom Bett aus besehen, guckte der Drehschalter wie ein beinahe Vollmond unter dem Griff hervor. Ich habe meinen Irrtum schon nach fünf Minuten bemerkt.

Teppichhaus-Musiktipp: dEUS, Eternal Women

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27 Kommentare zu In meinem Bügeleisen ist beinahe Vollmond

  1. Herrlich *händereib*, ein Eintrag nach meinem Geschmack, einschließlich des surrealen Titels, der mich an so einen irren Text von früher erinnerte: „Die sieben Telefonrechnungen der Ekstase“.
    „Mondscheintarif“ sagte der Frauenroman und fing an zu bügeln, ja, ihr Süßen, so geht das dann.
    Zum Thema Geld: „Das Geld ist niemals weg, es hat nur jemand anderes.“ So muß man das sehen, I think, I believe.
    Oder wie sagte Rieke Busch: „Denken is Glückssache und du siehst nich aus, als ob de viel Glück hättest.“

  2. Bist Du Dir sicher mit dem Anglizismus „Ich denke“? Was ist mit Descartes und seinem „Cogito …“? Und im Französischen sagt man doch auch „je pense“.

    • Dann habe ich mich oben nicht genau ausgedrückt. Ich meine die satzeinleitende Floskel „Ich glaube, … dass der Text oben einer Ergänzung bedarf.“ Statt: „Ich denke, dass der Text oben einer Ergänzung bedarf.“ Dieses „Ich denke …“ ist ein Anglizismus. Ich glaube, das sollte ich ergänzen. Danke für den Hinweis.

      • In Holland ist es weit verbreitet, als Einleitung eines Satzes bei Interviews mit „I denk“ zu beginnen. Es ist fast so schön wie das Deutsche „Ich würde mal sagen, …“ Nie reagieren Menschen irritierter als wenn man dann nachhakt: „Und was sagen Sie nun?“ …

        • Und dabei ist doch das „Ich würde sagen…“ die ehrlichste Form ein Statement abzugeben.

          Ich sehe etwas, mein Gehirn verarbeitet es, mein verkorkstes assiziatives Denkzentrum interpretiert es auf die eine oder andere Weise, und dann versuche ich das ganze in unzulänglichen Worten weiter- oder wiederzugeben. Eine subjektive Wahrnehmung, die ich immer weiter subjektiviere.

          „Ich würde sagen…“ oder „Ich denke…“ heißt doch im Grunde daß jemand anderes etwas anderes sagen und denken wird, und genau das stimmt. Mann, jetzt hab ich wieder dahergeredet….
          (Den faux anglicisme ‚Statement‘ da oben möge man mir bitte vergeben. Ich dachte nur es würde passen :)))

          • Mit Doc Tottes Worten: Was macht Sinn? Ich denke ;), „Ich würde sagen“ ist der größte Vorbehalt, den man in einer Redeeinleitung sprachlich ausdrücken kann. Der Sprecher bleibt in der Möglichkeitsform, dem Konjunktiv.
            „Wenn meine Oma mir nicht den Mund verboten hätte, würde ich sagen, meine Oma ist eine Tyrannin.“ So ein Satz ist nur als sprachlicher Witz sinnvoll. In allen anderen Fällen, wenn dem Sprecher also nicht der Mund verboten wurde, ist die redeeinleitende Floskel „Ich würde sagen …“ nur ein sich Zieren, ein sich Spreizen durch eine Blähfloskel.

            Ich glaube, dass die Redeeinleitung: Ich denke, … eine Aussage absolut macht. Sie ist genauso geziert und gespreitzt wie „Ich würde sagen“, doch sie geht weiter. Mit „Ich denke“ berichtet jemand stolz, dass seiner folgenden Äußerung ein Denkprozess zugrunde liegt. Wenn jemand sagt:“ Ich glaube“, dann muss er über die folgende Äußerung nicht zwingend nachgedacht haben und mussen auch nichts vom Gegenstand seiner Äußerung verstehen. Denn Glauben ist nicht Wissen. Wer also seinen Satz mit „Ich glaube“ beginnt, sagt:
            1) Ich habe aus dem Bauch geurteilt oder
            2) Ich habe nachgedacht, weiß aber, dass ich nicht über alle Informationen verfüge, also sage ich, dass ich es nur glaube.
            3) Hab sowieso keine Ahnung, ist nur daher gesagt.

            Was meint, glaubt, denkt ihr oder: Was würdet ihr sagen?

            • Bei „Ich glaube…“ gebe ich dir Recht. Aber ich denke (!) daß man auch bei einem Satz der mit „Ich würde sagen…“ annehmen kann daß die nachfolgende Aussage auf einem Nachdenken über die verfügbaren Tatsachen oder Wahrnehmungen beruhen. In etwas mehr Worten „Nach Analyse der mir zur verfügung stehenden Informationen würde ich sagen…“. Wenn ich persönlich einen Satz so beginne dann ist das ohne jeden Vorbehalt, aber es mag schon sein daß manche Menschen mit dieser Phrase nur ihre Unwissenheit, Unsicherheit oder Unentschlossenheit verklausulieren.
              Andererseits werden auch – gerade in diesen Tagen – viele Sätze mit „Ich denke…“ begonnen und sind im weiteren Verlauf von ganz unverhohlener Ambiguität.

