Kopfkino – Coster erklärt, wozu der Herbstwind gut ist

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Gelöschte Pixel – Foto: Trithemius

Mit Herbstmelancholie habe er keine Last, behauptete Coster. Der dubiose Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen schaute aus dem Fenster hinüber auf den kleinen Park. „Ich mag es, wenn die Bäume sich biegen und vergeblich vor dem Sturm verneigen, der ihnen mitleidslos die Blätter raubt. Und wie er den Regen waagerecht mitreißt und zerstäubt, das lässt mich angenehm schaudern.“
„So schwärmerisch kenne ich Sie gar nicht“, sagte ich. „Das würden Sie anders sehen, wenn Sie nur eine nasse Parkbank hätten und Ihnen der Regen die Zeitungen durchweicht, mit denen Sie sich bedeckt halten.“
„Natürlich“, murmelte er und wandte sich vom Fenster ab. „So lange ich kein Leben als Berber führen muss, erlaube ich mir, den Herbst zu lieben. Da stehe ich morgens auf und weiß nicht wo anfangen vor lauter Schaffensdrang. Früher habe ich die Zeit auch gern in der Institutsbibliothek verbracht. Denn gibt es eine bessere Gesellschaft als ein kluger Geist, der zwischen Buchdeckeln wohnt? Du klappst das Buch auf, und Blatt für Blatt spricht er zu dir. Wusstest du, dass das Umwenden der Seiten in Tibet als wesentlicher Bestandteil des rituellen Lesens gilt? Die Tätigkeit ist ein Teil der Verbalisierung.“ Coster verstummte und sah wieder hinaus. Dann sagte er leise: „Bei Rudolf Arnheim habe ich schöne Verse von der amerikanischen Dichterin Denise Leverton gefunden:

And as you read
The sea is turning its dark pages,
Turning
Its dark pages.

Arnheim schreibt, das Bild gebe den Seiten eines Buches einen Beiklang elementarer Naturkraft und verleihe den Meereswellen eine Art Leserlichkeit.
„Was lesen Sie in den Wellen, die der Wind über das Laubwerk treibt?“
„Sie machen mich demütig“, sagte Coster. „Ja, der Herbst lehrt mich jedes Mal die Macht der Natur, denn sie kommt so ungestüm daher, dass dich ihre Botschaft überrollt. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie Pflanzen sehen? Ihre Blätter sind wie Augen. Allerdings ist ihr Sehen vermutlich ein langsames Betrachten. Die Buchen dort drüben, als im Frühling ihre empfindlichen Blätter grünten, nahmen sie mit Licht und Schatten ihre Umgebung wahr, und nach und nach prägte sich ins Laub ein Abbild der Hangwiese, der Straße, der Hausreihe hier gegenüber – wie auf ungezählte photographische Platten.“
„Das Abbild wird dann wohl Pixel für Pixel ausgewischt, wie die Blätter fallen.“
„Ja, metaphorisch gesagt: Die Bäume verschließen die Augen vor der Welt, gehen in sich und hoffen auf ein besseres Bild im nächsten Frühjahr. Falls du wirklich hier wegziehst, Trithemius, ist schon ein Anfang gemacht.“
„Zumindest werden Sie dann nicht mehr hinter meinem Fenster stehen und romantische Ideen in die Bäume hineindeuteln, Coster.“
„Mich sehen sie nicht, ich bin nur ein Hauch.“
„Ein Hauch, der meinen Kaffee wegsäuft.“

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