Nächtliche Betrachtung der Vokale

Zu Besuch bei einem Freund, Sprachkünstler und Poetry Slammer, der seinen Geburtstag feierte. Und bei Tisch sprachen wir auch über die Frau, die Herrn Köhler im Amt ablösen möchte, Gesine Schwan. Da fiel mir partout nicht mehr der Name ein der Universität in Frankfurt/Oder, deren Präsidentin Gesine Schwan von 1999 bis 2008 gewesen ist. „Irgendwas mit … adrina“, sagte ich, und derweil sich das Tischgespräch längst woanders hingemacht hatte, ging ich das Alphabet durch, setzte der Reihe nach jeden Konsonanten vorne an, kam aber trotzdem nicht darauf, denn ich hörte auf bei T. Meine Tischdame behauptete nämlich, die Universität heiße Theobromina. Dabei wäre der nächste Konsonant richtig gewesen V – iadrina. Viadrina ist Latein und bedeutet „die an der Oder gelegene“, woran sich zeigt, wie sperrig das Deutsche manchmal ist. Viadrina ist nicht nur erfreulich kurz, sondern klingt auch viel schöner als „die an der Oder gelegene“. In dieser Umschreibung ist zu erkennen, wie sehr das Deutsche vom Vokal e geprägt ist. „E“ – der häufigste Buchstabe in der deutschen Sprache, tönt nicht besonders, und deshalb mangelt es unserer Sprache an Wohlklang. Die Gewichtung der Vokale ist nicht nur im Lateinischen, sondern auch im Althochdeutschen anders. Das Althochdeutsche hat viele Wörter wie Gesang.

Wieso sich das Deutsche nach der Zweiten (hochdeutschen) Lautverschiebung von seinem Vokalreichtum verabschiedet und ausgerechnet das kaum tönende E favorisiert? Sprachtheoretisch lässt es sich in etwa erklären, aber interessanter sind die soziologischen Gründe. Der Vokalreichtum und Wohlklang in den Althochdeutschen Dialekten verschwand in der mittelalterlichen Finsternis. Spiegelt sein Schwinden vielleicht eine Veränderung im Lebensgefühl der Menschen? Legten sie das Singende ihrer Sprache ab, weil sie wenig Grund zu jubilieren, aber viele Gründe zu meckern hatten? Um herauszufinden, ob diese These haltbar ist, wäre ein alltagsethnologischer Vergleich nötig, und der ist eigentlich kaum zu leisten, weil jede historische Untersuchung einer weitgehend schriftlosen Kultur auf der Interpretation weniger Daten beruht.

MitlauterAn sich selbst kann man testen, wie der Mund sich stellt, wenn man die fünf deutschen Vokale ausspricht. Das I kommt einem Lächeln gleich, A öffnet den Mund zum Staunen, O und U runden ihn bis hin zum Kussmund, aber bei E, da stellen sich Mund und Lippen irgendwie indifferent, man könnte sagen, leidenschaftslos. Aus dem Singen und Sagen wird nüchternes Reden und Sprechen. Vielleicht sind unsere Vorfahren singend und sagend ins Mittelalter gerutscht, und als die nachfolgenden Generationen wieder hervorkamen, waren sie desillusioniert. Der moderne Mensch war geboren und strebte mit großen Schritten dem Rationalismus zu, was nur so schön tönt, weil es Latein ist wie eben auch Viadrina. Gesine Schwan, Viadrina, diese ruckende Auf und Ab der Vokale passt irgendwie gut zu ihrem Auftreten. „Gesine Schwan“, das ist wie ein Vorwärtshüpfen, während der Klang von „Horst Köhler“ eher ein Ducken zu versinnbildlichen scheint. Bei „Peter Sodann“ ist’s ähnlich: Ducken und Abnicken. Aber bitte, das soll keine politische Äußerung sein, sondern ist nur Vokalspielerei.

Ah, da kommt inzwischen das Dessert. Oder tönt der Nachtisch besser? Das spielt hier leider keine Rolle. Denn wenn es um Esskultur geht, orientiert sich der Deutsche lieber an den Franzosen, egal, wie’s klingt, nämlich irgendwie indifferent.

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