Der Wecker klingelt, und es ist die Lerche

Zum ersten Mal hat ihn das Fiepen des Weckers erfreut. Doch zuerst schreckte er hoch, saß senkrecht im Bett und wusste nicht ob Tag ist oder Nacht. Er hatte Zermürbendes geträumt. Es war nass und neblig draußen, obwohl es hieß, es sei Sommer. Trotzdem hatte ihn eine Endzeitstimmung erfasst. Er traf seinen Freund, den Professor. Sie beide waren mit dem Fahrrad unterwegs. Der Professor jedoch war im Aufbruch. Er würde schon am nächsten Tag in den sonnigen Süden fahren, sagte er eilig. Und wie er sich noch mühte, dem Professor hinterherzufahren, um wenigstens ein bisschen Sonne von ihm abzubekommen, entzog ihm die Aussicht auf einen nassen, nebligen Sommer in seinem Leben die Kraft, so dass der Professor ihm davonfuhr, nicht allerdings, ohne noch einmal freundlich zu winken.

Er bog ab, denn ihn rief die Pflicht. Vor ihm lag ein weitläufiges Gebäude, bestehend aus vielen miteinander verbundenen Flachbauten aus Beton. Dann fand er sich auf einem nackten Flur wieder. Vor ihm eine Tür, von der er nicht wusste wohin sie führte, doch ihm war klar, dass er sie öffnen müsste, denn es war sein Weg. Es war da seitlich jedoch eine kurze Treppe, und durch einen Türritz dort oben fiel ein Lichtschein. Er trat drei Stufen hinauf, da hörte er leise Stimmen, weshalb er sich zurückzog und die ihm vorbestimmte Tür öffnete. Vorher aber nahm er eine blaue niedrige Getränketüte auf, die im Treppenwinkel stand. Er drückte sie zusammen und sah, dass nichts Trinkbares mehr darin war, nur ein eingedickter Rest, den er entsorgen müsste. Eine Weile lief er elend lange, nackte Flure entlang. Trotzdem fand er keine Stelle, wo er die Getränketüte hätte absetzen können. Sie wurde ihm langsam ungenehm, denn er fürchte, ihr schleimiger Inhalt könnte ihm etwas anhaben. Plötzlich traten ihm Jugendliche entgegen. Sie waren aufgebracht und sprachen ihn an. Die Tüte beachteten sie nicht, sondern sie hielten ihn für einen, der ihnen helfen konnte, wenn auch nicht sofort, so jedoch durch Aufschreiben und Veröffentlichen.

Er aber wusste, dass er gar nichts tun könnte, bevor er die Getränketüte nebst Inhalt nicht losgeworden wäre. Sie klagten auch über Dinge, die ihm lästig waren, die er eigentlich nicht wissen wollte, denn es hieß, andere Jugendliche aus dem Ausland würden sich unmöglich benehmen, ja, eine richtige Bedrohung sein. Er dachte, in diesem Gebäude würde ich mich auch unmöglich benehmen. Nun müsste er also die ganze Geschichte rund um den Aufenthalt der Jungen recherchieren, von der er nur eine dunkle Ahnung hatte. Das tat er dann aber nicht, sondern freute sich, plötzlich eine Tür nach draußen zu finden. Er öffnete sie und stellte die Getränketüte einfach hinaus in den Nebel auf die nassen Terrassenfliesen. Und indem er noch aufatmete und dachte, um die Sache der Jugendlichen wollte er sich nicht mehr kümmern, weil sie ihm nur langweilige Arbeit abverlangen würde, fiepte sein Wecker, und er wusste nicht ob Tag ist oder Nacht. Draußen dämmerte es. Er müsste bald los, denn er war der Zeitungsbote.

Bei Tag besehen: Vor einigen Tagen schrieb ich, dass die Alliierten nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur das Printmedium in der Bundesrepublik auch öffentlich-rechtlich oder genossenschaftlich hätten organisieren können, es aber leider nicht getan haben. Unter der Überschrift „In der Dämmerung des Gutenberg-Zeitalters“ verweist Peter von Becker heute im Tagespiegel auf die Idee des Sozialphilosophen Jürgen Habermas, die er bei seinem Kollegen Neffe in der ZEIT wiedergefunden hat, „man müsse „bei einer ‚so systemrelevanten Branche’ wie der freien Presse künftig über „öffentlich-rechtlichen Printjournalismus“ nachdenken, zumindest über staatliche Subventionen wie beim Theater, bei Museen oder Autobahnen.“

Es ist hauptsächlich die Sorge um den Arbeitsplatz im Printmedium, die zumindest Peter von Becker durchblicken lässt. Das sei ihm zugestanden. Viel wichtiger ist, dass die Presse sich besinnt und sich fragt, ob sie noch überleben kann, wenn sie sich nicht unabhängiger organisiert. Denn hier ist das Printmedium dem basisdemokratischen Publikationsmedium Internet eindeutig unterlegen. Die aufgeschriebene freie Meinungsäußerung ist unabdingbar für das Überleben der Demokratien. Deshalb brauchen wir dringend eine bessere Lösung als die privatwirtschaftliche Presse. Könnten ausgewachsene Zeitungsredaktionen so frei agieren wie Blog-Autoren, hätten sie eine Kraft, vor der einem ganz schwindlig werden kann. Das würde unsere Republik ordentlich durchschütteln.

Die Auswirkungen und Folgen lassen sich nicht voraussehen. Voraussehen lässt sich jedoch, dass der Karren an die Wand fahren wird, wenn sich nichts Wesentliches ändert, und damit ist nicht nur der Handkarren des Zeitungsboten gemeint, liebe Kollegen vom Printmedium. Am besten treibt eben immer noch der Eigennutz voran, und in diesem Fall ist’s sogar prima. Man könnte fast sagen: Dankeschön für die Krise.

Vor allem müsst ihr euch viel stärker zum Anwalt der Kinder und Jugendlichen machen. Denn es ist ihre Zukunft, die wir gerade verzocken, – der graue Alptraum, den wir ihnen aufladen.

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