Unnötig groBer Rucksack – Das Eszett wurde aufgepumpt

Vor Jahren stand ich einmal in einem Baumarkt und fragte mich, was wohl eine FuBluftpumpe so alles kann, zumal ich nicht wusste, was ein aufpumpbares FuB überhaupt ist. Die Abbildung auf der Verpackung ließ jedoch vermuten, dass sich im Karton eine Fußluftpumpe befand, die vermutlich in China hergestellt worden war, wo man das deutsche Eszett nicht kennt. Und sie war auch nicht dazu gedacht, einen Fuß aufzupumpen, sondern konnte mit dem Fuß betätigt werden. Hier war dem ausländischen Hersteller allerdings eine tadellose Neubildung aus „Fuß“ und „Hub“ gelungen. So produktiv kann ein Druckfehler sein.

Das Eszett ist in jungen Jahren ein Doppel-S gewesen. In der damals verwendeten Frakturschrift, aber auch in der Antiqua, gibt es zwei verschiedene Formen des „s“, ein langes (es sieht fast wie ein kleines f aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugraphischen Gründen, weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Heraus kam die Ligatur „ß“, auch „scharfes S“ oder „Rucksack-S“ genannt.

Ligaturen sind zwei Buchstaben, die in der Bleizeit zusammen auf einen Kegel gegossen waren, weil sie in der Orthographie häufig zusammen auftreten. Ligaturen wie „ß“, „ch“ oder „ck“ erleichterten das Setzen mit der Hand, sie sparen einen Griff ein.

Irgendwann, als man noch Fraktur druckte und Kurrent schrieb, wurde das Eszett verlesen. Das heißt, man sah in den Resten des runden „s“ in der Ligatur ein „z“. Der Name Eszett für den Buchstaben „ß“ ist also ein volksetymologischer Irrtum. Das Eszett ist ein Kleinbuchstabe. Bei ausschließlicher Großschreibung von Wörtern oder Eigennamen wird es wieder zu dem, was es einmal war, dem Doppel-S. Um einer Verwechslung von Wörtern wie Masse oder Maße vorzubeugen, gilt die Regel, „SZ“ oder „SS“ zu schreiben, also: „IN MASZEN GENOSSEN“ oder „IN MASSEN GENOSSEN“. Da solche Fälle selten auftreten und auch kein deutsches Wort mit einem „ß“ beginnt, erübrigt sich ein großes Eszett. Schwierigkeiten bereitetet nur die Schreibung von Familiennamen wie „Eßer“ mit Großbuchstaben oder Kapitälchen.

Grosser-DudenIm Jahr 1960 erschien in Leipzig „Der große Duden“ mit einem Fehler auf dem Buchtitel: DER GROßE DUDEN. Im Regelteil der Ausgabe steht: „Das Schriftzeichen ß fehlt leider noch als Großbuchstabe. Bemühungen, es zu schaffen, sind im Gange.“ Die Schreibung „GROßE“ war demnach der Versuch der Leipziger Dudenredaktion, die angeblichen Bemühungen um ein großes „ß“ als Ergebnis vorwegzunehmen, war also ein Eingriff in die amtliche Schreibweise. Ähnlich arrogant verfuhr einst auch die Mannheimer Dudenredaktion, indem sie der Stadt Cuxhaven die Eindeutschung „Kuxhaven“ verpasste (14. bis 16. Auflage), obwohl Städtenamen nicht den amtlichen Regeln unterliegen. Über Änderungen der Städtenamen entscheiden nur die Stadträte.

Dieses Recht nahm sich der Neußer Stadtrat am 21.11.1968 und beschloss die Änderung von „Neuß“ in die Schreibweise „Neuss“. Kurioser Weise gab ein Designkonzept den Anstoß: Der Werbegrafiker Herbert Dörnemann hatte ein Logo für die Stadt entworfen, das „Nüsser N“. Es war aus fünf Kreisen konstruiert und entsprach damit den fünf Buchstaben von NEUSS in Majuskelschrift. In Groß- und Kleinschreibung hatte Neuß aber nur vier Buchstaben, was die Symmetrie des Entwurfes zerstört hätte. Mit einem 4-seitigen Schreibmaschinenskript „Zur Konzeption des einheitlichen Erscheinungsbildes der Stadt Neuss“ gelang es Dörnemann, den Stadtrat auf seine Idee einzuschwören. Der Name der Stadt sollte in Schrift (Helvetica), Schreibweise (NEUSS, Neuss) und Logo (Nüsser N) nur noch einheitlich auftreten.

