Plausch mit Frau Nettesheim – Kreatives Vergessen

trithemius & Frau NettesheimFrau Nettesheim
Huch, ganz hinten im Lager ist mir ein Mann mit Nudelholz begegnet.

Trithemius

Das ist unsere neuer Blogfreund Popanz. Der rollt das Teppichhaus quasi von hinten auf und gräbt dabei Texte aus, die ich schon längst vergessen hatte, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Muss eine schreckliche Erfahrung sein.

Trithemius

Überhaupt nicht. Indem er mal hierzu und dazu was sagt, lese ich die Texte auch wieder, und manchmal denke ich, könntest eigentlich mal wieder so was schreiben. Oder ich redigiere dran rum, weil ich manches nicht mehr gelten lassen kann.

Frau Nettesheim
Die Texte, die der Gnade des Vergessens anheim fallen sollten, sind glücklicher Weise im Giftschrank.

Trithemius
Für mich immer noch zugänglich. Das Lager vergisst ja nichts. Wussten Sie, dass manche Menschen genauso sind, Frau Nettesheim? Wer am hyperthymestischen Syndrom leidet, erinnert sich an jede Einzelheit sämtlicher Tage seines Lebens. Das las ich heute in der Süddeutschen und dachte sofort …

Frau Nettesheim
… ein Glück, dass ich so schussslig bin.

Trithemius
Genau, Frau Nettesheim. Das Vergessen ist ja nicht nur heilsam, es verhindert auch, dass der Aufmerksamkeitsfluss des Denkens immer durch dieselben ausgefahrenen Karrenspuren zockelt. Beim Vergessen wächst so eine Karrenspur wieder zu. Die Natur holt sich quasi ihr Terrain zurück. Und schon kann man hurtig querfeldein. Ich vermute schon lange, dass Kreativität etwas mit Vergesslichkeit zu tun hat. Wer ein bisschen querdenken will, darf ja nicht dauernd in Hohlwege fallen, die zurück zum Allgemeinplatz führen.

Frau Nettesheim
Ja, aber wenn in Ihrem Kopf jeden Morgen wieder Tabula rasa ist, bringen Sie Ihre Mitmenschen zur Verzweiflung.

Trithemius
Kaum, Frau Nettesheim, deshalb wurde ja das Aufschreiben erfunden. Dazu haben wir Zettel, Notizbücher, Archive und Bibliotheken. Man braucht nur ein effizientes Register, damit man im Bedarfsfall weiß, wo die Sachen zu finden sind.

Frau Nettesheim
Ich habe den begründeten Verdacht, dass Sie sich da was schön reden.

Trithemius
Keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Frau Dingenskirchen.

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12 Antworten auf Plausch mit Frau Nettesheim – Kreatives Vergessen

  1. so heißt das also, wenn man seione festplatte nicht neu formatieren kann hyperthymistisches syndrom – hat das was mit der thymusdrüse zu tun? oder eher mit altertymchen?

  2. Jetzt weiß ich auch, wozu du die ganzen Moleskins auf der Insel brauchst…

  3. Giftschrank – da hätt’ ich ja gern mal den Schlüssel ;)

    Bei meinem Gedächtnis ist da ein prima Filter eingebaut – schöne Bilder komischerweise nicht nur aus der Vergangenheit sondern ich hab’ auch welche aus der Zukunft entdeckt sind schnell zugänglich dauerhaft gespeichert – das ganze andere Zeug wird regelmäßig gelöscht aber leider gelingt es mir nur selten den daraus entstandenen Freiraum für Kreativität zu nutzen – anscheinend ist beim großzügigen Daten löschen eine dazu notwendige Anwendung beschädigt worden ;)

    • Da du zu den ältesten Blogfreunden gehörst, kennst du gewiss einige der Texte, die ich inzwischen Privat gestellt habe.
      Viel faszinierender als meinen Giftschrank finde ich deine Zukunftsbilder. Du siehst also Erinnerungen voraus? Das dazu notwendige Tool dürften außer dir nicht viele Leute haben.

  4. *lach*
    wie schön dieser dialog mit frau dingenskirchen wieder ist …

    ach du, meinst du an dieser einen stelle, dass wir deswegen immer wieder kreativ sein können, weil generationen später vieles wieder vergessen ist (auch mit diesen bucharchiven, die ja keine tags haben!)?

    grüssle
    vom ludi

    • Lieber Ludi, es ist ja alles schon einmal da gewesen. Einer meiner Kunstdozenten hatte einen Lieblingsspruch, mit dem er so ziemlich jeden Versuch abstrakter Malerei abbügelte: “Das hat Vasarely auch schon gemacht.” Zum Glück machte ich ganz andere Sachen und litt nicht darunter.

      Gewiss hast du mit deiner Vermutung recht.

      Schöne Grüße
      Jules

  5. Wenn ich so diese Pläusche mit Frau Nettesheim lese, freue ich mich wie ein Regenschirm auf den nächsten Regenschauer! Wie ein Spaten auf das nächste Loch, wie ein Karren (luftbereift) auf die nächste Furche! Wie Stefan auf Harry und Verona auf die Marke!
    Das spendet Heiterkeit in der Krisenzeit!

    So eine Hausdame ist doch ganz erquickend. Ich werde mal eine Stellenausschreibung schalten … wobei ich mir sicher nicht einmal annähernd eine derart niveauvolle Dame Helene leisten werde können. Es würde dann eher so eine ranzige Birne, Verzeihung, ich meinte unfreundliche Putze, äh, Raumpflegerin … Typ “Giftzwerg”

    Herzliche Grüße an Frau Helene
    verQuert

  6. na immerhin….
    vom blogwart zum blogfreund
    das is schon was
    na gut macht vielleicht nicht satt im bauch
    doch wärmt es das herz
    und laune sich mal wieder selbst auf die suche nach geistiger nahrung zu begeben…
    und wenn frau nettesheim nicht kochen kann,koche ich eben selber…
    so wie ich flohmärkte liebe,so liebe ich auch archive
    je länger man in jemanden hinein liest,desto weniger erlaubt man sich ein urteil…weil wenn einen etwas interessiert zählt nicht irgendeine statistik
    sondern nur die pure lust…
    …im puff und beim arzt zahlst du vorher…hier zahlst du mit emotionen…

    *auch wenn ich nicht alles kommentiere,ich lese immer noch

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