Abendbummel online – Genio Leibnitii und Enten

Der-Unschuldsbeweis

Ehrlich gesagt war mir nicht klar, dass ich eben am Leibniztempel gesessen habe, um zu schreiben. Also, man hat mich nicht etwa im bewusstlosen Zustand hintransportiert, sondern ich war schon aus eigenem Antrieb in den prächtigen Hannöverschen Georgengarten gefahren und hatte mich auf den Stufen des Tempels niedergelassen. Der Tempel erhebt sich auf einer erhöhten Halbinsel, und von dort hat man einen schönen Blick auf Baumgruppen, Wiesen und Teiche. Ich wusste eben nur nicht, dass der Tempel dem Mathematiker, Philosophen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz gewidmet ist, denn die angeblich angebrachte Inschrift „Genio Leibnitii“ hatte ich übersehen. Es schrieb sich dort jedenfalls leicht, und wäre nicht die Dame auf dem Fahrrad vorbeigekommen, stünde hier ein ganz anderer Text. Den auszuformulieren, muss ich leider verschieben, der Enten wegen.

Man stelle sich eine attraktive Frau mittleren Alters auf einem Fahrrad vor, schwarze Pumps an den Füßen, schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, schwarze Bluse, dunkle Sonnenbrille und eine perückenhafte Mähne aschblonder Schillerlocken. Wir haben keine Zeit zu erwägen, ob sie vielleicht einer Theaterbühne entsprungen ist, denn sie radelt schnell über den Weg heran und will den Leibniztempel umrunden. Im Vorbeifahren ruft sie mir zu:
„Die ganze Entengemeinde fehlt! Haben Sie die gegessen?!“
„Ich bin Vegetarier“, sage ich wahrheitsgemäß.
„Ich auch in solchen Momenten!“ ruft sie über ihre Schulter hinweg. Wie sie schon hinterm Säulenrund verschwunden ist, höre ich noch: „Wo sind die denn alle, nur Boris ist hier!“ Und ich heiße noch nicht mal Boris.

Auf dem Teich unten hatte ich zuvor durchaus Enten gesehen. Sie waren panisch über die Wasserfläche geschossen, weil zwei Hundebesitzer ihre Tölen hineingescheucht hatten. Wohin die Enten sich entfernt hatten, war nicht zu sehen gewesen, weil sie unter dichtem Laub verschwanden. Derweil ich mich noch frage, welchen Knoten Leute im Kopf haben, die gewisse Tiere sorgenvoll suchen und andere bedenkenlos verspeisen, hat die Frau den Tempel umrundet und schickt sich an, wieder in den Weg einzubiegen. Ich bin ihr noch ein bisschen böse, weil sie mich verdächtigt hat, rohe Enten zu verschlingen und frage: „Sind Sie die Entenbeauftragte?“
Darauf antwortet sie nicht, sondern ruft aufgeregt: „Die sind reviertreu, die müssten sich hier aufhalten, treue Freunde.“ Und schon hat der Park sie samt Fahrrad verschluckt.

Eine Weile saß ich noch schreibend auf den Stufen, hielt gelegentlich Ausschau, doch Enten und Entenbeauftragte blieben verschwunden. Vermutlich wurden sie von Hunden gerissen. Die haben schließlich auch Rechte, obwohl sie ja eigentlich nichts tun, wie jeder Hundebesitzer zu versichern weiß. Leider konnte ich das nicht verifizieren, denn ich bekam plötzlich ebenfalls Hunger, verließ den Georgengarten und scheuchte im Supermarkt ein paar wehrlose Tomaten auf.

Guten Abend

Teppichhaus-Musiktipp: Gotye – Coming Back

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