Abendbummel online – Schlechte Zeiten für Podeststeher

Gerade sind Tische und Stühle abgetrocknet, ich habe die freie Auswahl, wohin ich mein Tablett tragen will, doch wie ich gut sitze, verdunkelt sich der Himmel wieder, und schon regnet es mir in den Kaffee. Ich trinke rasch ab, damit mir die Tasse nicht überläuft, und flüchte ins Cafe. Im Pulk hinter der Eingangstür wundere ich mich über die Frau, die den Wolkenbruch ignoriert, gut gelaunt in ihr Mobiltelefon spricht und einfach nicht nass wird, vermutlich wegen der Handystrahlen.

Muensterplatz-im-Regen

Wenn in Nordrhein-Westfalen die Schulferien begonnen haben, ist das Wetter zuverlässig unzuverlässig. Man ist eigentlich immer falsch angezogen, und wenn du am sonnigen Nachmittag jemanden in Regenjacke und mit Schirm siehst, dann ist er nicht etwa verwirrt oder besonders besorgt, sondern vermutlich am verregneten Morgen so zur Arbeit gegangen. Gestern Mittag hatte mich der blaue Himmel verlockt, ich ging ohne Jacke. Als ich am Markt anlangte, verschwand die Sonne. Wie aus dem Nichts erhob sich ein Sturmwind. Am Granusturm des Rathauses packte mich eine Windböe, blähte mein Hemd wie ein Segel und blies mich hurtig die Krämerstraße hinunter. Das alles ging einher mit einem heftigen Temperatursturz, doch zumindest gab es keinen Schneesturm.

Am Tag zuvor hatten in der Krämerstraße wieder jene drei Bettler gestanden, die ich gern fotografieren wollte. Sie tragen fadenscheinige Phantasiekostüme und haben eine dicke Schicht Schminke im Gesicht in der Farbe ihrer Handschuhe. Wenn sie ihren Einsatzort erreicht haben, stellen sie sich auf ein kleines Podest, wählen eine eindrucksvolle Körperstellung und versteinern. Eine Hand ist bittend ausgestreckt, und wenn jemand eine Münze in den Becher zu ihren Füßen wirft, verändern sie ruckartig ihre Haltung, neigen sich dem Spender zu, richten sich wieder auf und erstarren erneut.

Eine solche menschliche Statue sah ich zum ersten Mal vor vielen Jahren auf der Kölner Domplatte. Dort wand sich ein Mann schlangengleich in eine elastische Goldfolie. Eine Weile beulte sie sich über diversen Armbewegungen, und nachdem er sich unter der Folie hergerichtet hatte, verwandelte er sich zu einer goldenen Skulptur des Tutenchamun, war ein heidnischer Gottpharao auf dem Sockel, und das am Fuße des Kölner Doms, wo doch der einzige Gott verehrt wird. Das war nie gesehene Straßenkunst. Tage später gesellte sich aber bereits ein Epigone dazu. Er stand als silberner Außerirdischer am Anfang der Hohe Straße, bewegte sich maschinengleich, und wenn sich jemand näherte, dann zwitscherte er.

Inzwischen ist das starre Herumstehen in Fußgängerzonen ein Geschäft, organisierte Bettelei. Vermutlich sammeln Sklavenhalter in Osteuropa arbeitslose Schauspieler ein, die ein Kostüm als Mitgift einbringen müssen, pferchen sie in Kleinbusse und lassen sie in die deutsche Großstädte karren, wo sie in Fußgängerzonen abgestellt werden. Wenn’s freilich dauernd stürmt, werden sie wie Kegel vom Podest geblasen, weshalb die drei, die es nach Aachen verschlagen hat, schon den zweiten Tag lang zu dritt in ihrem winzigen Pensionszimmer sitzen müssen. Sie starren zu Boden und hoffen auf bessere Zeiten. Also wünschen wir ihnen und uns wenigstens besseres Wetter.

Guten Abend

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