              • „Andererseits werden auch – gerade in diesen Tagen – viele Sätze mit „Ich denke…“ begonnen und sind im weiteren Verlauf von ganz unverhohlener Ambiguität.“

                Ein Satz aus der 3-Sterne-Küche.

                Ich glaube, die steile Karriere von „Ich denke“ im Neusprech unserer Tage hat etwas vom Pfeifen im Wald. Eigentlich ist die Welt viel zu verworren, um sie noch durchschauen zu können. Also ruft ein jeder, er habe seine Äußerung durchdacht. Es ist eine Sorte sprachmagischer Bannspruch, die Tatsachen möchten sich gefälligst dem Sprecher fügen.

      • Ah, stimmt. Das macht Sinn.
        noch ein anglizismus 😉

  3. Hier mal ein Bericht aus der Realität

    Studentin: „Ich glaube, das ist so nicht richtig.“

    Prof.: „Zum Glauben gehen sie bitte in die Kirche.“

  4. der spruch „ich denk mal“ tauchte massiv bei interviews mit professionellen balltretern auf…jeder der nach einem spiel,das mikro unter die nase gehalten bekam legte so gleich los mit….“ich denk mal…“
    obwohl ,wenn man mal auf das gerade beendete spiel zurück blickte,gerade dieser jener spieler eigentlich gar nicht den eindruck machte,überhaupt so etwas wie ein hirn zu besitzen….
    meine tochter(teenageralter) quasi das alter in dem man gerne mal sätze abkürzt…(weil zeit ja knapp ist)
    meinte im gespräch…“ich hab gedächtnis“…
    in anlehnung an horst schlämmer 😉 „ich hab rücken und kreislauf“
    so werden die wichtigsten themen auf das wesentliche reduziert
    ich sag ja auch gern mal..“ich hab knie,rücken,heizung und kein geld“

    • :)) Das ist prima, danke für die Beispiele. Insgesamt drängt Sprache zur Ökonomie, und das wird beschleunigt durch die raschen gesellschaftlichen Entwicklungen. Was zählt, ist die gelungene Kommuniktion. Dein Schlusssatz zeigt, wie kompakt du deine gesamte Situation abbilden kannst. Das hätten unsere Vorväter so noch nicht gekonnt.
      Deshalb sind die Bemühungen aller Sprachpfleger ob Sick, die Gesellschaft für deutsche Sprache oder sonstige Kleingärtner, grundsätzlich zum Scheitern verurteilt und in diesem Sinn albern. Sprache muss sich verändern, weil das Leben sich verändert.

      • wohl an…nur düngt mich der verdacht, das die personalchefs,bei denen sich unsere abgekürzten kinder/jugendlichen für eine ausbildungsstelle /job bewerben werden,der abgekürzten konversation noch nicht ganz mächtig oder aufgeschlossen sein werden 🙄

        so quasi ein lebenslauf wie folgt lauten könnte…
        „vor ein paar jahren geboren,kindergarten,grundschule und noch so eine andere schule,viel gechillt,will jetzt für knete weiterchillen,wegen stress mit den oldies“…

        oder höre hier…. http://www.youtube.com/watch?v=YPtkwDsKqaE

  5. Ach, Sandy… – Äh: sorry; ich habe gerade laut gedacht!

    Und übrigens sind die Schuhe des Herren an der Westerngitarre oder wie die heißt, mindestens sehenswert.

    Mit diesen völlig unqualifizierten Anmerkungen verbleibt

    Das Fossil

    • Ja, auf dieses Video hattest du ja seinerseit aufmerksam gemacht, in deinem Bloghäuschen Hausnr. 2. Es ist eines der schönsten Musikvideos, das ich kenne. Es hat eine witzige Story, stimmige Klamotten (hier gefällt mir besonders das rosafarbene Shirt von Klaas Janzoons (Violine)). Nahezu genial schauspielert der Aufnahmeleiter. Klasse, wenn er in die Box tritt, und es staubt, wenn er ins Mikro brüllt und sich danach kaum fassen kann, aber auch der subtile Blick, nachdem er den Stecker eingestöpselt hat. Von der Frau hast du ja schon geschwärmt.
      Übrigens ist die Homepage von dEUS sehenswert:
      http://www.deus.be/

      • Oha! Das haste Dir gemerkt (das mit dem „aufmerksam gemacht“) – cool!

        Stimme voll zu! Da ist vor allem nicht alles so verbissen und t(r)iefernst, die Herrschaften nehmen sich (mit sichtlichem Vergnügen) selbst auf die Schippe usw.

        Die Website kenne ich schon, i donk o scheen! War ich erst gestern wieder drauf (harhar: ich meine, auf der Site, hihi).

        Italienisches Temperament (Klischee Nr. 345)! Ach, Sandy… – Sorry (die sieht meiner Verflossenen Tatsache recht ähnlich, wie mir gestern wieder kam, und: nein, ich habe nicht ins Kissen geschluchzt!)!

        Gut wäre es, die Texte zu verstehen, verdammter Mist; das ist mir vor allem bei „The architect“ aufgefallen: mit so Linearübersetzungen ging gar nix, weil das echt poetische Sprache ist, voller Metaphern und Anspielungen usw.

        Na ja…

        Häff fann!

        Das Fossil

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