Kopfkino – Moderne Zeiten auf der inneren Bühne

Was heißt hier, wir müssen in fünf Minuten auf Sendung? O Gott, wie peinlich. Ich habe noch gar keinen Text. Nein, es liegt nicht an meinem Hang zur Prokrastination, es liegt am Wetter. Das ist heute irgendwie lähmend. Es geht kaum Wind, die Bäume stehen starr, als wüssten sie nicht, ob sie die Blätter noch halten sollen, und die Töne draußen werden in der schweren Luft so seltsam moduliert, dass die ganze Welt unwirklich erscheint.

An solchen Tagen habe ich mich schon immer unwohl gefühlt, denn bei dieser Stimmung spazieren tausend Gedanken über meine innere Bühne, aber ein richtiges Stück wird nicht aufgeführt. Es bleibt nichts als den Gedanken zuzusehen, wie sie auf der einen Seite aus der Dekoration kommen, um auf der anderen hinter dem Vorhang zu verschwinden. Ja, und nicht alle Figuren sind erfreulich anzusehen, und die übelste, dreckigste, erbärmlichste Gestalt, die sich immer wieder auf der Bühne zeigt, heißt Krise. Man kann sie kaum noch ansehen, denn sie wird mit jedem Durchlauf schäbiger. In ihrem Gefolge hat sie eine stetig anwachsende Horde von feixenden Halunken, die sich eitel in die Brust werfen. Sie alle sind in feines Tuch gehüllt. Dahinter kommt der Pulk ihrer Dienstboten, deren Hauptaufgabe es ist, das Lied ihrer Herren zu singen. Das sind Politiker, Journalisten, Wirtschaftswissenschaftler und Werbestrategen, einer so peinlich anzusehen wie der andere.

Ab mit dem Pack. Wir rufen Szenen aus alten Slapstick-Filmen auf. Viele davon entstanden in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise. Entsprechend wüst geht es darin zu. Die meisten Konflikte werden mit einem kräftigen Arschtritt gelöst. Was ist? Auf der inneren Bühne gibt es keine Zensur. Herr Inspizient, Sie dürfen das Krisenpack jetzt wieder auf die Bühne lassen. Mentale Arschtritte können sehr befreien.

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0 Kommentare zu Kopfkino – Moderne Zeiten auf der inneren Bühne

  1. …wir müssen in fünf Minuten auf Sendung? O Gott, wie peinlich. Ich habe noch gar keinen Text…“

    Manchmal träume ich solche Geschichten, das interessante, meistens finde ich eine Lösung oder kann „Sachen“, die ich im richtigen Leben gar nicht kann. Aber dann ist der Traum schon vorbei, der Wecker oder der Hund weckt mich.

    Das normale Leben fängt wieder an und ich brauche einen Text.

    poc

  2. …wir müssen in fünf Minuten auf Sendung? O Gott, wie peinlich. Ich habe noch gar keinen Text…“
    sagte der Wirtschaftsexperte, als er das Mikro vom ARD sah …

    • Die Experten haben sich inzwischen formiert und einheitliche Sprechblasen gefunden. Keiner dieser neoliberalen Vasallen der Bankerboys vergisst zum Beispiel in Talkshows auf die Unmoral von Hartz-IV-Empfängern hinzuweisen, sie sich ja allesamt Leistungen erschleichen. Moral sei nicht teilbar, weshalb alle umdenken müssten.

  3. Völlig unqualifizierter Beitrag, aber a propos „innere Bühne“: ich hätte da gern ’n Zimmer, im alten Bahnhof von Trittenheim

    • Ja, muss auch mal sein.
      Ein schönes Foto hast du mir gesandt. Vielen Dank. Ich bin eben durch alle Räume gegangen und habe auch aus allen Fenstern geschaut. Tatsächlich stehen einige Zimmer leer. Im Turm gibt es eine sonnige Studierstube.

      • Mehrere Doktoren der Zerebraldynamik meldeten mir doch rück, ich würde zuviel reden: geht auch ohne Worte!

        „Turm“ ist mir aber zu hölderlinguistisch – so größenwahnsinnig bin ich denn doch nicht…

        Habe Er ein rekreatiefsinniges Wochenende

        Der alte Dino

  4. Was regste dich auf – Bestätigt doch nur die alte Erkenntnis:

    Geld verdirbt den Charakter + Geld regiert die Welt=
    kaputter Charakter + Macht = erfolgreicher Politiker, Banker etc.

    Also gut zielen und kräftig zutreten, wenn alle mitmachen kriegen wir ne neue Formel:

    kaputter Arsch = Politiker, Banker etc. = Mondmänchen*

    hoffe die Ärsche fliegen soweit und landen nicht wieder unter uns :>

  5. huch, hilfe! jules! wieviel minuten sinds nun noch? eine stunde könnten wir ja noch erobern , des nachts, wenn das publikum schläft… :>>

    … ach, was, lieber jules! ich mach uns erst einmal nen tee…

    http://de.youtube.com/watch?v=YAlGk6NKZHI

    „gelassen und smart warten“ ist nicht nur ein cd-titel der band keimzeit 😉

    ein ruhiges und erholsames wochenende wünsche ich dir!

    liebe grüsse aus der mühle,
    jenne

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