4. Interaktive Lesenacht – Fünf – IN ARTE VOLUPTAS

Licht? Bitteschön. Du liebe Zeit! Jetzt schau sich einer das Meer von prächtigen Regalen an! Und oben auf der Galerie noch mehr davon! Hier lagern die gebundenen Ausgaben von fast einhundert Jahren der Wochenzeitschrift “IN ARTE VOLUPTAS“. Das sind beinah 5200 Exemplare, kaum zu fassen. Ach ja, die Zeit des Nationalsozialismus muss man abziehen. Die älteren Bände, die wir uns zuerst ansehen sollen, stehen oben auf der Galerie. Meinst du, der wurmstichigen Holzstiege ist noch zu trauen? Am Ende hat Coster sie mit seinem schweren Tritt zermürbt, und wir geben ihr dann den Rest, wenn wir grad oben sind. Ich mache am besten mal ein Fenster auf, die Luft ist so stickig. Dann kann ich auch gleichzeitig eine aus dem Fenster rauchen. Du kannst dich ja inzwischen ein bisschen in den Regalreihen umsehen und deine Ich-war-hier-Marken im Staub zurücklassen.

Also, Coster hat mir erzählt, dass vom 15. November 1908 an, also genau einhundert Jahre zurück, eine Reihe seltsamer Texte in der Zeitschrift erschienen sind, unter der Rubrik „Kuriose Phantasien eines Gestrandeten“. Da schreibe jemand über seine angeblichen Erlebnisse, die hundert Jahre in der Zukunft liegen. Den Redaktionsunterlagen sei zu entnehmen, dass ein Korrespondent namens Julius Trittenheim … ja, ich pass schon auf, dass ich hier nicht zündele. Ich finde übrigens erstaunlich, wie lange die Papierarchive ihre Informationen bewahren. Wenn nicht Wassereinbruch oder Feuersglut mit anschließendem Wassereinbruch aus Feuerwehrschläuchen sie zerstört, kannst du nach hundert Jahren noch alles lesen. Das Papier ist erstaunlich gut erhalten, wie du siehst, und die Zeitschrift ist prächtig gedruckt, obwohl man anfang des 20. Jahrhunderts noch Probleme mit der Druckfarbe Gelb hatte. Die digital gespeicherte Information geht viel rascher verloren. Ich habe beispielsweise Mitte der 80er Spiele für den Atari XL geschrieben. Inzwischen habe ich kein funktionierendes Gerät mehr, also kann ich mir die Spiele nicht mehr anschauen. Die Programm-Listings, die auf Papier ausgedruckt in einer Zeitschrift erschienen sind, habe ich natürlich noch. Buchprinz Frieling kämpft derzeit mit seinem Rechner und versucht Daten zu retten, die noch viel jünger sind. Hoffentlich klappt’s.

Jedenfalls hat die Redaktion eine Weile darüber beraten, und dann haben sie Trittenheims Kolumne in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht, denn seine Berichte waren ziemlich skurril. Doch damit man den Hauptredakteur nicht des Irrsinns beschuldigte, setzten sie diesen für Trittenheim unerfreulichen Titel drüber. Und das Verrückte war, Trittenheim beschwerte sich per Rohrpost und behauptete, er habe die diskriminierende Überschrift gelesen und forderte eine Änderung. Er will hier im Archiv all seine Kolumnen gefunden haben. Ja, und eine davon hat Coster letztens entdeckt. Er hat mir beschrieben, wo wir sie auf der Galerie finden können.

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0 Kommentare zu 4. Interaktive Lesenacht – Fünf – IN ARTE VOLUPTAS

  1. ich glaube, das ist mir einfach zu viel lesestoff für den moment – vielleicht kann ja mal einer helfen. zu mehreren kannmandas hier etwas schneller sichten. und außerdem hätt ich gern noch ein paar chips

  2. Oh, das gefällt mir…

    archiv

    Hier bleibe ich einige Tage, ich bin ja „bei der Geburt ins Papier gefallen“. So viel Papier, da bin ich wie zu hause.

    Ich vergesse, dass ich Hunger und Durst habe. Aufs WC sollte ich auch, aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Wo wollen wir anfangen?

  3. Du willst hier rauchen? Anna Amalia schon vergessen?

  4. Also, ich hab mich schon mal auf allen oberen Regalen umgesehen, bin hinter den Buchreihen durchgehuscht und habe erstmal die alte Redaktionsmaus gefunden, sie liegt mumifiziert hinter I-IV/1905. In ihrer linken Vorderpfote ein Stück isländischer Trockenfisch…

  5. Allein der feucht-modrige Geruch der alten Papiere macht süchtig …

    • Dieser Geruch ist wirklich wie eine Droge, Du hast recht, macht süchtig und glücklich.

      Wenn ich die Augen schließe, kommen viele Erinnerungen und Bilder, wie im Kino oder eher noch, wie im Traum.

  6. Ja, die digitalen Informationen. Ich frage mich oft, was wohl passieren würde, könnten wir aus irgendeinem Grund keine Rechner, kein Internet mehr nutzen. Dann würde es wieder überall leise zu rascheln beginnen, – wie hier.

    Pass‘ auf mit der Glut!

  7. ich bin nicht nur hier! sondern auch DADAbei!

  8. Ciao, Leute, ich mach mich auch vom Acker. Viel Spaß noch, war nett mit euch zu wandern und zu plaudern.

  9. schnauff schnauff ist noch jemand hier, man bin i gerannt 🙂

  10. In der Tat, Herr Trittenheim: Du rauchst zuviel!!!

    Die Berichte waren nicht skurril – die Wirklichkeit war es…

    Ach!

    Dino (Auskenner)

    • Ja, unzweifelhaft. Ich hoffe das in den Griff zu kriegen, wenn ich einmal gut in Hannover gelandet bin und mehr Ruhe habe. Man kann halt nicht alles auf einmal schaffen.

      • Ich wünsche Dir in jedem Fall ’ne gute, „weiche“ Landung und so; und übrigens ist Hannover nicht gar so weit weg wie Aachen, so dass man sich ja so 2012, 2013 vielleicht mal leibhaftig erscheinen könnte…

        (… Du weißt schon: muahaha… usw.)

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