Der Neusser Stadtrat entledigte sich damit einer deutschen Schreibweise, die zur Hypothek geworden war. Für die Stadt mit großem Rheinhafen und wachsenden internationalen Geschäftsbeziehungen war das deutsche Eszett in „Neuß“ eine zunehmende Belastung. Wie sollten denn die ausländischen Handelspartner den Namen der Stadt korrekt schreiben, wo doch das „ß“ im Typenvorrat der Schreibmaschinen und Setzkästen anderer Länder fehlte? Manche fanden die elegant wirkende Lösung, ein kleines griechisches Beta zu setzen, andere schrieben grob „NeuB“, da dem „ß“ nicht anzusehen ist, dass es einen scharfen S-Laut wiedergibt. So taten die Neusser dem Ausland und sich selbst einen Gefallen. Denn nach Auskunft der Neusser Stadtverwaltung haben auch die Neusser Bürger die „neue Schreibweise der Stadt Neuss mit zwei ’s'“ „schnell“, „dankbar“ und „froh“ aufgenommen. So einfach kann man eine Orthographiereform machen und die Bürger dankbar froh stimmen, – wenn geschäftliche Interessen vorliegen.

Mit der jüngsten Orthographiereform ist das „ß“ in Bedrängnis geraten. Zu einer radikalen Tilgung des Buchstabens konnte sich die Reform-Kommission nicht durchringen, obwohl es den Schweizer Vertretern gewiss gefallen hätte, denn in der Schweiz wird das Eszett nicht verwendet und offenbar auch nicht vermisst. Die neuen Regeln sehen bei vielen Wörtern, die lange Zeit mit ß geschrieben wurden, das Doppel-s vor. In Texten fällt besonders die neue Schreibung der Gliedsatzkonjunktion „dass“ auf. Über die weitere Verwendung des „ß“ herrscht große Unsicherheit, und es wird auch dort getilgt, wo es eigentlich noch geschrieben werden sollte. So sieht man oft die falsche Schreibweisen „Grüsse“ oder „heissen“, obwohl die Regel besagt, dass nach langem Vokal und Diphthong weiterhin Eszett geschrieben werden soll, also „Grüße“ und „heißen“.

Im Juni 2008 frohlockte der TAGESSPIEGEL: „Die letzte Lücke im deutschen Alphabet ist geschlossen – zumindest technisch. Das ß gibt es nun auch als Großbuchstaben erstmals verankert in den internationalen Zeichensätzen ISO-10646 und Unicode 5.1. Es hat dort den Platz mit der Bezeichnung 1E9E. Das bestätigten das Deutsche Institut für Normung (DIN) und die Internationale Organisation für Normung (ISO). Die Änderung werde in Kürze veröffentlicht, sagte ein ISO-Sprecher. Damit hatte ein Antrag der DIN-Leute, eine Norm für das große ß zu schaffen, teilweise Erfolg.“

Das rätselhafte Vorpreschen des Deutschen Instituts für Normung ist wohl primär eine sprachpflegerische Maßnahme, um das vermeintlich bedrohte ß zu retten. Wie alle sprachpflegerischen Bemühungen ist auch eine DIN-Norm für das große Eszett unsinnig. Es verstößt gegen die amtlichen Orthographieregeln und findet vor allem keine Entsprechung im Typenvorrat der verbreiteten Schriftfonts, für die es ja erst noch geschaffen werden müsste. Vielleicht werden unterbeschäftigte Typographen das tun, zumindest für Schriften mit Kapitälchen. Trotzdem wäre Herr Eßer nicht gut beraten, seine Visitenkarte mit einem großen Eszett setzen zu lassen. Es könnte ihm dann passieren, dass ihn ausländische Geschäftspartner erst recht mit „Herr Eber“ begrüßen.

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29 Kommentare zu Unnötig groBer Rucksack – Das Eszett wurde aufgepumpt

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