Sonntagstour – Von unten – von oben und mittendrin

Gestern Abend wollte ich noch etwas einkaufen, fragte mich, ob ich die Kamera mitnehmen sollte und ließ sie liegen. Als ich vors Haus trat, kam ein grauhaariges Paar daher. Die beiden waren gleich groß, – eher klein – und von Kopf bis Fuß gleich gekleidet. Sie hatten sich gegen Nebel und Nässe in grün-beige gestreifte Anoraks verkrochen, trugen braune Kordhosen, gingen in hohen braunen Schuhen und führten je einen kleinen Hund an der Leine. Ich sah dem symbiotischen Gespann noch eine Weile hinterher und dachte „Mist, bis ich die Kamera geholt habe, sind sie garantiert durch ein schwarzes Loch in eine Gegenwelt gerutscht, in der jeder mit seinem Spiegelbild herumlaufen muss.“ Jetzt gibt es leider nur eine Beschreibung und kein Bild von den beiden, denn ich hatte gegen die goldene Reporterregel verstoßen, dass man nie vorher zu wissen glauben sollte, was man sehen oder hören wird. Allerdings kann ich dich auf diese Weise ein bisschen beschummeln. Auf einem Foto hättest du sehen können, dass die Hunde nicht derselben Rasse angehörten. Der eine war ein kleiner Schäferhund, der andere ein Pinscher. Und sie trugen nur ihr nasses Fell durch die Gegend. Die grün-beige gestreiften Mäntelchen waren vermutlich gerade in der Wäsche.

Von unten höher als von obenOft denke ich, dass man die besten Alltagsfotos nicht machen kann. Meist gelingt nur der zweitbeste Schnappschuss, denn die Welt ist viel zu rasch. Heute stand ich hingegen eine Stunde an, um mit einer Hebebühne über die Dächer der Aachener Karmeliterhöfe hinaufzufahren, hatte vorsorglich die Kamera bei mir und nahm die langsame Fahrt versehentlich hochkant auf. Nach dem Drehen des Clips ist die Datei viel zu groß, so dass es von dieser Himmelfahrt vorerst nur eine Gif-Grafik gibt. Sonst hätte man noch besser sehen können, dass die Höhe von unten schlimmer wirkt als von oben. Schwindelig wurde mir nur vom Boden aus, beim ersten Hochschauen. Der junge Mann, der die Hebebühne vom Drahtkorb aus steuerte, war eigentlich Tischler von Beruf und wunderte sich, dass man für die Bedienung der Hebebühne nicht einmal einen Berechtigungsschein braucht, anders als für eine Kreissäge. Von der Fahrt in 26 Meter Höhe habe ich nicht viel mitbekommen, denn ich war damit beschäftigt, im schwankenden Korb die Kamera ruhig halten. Es ist eigentlich ein Unding, die Welt durch ein technisches Gerät zu betrachten. Indem du es zwischen die Umwelt und dein Auge schiebst, beschränkst du deine Wahrnehmung auf einen Bildausschnitt. Freilich könntest du auch nicht ohne technisches Gerät in die Luft. In diesem Sinne sind Hebebühne und Kamera spezielle Erweiterungen des menschlichen Körpers, und der Preis dafür ist, dass sie dir ihre Bedingungen diktieren.

einmal-rauf-und-runterManchmal wünsche ich mir eine permanent einsatzbereite Kamera, die meinen Blicken folgt und sich mit einem Augenzwinkern auslösen lässt. Sie wäre jedoch vermutlich eher Fluch als Segen, denn ich würde das technische Gerät wie ein Sklave bedienen, und zwar nur, weil es da ist und meinen Bilderhunger anstachelt. Ich wäre ständig unterwegs, um gute Bilder zu machen und würde vergessen zu leben. Jedes technische Medium fordert Inhalte. Das gilt auch für ein Weblog. Du könntest wer weiß was tun, sitzt aber an Tastatur und Bildschirm, füllst das Internet mit Text und Bild oder liest und betrachtest diesen Abklatsch der Welt. Da ist es ganz heilsam, manchmal eine Schreibhemmung zu haben, die Kamera zu vergessen oder eine luftige Fahrt versehentlich hochkant aufzunehmen.

Gif, Foto: Trithemius;
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