Kopfkino: Und außerdem trinken wir sowieso lieber Bier – Eine Geschichte aus alten Tagen

Theo und ich bogen in die Einfahrt der Genossenschaft und bestiegen die Rampe über das stirnseitige Treppchen. Wir gingen ins Büro. Theo sagte: „Du öffnest die Tür, und bumm…“, er schlug mir die Faust vors Brustbein, „…steht er da.“

Hinter der Theke stand Josie. „Hallo, Josie“, sagte ich.

   „Guten Tag, Leckerchen“, sagte Theo, du siehst ja wieder herzallerliebst aus. Und wie ihr heute das Büro herausgeputzt habt, Kompliment!“

Josie lächelte fein. Sie hatte ein jägergrünes Kostüm angelegt und war sorgfältig geschminkt, anders als so oft, wenn sie ihr Make-up eilig nur bis kurz unters Kinn gerieben hatte, so dass ihr schlanker Hals weiß vom Gesicht abstach.

   „Hallo, seid ihr auch eingeladen?“ fragte sie spöttisch und schob ein Herbstblumengesteck aus Theos Reichweite. Auf der Theke, wo sonst schwere Bauernhände mit Formularen hantieren, wenn sie Zuckerrüben angeliefert haben, lag jetzt eine weiße Tischdecke. Darauf standen Körbchen mit Brötchen und die Hauptsache, deretwegen wir gekommen waren, zu gefälligen Gruppen arrangierte Weinflaschen mit einer Kompanie artiger Probiergläschen. Die Genossenschaft wollte in den Weinhandel einsteigen und hatte zur Weinprobe geladen.

   „Ja, ja“, sagte Theo, „wir mussten kommen!“ Zu mir sagte er: „Du könntest jetzt einen Sack Hühnerfutter in die Ecke stellen…“

   „Willst du Hühnerfutter?“ fragte Josie erstaunt.

   „Nö“, sagte Theo, „ich hab‘ doch keine Hühner. Es geht um den Geruch, der hier steht.“ Er schnüffelte. Josie sagte: „Na, erlaube mal, Theo!“

   „Nichts gegen euch. Das ist wie der Lärm der Autobahn, wenn du über die Felder gehst, und der Wind kommt von Westen. Du siehst alle möglichen Autos durcheinanderfahren. Aber es steht immer ein gleichförmiges leises Grollen in der Luft, absolut konstant.“

   „Na und?“

   „Hier im Büro hängt immer der gleiche Futtermittelgeruch, egal, was ihr gerade am Lager habt. So süßlich, staubig, mit einer Erinnerung an warme Erde und Dung. Man denkt an sonnendurchflutete Speicher mit Holzgebälk und tanzende Staubteilchen vor der Dachluke.“

   „Mein Gott!“ sagte Josie und zog einen Flunsch. Sie hatte sich bestimmt irgendwas Wohlriechendes hinters Ohr getupft, und es gefiel ihr gar nicht, was nach Theos Meinung die vorherrschende Duftnote in ihrer Nähe sein sollte. „Du bist ein Esel, Theo“, sagte sie.

Draußen wurde es laut. Die Tür flog auf. Zwei Bauern und mein Onkel Josef polterten herein. Sie brachten eindeutig Mistgeruch mit, das Zeug klebte dem einen offenbar im Stiefelprofil. Doch im Nu verschmolz der Gestank mit dem olfaktorischen Grundton und verschwand, bevor die drei noch: „Tach zesamme!“ gerufen hatten. Es  war ziemlich erstaunlich, wie Theos Theorie auf’s Feinste bestätigt wurde. Gleichzeitig kam Josies Chef aus dem Lager herüber. Sein Geruch, sollte er einen speziellen besitzen, fiel überhaupt nicht auf. Er mußte ja auch schon vorher dagewesen sein. Josie hatte mal erzählt, er benutze Hattric-Rasierwasser, um ihr zu imponieren.
  
   „Aha, da kommen die großen Zylinder!“ sagte Theo.
   „Na, ihr Helden!“ rief Onkel Josef.
   „Wo et jett ze suffe jitt, do seid ihr de ierschte!“ sagte Jönne Jupp.
   „Wo es etwas zu trinken gibt, da seid ihr die ersten!“ verbesserte Theo.
   „Ne, ihr!“

Es wurde laut im Büro der Genossenschaft. Josie zog ein paar Korken, und Wein schwappte in Gläschen, wurde aber kaum berochen, wenn man ihn vor der Nase hatte, sondern sogleich gekippt. Wir probierten alles, was kam, ohne dass einer darauf achtete, was es war. Wie aus Höflichkeit sprach man vom Trinken, aber eigentlich wurden nur Biertrinker-Geschichten erzählt. Onkel Josef gab zum besten, was er in den 50er Jahren mit seinem allerersten VW erlebt hatte:

    „Ich kannte da so ne Schützenbruder aus Oekoven. Der meint zu mir: ‚Nächste Woch‘ han mir Kirmes, kumm doch ens vorbei!‘ Also fuhr ich am Sonntagmorgen mit meinem neuen VW hin und ging ins Festzelt. Wie ich da nachts um zwei rauskam, war ich sternhagelvoll. Ich weiß noch, dass mir einer das Auto gedreht hat, weil ich das nicht mehr konnte. Dann setze ich mich rein und fahre los. Immer schön langsam. Auf einmal ist da hinter mir ein Paar Scheinwerfer. Ich fahr  hart an den Straßenrand und nehme den Fuß vom Gas, damit der vorbeikonnt. Tat der aber nicht. Ich denk‘: ‚Du Doll, warum üverhollste net? Dann soll et mir och ejal sin.‘ 

Der blieb die ganze Zeit hinter mir. Wie ich vor meiner Haustür ankam, war ja die Garage von innen verriegelt. Ich steige aus und gehe rein, um vom Hof aus das Garagentor aufzumachen. Da komme ich durch die Küche und setzte mich mal eben auf ’nen Stuhl. Auf einmal klingelt es an meiner Haustür Sturm. Stehen da zwei Schutzmänner. Sagt der eine: ‚Hür ens. Dat du im besoffene Kopp mit dem Auto von Oekoven nach Nettesheim gefahren bis, is die eine Sache. Aber dat du deinen VW bei laufendem Motor heä mitten op de Stroß stellst und dich schlafenlegst, dat jeht zu weit!'“

Onkel Josef lachte scheppernd, und wir stimmten ein.

   „Darauf trinken wir noch einen, was, Hans?“ rief einer der Bauern und hieb Josies Chef die Schulter aus dem Anzug. Der aber dachte, dass er seiner Rolle als Weinverkäufer noch nicht gerecht geworden sei und ließ Josie einen Ahrwein dekantieren und in unsere Gläschen füllen. Als wir alle bereit waren und durchaus eingestimmt, seinen Sermon zu hören, da hob er das Glas und deklamierte: „Dieser Wein in Ihrem Glase passt am besten zu Wild, besonders zu Hase.“

Wir murrten dazwischen, denn wie sollten wir das jetzt beurteilen. Er aber ließ sich nicht beirren und rief: „Hasenessen ist ein herrliches Essen! Ich selbst habe noch nie einen Hasen gegessen! Aber mein Bruder, der hat mal neben einem gesessen, der hat einen Hasen gegessen. Also Prost!“

Wir waren jetzt so guter Dinge, dass die Verbrüderung aller Anwesenden kurz bevorstand. Und ich spekulierte besonders auf die Verschwisterung mit Josie. Seit einiger Zeit blieb sie nämlich auffällig oft in unserer Nähe und füllte mein Gläschen immer zuletzt, was ein gutes Zeichen war. Ich hatte schon auf der Zunge ihr zu flüstern: Komm, lass uns Josie zueinander sagen!

Theo musste leider alles verderben. „Lichtenberg berichtet“, sagte er laut, indem er sein volles Gläschen ins Licht hob und die Farbe des Weins begutachtete, „von einer interessanten Angewohnheit des Herzogs von X. während seiner Südseereise…“

Wir starrten ihn an. Was war das jetzt? „Lichtenberg berichtet…“, so fängt man doch bei uns keinen Satz an. Die Bauern scharrten unruhig mit den Füßen. Sie witterten offenbar einen Anschlag auf gewisse jungfräuliche Zentren ihres Geistes, den unverschämten Versuch, nie benutzte Ganglien ihres Gehirns zu deflorieren und grummelten „Studenten“ und andere Schimpfwörter. Theo blieb unbeeindruckt: „Immer wenn diesem Herzog ein paar Insulanermädchen zum Gebrauch zugeführt wurden, ließ er sich von ihrem Urin zu kosten geben, bevor er sich für eine entschied.“

Etwas knallte. Josie hatte den Korkenzieher auf den Tisch geworfen und funkelte Theo wütend an. „Was meint ihr“, fuhr er ungerührt fort, „ob der Herzog zwischendurch so ein Brötchen geknabbert hat?“

Josie schnaubte verächtlich und wandte sich neuen Gästen zu. Von nun an würdigte sie uns keines Blickes mehr.
 
Bald darauf traten wir vor die Tür. Die Luft des späten Samstagnachmittags stand ruhig, kühl und fest. Wir rannten mit den Köpfen dagegen. Theo sah schwankend auf das hochragende, klotzige Silo der Genossenschaft zurück und lallte:  „Das hier ist die beste Weinhandlung in unserer Gegend!“

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